«So viel Wasser!» Der Mann blickt staunend auf die dreckig-braune Flut, die sich unter der Oltner Holzbrücke durch wälzt. Kaum ein Passant, der nicht beim östlichen Brückenkopf für einen Moment stehen bleibt, um einen kritischen Blick auf die Aare zu werfen. Wer die Brücke regelmässig passiert, weiss: Der Pegel steht am Mittwochvormittag höher als an den beiden vorangehenden Tagen. Eine Orientierungshilfe bietet die Tafel, welche die Wasserstände seit dem Rekordhochwasser von 1852 festhält.

Rund 20 Zentimeter fehlen noch bis zur Marke von 2001, der niedrigsten, die hier verewigt ist. Richtig schlimm ist es also immer noch nicht. Allerdings reicht das Wasser nun beim Aarebistro bis ungefähr zur Hälfte der Beaver-Elemente. Ohne diese sähe es hier schlecht aus. Den dicken roten Schläuchen entlang fliesst das Wasser ungehindert in die gemauerte Brückenunterführung des Ländiwegs. Dieser ist aber schon seit Tagen gesperrt – gleich wie der Fussweg, der parallel zur Gösgerstrasse, direkt an der Aare in Richtung Rankwog führt. Freilich: Die Verbote werden missachtet. Am Ländiweg halten sich am Mittwochabend um 21 Uhr rund 30 Personen auf.

Grundwasser drückt nach oben

Nicht passierbar ist am Mittwochvormittag eine Zeit lang auch die Unterführung an der Sälistrasse. Eine Barrikade verhindert die Ausfahrt aus dem Kreisel in Richtung Säliquartier. Grund: In der Senke liegt Wasser – Grundwasser. Mit dem hohen Pegel der Aare steigt auch jener des Grundwassers. Auf dem Parkplatz in der Schützi breitet sich vorübergehend ebenfalls ein kleiner stiller See aus, in dem sich die Bäume munter spiegeln. Es hat aber immer genügend freie Parkplätze daneben. Sprich: Auch ohne Gummistiefel kann man hier seinen Wagen abstellen.

Weiter flussabwärts: Im Obergösger Schachen lecken kleine Ausläufer der Fluten am teilweise noch unfertigen Hochwasserschutzdamm im Bereich Dänikerstrasse – allerdings ohne den Torso im Geringsten zu prüfen. In Schönenwerd steht der Fussweg beidseits der Brücke längst meterhoch unter Wasser. Im Schönenwerder Schachen dagegen ist der Weg entlang dem etwas eilig, aber ohne grosse Erregung dahingleitenden Fluss durchaus begehbar. Rentner führen in der frühlingsgrünen Auenlandschaft, die jetzt, mit all dem Wasser, erst recht an romantische Gemälde erinnert, ihre Hunde spazieren.

Unterhalb des Wehrs ist von den Sandbänken, bei denen sich im Sommer Badende und Grillparty-Hundertschaften tummeln, nichts zu sehen. Wasser, aus dem Bäume herausragen – nichts als Wasser, das sich tosend vom Wehr ins Bett der Aare hinabstürzt! Hier offenbart sich die wahre Natur der Aare. Wehe, wenn diese gewalttätige Nachbarin aus ihrem Bett will! Extrem ist die Lage am Ufer im Moment aber nicht. Jedenfalls sind auch in Aarau die beiden Uferwege, die vom Süffelsteg her flussaufwärts zum Schönenwerder Wehr führen, nicht gesperrt.

Entspannung in Sicht

Am Mittag liegt der jüngste von der Abteilung Katastrophenvorsorge verfasste Lagebericht des Kantonalen Führungsstabs vor. Es ist aktuell die mittlerweile siebte Standortbestimmung zur «Hochwasser-Gefahr». Ein schmaler Hochdruckausläufer, der sich von Frankreich her zur Alpennordseite ausweite, werde in den nächsten Tagen zu einer merklichen Entspannung der Wetterlage in der Schweiz führen, schreiben die Sachverständigen. Wegen des Regens in der Nacht und am Morgen ist die Abflussmenge der Emme vorübergehend angestiegen. Offenbar konnte diese von der Aare jedoch «ohne merkliche Veränderung der aktuellen Lage» aufgenommen werden.

In Port gehen die Schleusen auf

Im Verlauf des Mittwochs verbessert sich das Wetter deutlich. Für die Berner Behörden ist das der Moment, um in Port die Schleusen zu öffnen, um das Niveau des Bielersees so schnell wie möglich abzusenken. Dies auch mit Blick auf die Schneeschmelze und allfällige weitere Niederschläge am kommenden Wochenende. Der Sonderstab «Hochwasser» des Kantons Solothurn, wird im Lagebericht ausdrücklich festgehalten, habe dem Antrag der Berner Behörden zugestimmt.

Mit der Absenkung des Bielersees – so die Schätzung der Behörden – wird sich die Abflussmenge in Port von 650 bis 670 Kubikmeter auf rund 700 bis 720 Kubikmeter pro Sekunde erhöhen. «Dadurch», so der Lagebericht vom Mittwoch, «ist im gesamten Verlauf der Aare mit einer gleichbleibend hohen Wassermenge zu rechnen.» Dementsprechend mahnen die Behörden die Bevölkerung, «entlang der Aare äusserst vorsichtig zu sein».

Am Mittwoch ist es ein Auf-und-ab: Um 21 Uhr liegt der Pegel wieder schätzungsweise 30 Zentimeter tiefer als am Morgen. Der Hochwasserschutz in Olten (Beaver-Elemente) und im Niederamt (Feuerwehr, Zivilschutz) bleibt so oder so mindestens bis nächsten Montag bestehen. Bis dahin werden noch viele Passanten auf der Oltner Holzbrücke einen kritischen Blick auf die Aare werfen. Nicht nur dort.