Schenkkreis-Mord
Wegen Dreifach-Mordes verurteilt: «Lebenslänglich» ist ihnen zu viel

Das Solothurner Obergericht entscheidet über die Berufung der drei erstinstanzlich Verurteilten im Schenkkreis-Mord: Guido S., Patric S. und Ruth S. Sie waren unter anderem des mehrfachen Mordes schuldig gesprochen worden.

Urs Mathys
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Die drei erstinstanzlich Verurteilten im Schenkkreis-Mord (v.l.): Guido S., Patric S. und Ruth S.

Die drei erstinstanzlich Verurteilten im Schenkkreis-Mord (v.l.): Guido S., Patric S. und Ruth S.

Keystone

Es ist eines der grausamsten Verbrechen in der jüngeren Geschichte des Kantons: Die Schenkkreis-Morde von Grenchen im Juni 2009. Ab Montag stehen die drei mutmasslichen Täter vor dem Solothurner Obergericht. Wegen des Dreifach-Mordes an der Grenchner Familie Dubey waren sie im Mai 2012 vom Amtsgericht Solothurn-Lebern zur Höchststrafe «Lebenslänglich» verurteilt worden.

Während die beiden beschuldigten Männer - der heute 37-jährige ehemalige Hammerwerfer Patric S. und der 29-jährige «Güggeli»-Brater Guido S. - seither im vorzeitigen Strafvollzug sitzen, ist die 53-jährige Hundezüchterin Ruth S. seit Juli 2012 wieder frei. Die mutmassliche Drahtzieherin hatte erfolgreich gegen die Anordnung der Sicherheitshaft geklagt: Weil die Fluchtgefahr in ihrem Fall als nicht gross genug eingestuft wurde, kam auf freiem Fuss.

Patric S. wird ins Amtshaus geführt
12 Bilder
Kameras begleiten den Auftritt des ehemaligen Spitzensportlers
Der 35-Jährige Hüne war Hammerwerfer.
Guido S. auf dem Weg vor Gericht
Der 27-jährige Guido S. hat früher Güggeli verkauft
Ruth S., mit Anwalt Daniel Walder Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, die Drahtzieherin zu sein. Sie bestreitet dies.
Hier findert der Prozess statt: Das Amtsgericht in Solothurn
Pius Buchmann (rechts), Verteidiger von Patric S.
Staatsanwalt Jan Gutzwiller
Die Angeklagten: Guido S., Patric S. und Ruth S.
Ruth S. während des Prozesses
Prozess zum Schenkkreis-Mord im Solothurner Amtshaus

Patric S. wird ins Amtshaus geführt

Keystone

Täter erhofften «das grosse Geld»

Die äusserst brutale Ermordung von Mutter Margrit Dubey (damals 55-jährig), Vater Pierre-André (60) und Tochter Dania (35) hatte schweizweit für Aufsehen gesorgt. Ein erster Raubüberfallversuch war am 14. Mai 2009 noch abgebrochen worden. Der zweite Anlauf wurde dann durchgezogen: mit «aller Heimtücke, ausserordentlich kaltblütig und grausam, besonders skrupellos und aus verwerflichen Beweggründen», wie der Staatsanwalt in der Anklageschrift ausgeführt hatte.

Im Schenkkreis-Sumpf

Der Familie Dubey wurde ihr Wirken als Schenkkreis-Organisatoren zum Verhängnis: Aus diesen illegalen Glücksspielen, so hatten die Täter erwartet, müssten Hunderttausende von Franken zu holen sein.

Tatsächlich hatte Margrit Dubey in der ganzen Nordwestschweiz und im süddeutschen Raum mehrere Kreise gegründet, geführt, bewirtschaftet und neue Teilnehmer angeworben. Dem Schneeball-/Pyramidenprinzip folgend bauen Schenkkreise darauf auf, dass immer neue Teilnehmer einen Einsatz - hier zwischen 10 000 und 20 000 Franken an bisherige Mitglieder «schenken» - darauf vertrauend, selber in der Pyramide aufzusteigen und von neuen Teilnehmern um ein Mehrfaches «beschenkt» zu werden. Im Zuge der Ermittlungen ergingen im Kanton Solothurn 20 Strafanzeigen gegen andere Schenkkreis-Organisatoren, zusätzlich liefen 16 ausserkantonale Verfahren. (ums.)

Für den Abend des 5. Juni 2009 hatten sich die zwei Männer bei der als Schenkkreis-Organisatoren aktiven Familie Dubey angemeldet. Aber statt (erneut) Geld in die illegale «Geldmaschine» zu investieren, wollten die in massiven Geldnöten steckenden Besucher ihrerseits fette Beute machen. Mit Einschüchterung und Gewalt wurde versucht, den drei Opfern das vermutete Versteck des erhofften Vermögens aus Schenkkreis-Gewinnen zu entlocken. Doch letztlich fielen den Tätern gerade mal 5000 Franken, 600 Euro, vier Uhren und Modeschmuck in die Hände. Die dilettantischen Täter konnten bereits am 19. Juni 2009 verhaftet und in Untersuchungshaft gesetzt werden.

Geschlagen, erstickt, erschossen

Am Tatort, in der Wohnung und dem Büro der Dubeys im Stadtzentrum, waren nur Patric S. und Guido S. in Aktion getreten. Letzterer war es, der die gefesselte und geknebelte Tochter Dania mit über den Kopf gestülpten Plastiksäcken in Todesangst versetzt und schliesslich auf grausamste Art erstickt hatte. Sein Komplize Patric S. hatte das gleiche Prozedere zuvor bereits bei Mutter Margrit angewendet, auch Vater Pierre-André misshandelt und diesen schliesslich mit einem Pistolenschuss in den Hinterkopf getötet.

Im Gegensatz zu den weitgehend geständigen Mitbeschuldigten hatte Ruth S. - was die Tötungen betrifft - vor Amtsgericht jede Mitverantwortung vehement abgestritten. Der damalige Amtsgerichtspräsident François Scheidegger - inzwischen Stadtpräsident von Grenchen - sah dies aber anders: Er attestierte der Frau, «eine wichtige Rolle als die im Hintergrund tätige Drahtzieherin» gespielt und die Tötung von Margrit Dubey geplant zu haben. Die «Eiserne Lady» habe «perfiderweise den unangenehmen Teil den beiden Männern überlassen», befand der Gerichtspräsident. Auch sei die Idee, mit Plastiksäcken zu töten, von Ruth S. gekommen.

Das Urteil hatte in der Folge für alle drei identisch gelautet: Schuldig des mehrfachen Mordes, qualifizierten Raubes, strafbarer Vorbereitungshandlungen zu Raub und Mord. Und gleich lautete für alle drei auch das Strafmass: Lebenslänglich. Die Verteidiger der Verurteilten hatten das Urteil bereits bei dessen Eröffnung vehement kritisiert und sogleich die Berufung angekündigt.

Prozessbeginn Montag, 8.30 Uhr im Saal des Obergerichts (Amthaus 1) und dauert bis Freitag. Die Urteilseröffnung ist auf Montag, 27. Januar, 14 Uhr angesetzt.