Kanton Solothurn

Weg der Berufslehre bleibt beliebt: «Angebot war noch nie so hoch»

Die Berufslehre – im Bild ein angehender Polymechaniker – bleibt gefragt. (Archiv)

Die Berufslehre – im Bild ein angehender Polymechaniker – bleibt gefragt. (Archiv)

Die Zahl der Lehrverhältnisse im Kanton steigt. Für Stefan Ruchti ist dies erfreulich, weil so die Attraktivität des Lehrstellenmarkts bestätigt wird. Aufgrund der abnehmenden Zahl der Schulaustretenden werde es aber schwierig zu Lernenden zu kommen.

Das ist eine Überraschung: Die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge im Kanton Solothurn ist auf Lehrbeginn August 2015 gegenüber den Vorjahren gestiegen. Überraschend deshalb, weil die Zahl der Schulaustretenden stetig sinkt. «Das ist sehr erfreulich und zeigt, dass die Attraktivität der Berufslehre nach wie vor hoch ist», erklärt Stefan Ruchti, Chef des Amtes für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen (ABMH).

Gerade für den Industriekanton Solothurn sei die Entwicklung positiv, weil hier viele Fachkräfte gesucht werden. Die Entwicklung nach oben begründet Ruchti unter anderem mit mehreren Massnahmen, die nun Wirkung zeigten. Er nennt das Lehrstellenmarketing in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Gewerbeverband, die aktiver gewordenen Berufsverbände, welche das zu Unrecht schwierige Image der Berufslehre in der Industrie und im Handwerk langsam wieder korrigieren.

2379 Berufslehren (Stand 31. August 2015) wurden in Angriff genommen. Das sind 104 oder 4,6 Prozent mehr als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Gleichzeitig ist auch der Bestand an Lehrverträgen leicht auf 6507 gestiegen.

«Ein zunehmender Engpass»

Trotzdem. Die demografische Entwicklung wird das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage vergrössern. So haben diesen Sommer 2662 Schülerinnen und Schüler ihre obligatorische Schulzeit abgeschlossen.

Das waren fast 60 weniger als im Vorjahr. «Diese Entwicklung wird sich bis 2022 fortsetzen», erläutert Ruedi Zimmerli, Leiter Berufslehren beim ABMH. Basierend auf den Jahrgangszahlen würden bis dannzumal 500 bis 600 weniger Schülerinnen und Schüler die obligatorische Schulzeit beenden. Erst danach würde die Zahl der Schulaustretenden wieder ansteigen. Allerdings wird es, so Zimmerli, dauern, bis der heutige Stand wieder erreicht sein dürfte.

«Die Ausbildungsbetriebe sind gefordert. Es wird zunehmend schwieriger, zu entsprechend qualifizierten Lernenden zu kommen», sagt Zimmerli. Das zeigt sich bereits heute. Aktuell sind auf der Plattform Lena (Lehrstellennachweis) im Kanton Solothurn 219 Lehrstellen für 2015 offengeblieben. Insbesondere die Baubranche, das Gast- und Autogewerbe sowie der Detailhandel suchen noch Lernende.

Positiv sei, dass die Ausbildungsbereitschaft seitens der Firmen sehr hoch bleibe, trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten und trotz Frankenstärke, ergänzt Amtschef Ruchti. Dies gelte auch für niederschwellige Berufe. Denn die Zahl der Absolventen einer zweijährigen Lehre mit Berufs-Attest (EBA) steige kontinuierlich.

Angebot auf Höchststand

Auf der erwähnten Plattform zur Lehrstellensuche seien aktuell fast 1800 Lehrstellen mit Beginn August 2016 ausgeschrieben. Experte Zimmerli: «Das Angebot war zu diesem Zeitpunkt noch nie so hoch.» Im Amt geht man davon aus, dass auf «Lena» rund 70 Prozent der Stellen ausgeschrieben sind. Früher habe dieser Anteil bei rund 50 Prozent gelegen. «Die Ausbildner haben auf den zunehmenden Engpass reagiert und engagieren sich proaktiv, um den beruflichen Nachwuchs zu erhalten», beobachtet Zimmerli.

