Steuerdaten-Scanning
Wegen Mail an SVP-Kantonsrat: Donnelley-CEO Urs Birrer muss gehen

Urs Birrer, der CEO der Datenverarbeitungs- und verwaltungsfirma RRDonnelley Schweiz (RRD), muss seinen Hut nehmen. Er stolperte über ein Schreiben, das er an den Solothurner SVP-Kantonsrat Manfred Küng gemailt hatte.

Sven Altermatt
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Urs Birrers E-Mail an Manfred Küng.

Urs Birrers E-Mail an Manfred Küng.

zvg

«Äusserungen, die ich bereue»

In der Zwischenzeit bedauert Urs Birrer sein E-Mail an SVP-Politiker Manfred Küng. Anfang dieses Monats räumte er auf Anfrage dieser Zeitung ein, «gegenüber einem Mitglied des Kantonsrats vermutlich Äusserungen gemacht zu haben, die ich im Nachhinein bereue». Das tue ihm leid und er entschuldige sich «bei dieser Person», so Urs Birrer damals. Für eine weitere Stellungnahme war er nicht erreichbar. (sva)

Anfang Februar machte diese Zeitung den Mailverkehr publik. Dieser zog daraufhin weite Kreise, Politiker von links bis rechts zeigten sich empört. Der Tenor: Es sei untragbar, dass ein Volksvertreter von einem wichtigen Auftragnehmer des Kantons derart verunglimpft werde. Und für die SVP war klar, dass die Zusammenarbeit des Kantons mit RR Donnelley «nicht mehr tragbar» sei.

Unmut bei den Behörden

Kantonsrat Küng hatte im November 2013 eine Interpellation eingereicht, in der er kritische Fragen zu RR Donnelley stellte. Die im zürcherischen Urdorf ansässige US-Firma scannt im Auftrag der Solothurner Steuerverwaltung seit acht Jahren sämtliche Steuererklärungen, damit die Veranlagungen auf elektronischem Weg erstellt werden können. Küngs Vorstoss war längst erledigt, als sich Donnelley-Chef Urs Birrer im vergangenen Dezember per E-Mail an den Interpellanten wandte, ihn beschimpfte und subtil bedrohte.

Auch beim Solothurner Finanzdirektor war die Attacke auf Unmut gestossen: Er habe eine derartige Reaktion des Chefs von RR Donnelley nicht einfach so hinnehmen können, erklärte Roland Heim (CVP) damals auf Anfrage. Damit bestätigte er Informationen dieser Zeitung, wonach er von Küng über dessen Mailwechsel mit Birrer unterrichtet worden war. Daraufhin war Marcel Gehrig, der Chef des Steueramts, mit Birrer in Kontakt getreten und habe ihm «unmissverständlich mitgeteilt, dass wir seine Reaktion selbstverständlich als nicht tolerierbar taxieren».

Entlassungsbefehl aus den USA?

Nun wird bekannt: Gehrig intervenierte auch direkt beim Donnelley-Mutterhaus in Chicago. «Der Europa-Verantwortliche von RR Donnelley hat bereits im Januar eine interne Untersuchung eingeleitet», erklärt der Steueramt-Chef im Gespräch. Als diese Zeitung dann aus Birrers Nachricht zitierte, seien die Medienberichte ins Englische übersetzt und an die Donnelley-Zentrale übermittelt worden.

Offenbar war dies dann der berühmte Tropfen, der beim Mutterhaus das Fass zum Überlaufen brachte. Zu gross schien die Sorge, dass die Reputation des weltweit tätigen Konzerns weiter Schaden nehmen könnte. Anfang dieser Woche informierte das Donnelley-Management die Solothurner Behörden über die Freistellung von Urs Birrer. Eine Delegation des Managements sprach zudem persönlich bei Finanzdirektor Heim vor und entschuldigte sich für das Verhalten Birrers. Die Entlassung sei «auf den Umgang mit dem Kanton Solothurn als Kunde» zurückzuführen, heisst es in einer Mitteilung des Regierungsrats. Der Konzern habe damit seine Führungsverantwortung wahrgenommen, sagt Steueramt-Chef Gehrig.

Dass Birrer sein Verhalten in der Zwischenzeit bedauert, genügt da offenbar nicht. Der Manager muss sein Büro räumen. Bei RR Donnelley will man sich auf Anfrage nicht näher zur Entlassung äussern. Marketing-Chef Jean-Claude Ruppen bestätigt einzig: «Urs Birrer ist per Ende Februar nicht mehr für unsere Firma tätig.» Das Mutterhaus in den USA hat laut Ruppen entschieden, dass die Schweizer Tochterfirma nun vom bisherigen Management weitergeführt werde.
Erfolgreicher Manager

Urs Birrer war seit 2004 als CEO von RR Donnelley in der Schweiz und Österreich tätig. Zuvor arbeitete der 52-jährige Ökonom in leitenden Positionen für Swisslog und Unisys. Laut einem Branchenkenner war es Birrers Verdienst, «dass RR Donnelley in der Schweiz erfolgreich expandieren konnte». Das Unternehmen gehört seit 2005 zum gleichnamigen US-Konzern mit Sitz in Chicago. RR Donnelley ist an der New Yorker Börse Nasdaq kotiert. Der Schweizer Ableger zählt an drei Standorten rund 100 Mitarbeiter, weltweit werden 58 000 Mitarbeiter beschäftigt.