Volksschule

Wegen Personalmangel: Deutsche Lehrer für Solothurner Schüler

Besonders die Schulen in den grenznahen Schwarzbubenland-Gemeinden sind froh um die Hilfe aus Deutschland.

Besonders die Schulen in den grenznahen Schwarzbubenland-Gemeinden sind froh um die Hilfe aus Deutschland.

Deutsche Lehrer und Lehrerinnen in Solothurner Klassenzimmer sind keine Seltenheit mehr. Momentan sind es ungefähr 25 an der Zahl - eine systematische Erfassung fehlt. Und es dürften in Zukunft mehr werden, schätzt der Kanton.

Das neue Schuljahr beginnt in genau drei Monaten, doch der Start dürfte nicht überall ganz reibungslos verlaufen: Während sich auf der Sekundarstufe allmählich die Entspannung breitmacht, kämpfen jetzt Primarschulen und Kindergärten, damit sie all ihre Lehrerstellen besetzen können. Probleme gibt es dabei vor allem in den ländlichen Randregionen. 

Mancherorts ist die Lage derart schwierig, dass selbst Quereinsteiger und frisch ausgebildete Lehrer nur wenig ausrichten können. Deshalb müssen die Schulen auf eine ungewöhnliche Massnahme zurückgreifen: Sie rekrutieren ihre Lehrer im deutschen Grenzgebiet. Bereits heute fahren täglich rund 25 deutsche Pädagogen über die Grenze ins Solothurnische, schätzt das kantonale Volksschulamt. Eine systematische Erfassung gibt es nicht, die Zahl dürfte aber weiter ansteigen.

Profitieren von der Grenznähe

Gerade die Schulen im grenznahen Schwarzbubenland sind froh um die Hilfe aus dem Ausland. Zeitweise ist es hier ohne Grenzgänger unmöglich, alle Stellen zu besetzen. Seit den 1990er-Jahren pendeln Lehrer aus dem süddeutschen Raum in den Bezirk Dorneck. Der Lehrermangel trifft etwa das Leimental: An der Primarschule in Rodersdorf unterrichtet derzeit ein Lehrer aus dem Bundesland Baden-Württemberg. Ein Pädagoge stammt aus dem angrenzenden Frankreich.

Die Erfahrungen mit den Grenzgängern seien durchweg positiv, sagt Schulleiterin Liselotte Widmer. «Lehrpersonen aus Deutschland sind motiviert und haben eine hohe Einsatzbereitschaft. Trotz langem Arbeitsweg.» Anfänglich schalteten die hiesigen Schulen ihre Stelleninserate noch in der «Badischen Zeitung», um deutsche Lehrkräfte zu finden. Doch das ist heute gar nicht mehr nötig. Selbst ohne spezielle Ausschreibung erhält Schulleiterin Widmer viele Bewerbungen aus dem nördlichen Nachbarland: «Die Lehrer bewerben sich direkt über die Schweizer Stellenportale.»

40 Prozent mehr Lohn

Längere Unterrichtszeiten? Ein Arbeitsweg von eineinhalb Stunden? Davon lassen sich deutsche Lehrer nicht abschrecken. Wer im Kanton Solothurn anheuert, kann mehrere Monatslöhne gutmachen. Ein Primarlehrer mit elf Berufsjahren darf im Kanton Solothurn mit einem Jahreslohn von 108 000 Franken rechnen. In Süddeutschland verdient ein Lehrer auf vergleichbarem Niveau mehr als 40 Prozent weniger. Das weiss auch Manfred Müller* aus dem Landkreis Lörrach.

Seit vier Jahren arbeitet er an einer Mittelstufe im Schwarzbubenland. «Ich unterrichte lieber acht Stunden mehr pro Woche und bekomme dafür ein solides Gehalt», sagt der Mathematiklehrer offen.

Die Wechsellust hat nicht nur finanzielle Gründe: Im Westen Deutschlands herrscht tendenziell eher ein Überangebot an Lehrern. Der Übertritt in die Schweiz ist für deutsche Lehrkräfte jedoch mit einigen Hürden verbunden. Sie benötigen beim Stellenantritt eine Bewilligung vom Migrationsamt. Ausserdem müssen sie bei der Erziehungsdirektoren-Konferenz beantragen, dass ihre Diplome anerkannt werden.

Das klappt nicht immer. Ein Beispiel: Die Ausbildung zur Kindergärtnerin ist in der Schweiz anspruchsvoller. Deutsche Abschlüsse werden meist nicht anerkannt. Die Kindergärtnerinnen benötigen eine Zusatzausbildung. Nahtlos funktioniert die Anerkennung auf den anderen Stufen.

Und der Lehrermangel?

Im Kanton Solothurn fehlen momentan noch 55 Lehrer für das nächste Schuljahr. Von einem generellen Mangel will Yolanda Klaus vom Solothurner Volksschulamt allerdings nichts wissen: «Die Zahl der offenen Stellen ist eher tief für den Monat Mai», sagt sie. Der Arbeitsmarkt für Lehrer sei von regionalen Unterschieden gezeichnet. Je nach Schulart und Fach könne es sogar mal zu einem Überhang kommen. Klaus rechnet damit, dass die meisten der offenen Stellen bis zum Start des neuen Schuljahres besetzt werden können.

Trotz der vielversprechenden Situation warnt etwa der Verband der Schweizer Schuleiter vor voreiligen Schlüssen. Schulen müssten heute Bewerber einstellen, die nicht auf der Stufe unterrichten, für die sie ausgebildet sind. Folge sei ein unzureichender Unterricht. Zudem müsse man an die kommenden Jahre denken: Die Schülerzahlen werden auch im Kanton Solothurn ansteigen. Gleichzeitig stehen viele Lehrer kurz vor ihrer Pensionierung.

* Name der Redaktion bekannt.

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