Das sei eine zentrale Aufgabe jedes einzelnen Betriebes, der künftige Fachkräfte ausbilden will, erklärt Ruchti. «Ohne Basis an ausgebildeten Berufsleuten fehlt später auch das Potenzial für Kaderstellen.» Der eindeutig härter werdende Kampf um Lernende werde sich – sozusagen als Nebeneffekt – positiv auf die Qualität der Ausbildungsplätze auswirken.

«Wenn der Schulaustretende mehrere Optionen hat, wird er den für ihn besten Ausbildungsplatz wählen.» Es werde, so Zimmerli weiter, zu einer Flurbereinigung kommen.

Nach wie vor bleibt die Berufslehre der am meisten beschrittene Weg nach der obligatorischen Schulzeit. Nach Angaben des Kantons haben 55,4 (Vorjahr 54,6) Prozent oder 1475 der 2662 Schulaustretenden eine berufliche Grundausbildung begonnen. Die Differenz zu den 2379 tatsächlich abgeschlossenen neuen Lehrverträgen erklärt sich durch jene Lernenden, die nicht im Kanton Solothurn wohnhaft sind, von der Kantonsschule oder einer Zwischenlösung heraus die Lehre starten, eine Zweitausbildung oder nach einem Lehrabbruch eine neue Ausbildung beginnen.

Ans Gymnasium oder die Fachmittelschule wechselten 26,7 (30,4) Prozent. Der Drang ans Gymnasium bestehe grundsätzlich weiterhin. Die Durchlässigkeit unseres Bildungssystems erlaube aber verschiedene Karrieremöglichkeiten. Es sei deshalb noch kein Trend ablesbar, weil diesen Sommer erst der zweite Durchgang nach der Oberstufenreform «auf den Markt» gekommen sei.

15 (12) Prozent absolvieren eine Zwischen- oder Übergangslösung wie Berufsvorbereitungsjahr, Brückenangebote, Austauschjahr, Berufspraktika usw. Nur 2,9 (3) Prozent oder 77 Schulaustretende hatten (Stand Juli) keine Anschlusslösung gefunden, wie Ruchti weiter ausführt. Dank intensiver Betreuung durch das Amt (Berufsberatung, Berufswahlplattform, Case Management usw.) habe bislang für zahlreiche Anschlusslose eine Lösung gefunden werden können. Damit liege der Kanton Solothurn landesweit « sehr weit vorne».

Ebenfalls führend sei Solothurn im Bereich der Nachholbildung. Derzeit befänden sich über 350 erfahrende Berufsleute in der Ausbildung, um sich das nötige schulische Wissen und damit das fehlende Fähigkeitszeugnis bzw. Berufssattest zu erarbeiten. «Das Angebot hat sich bewährt und es hilft mit, den Fachkräftemangel zu dämpfen», ist Ruchti überzeugt.

Umso erfreulicher sei die stetige Zunahme der Nachholbildner, weil die Hürden hoch seien. Ruchti erwähnt vor allem die Dreifach-Belastung: Im Betrieb wird weiterhin die volle Leistung erwartet, die Schule ist herausfordernd und in den meisten Fällen haben die Absolventen Familie.

Firmen öffnen ihre Tore

Insgesamt beurteilt Ruchti den Solothurner Lehrstellenmarkt als «sehr gut», insbesondere für angehende Lernende, herausfordernder für die Ausbildungsbetriebe. Da sei man aber auf gutem Wege; mit der Berufsorientierung in der Sekundarstufe I, Anlässen wie IB Live, der aktuellen HESO-Sonderschau «Dein Beruf – Dein Erfolg» oder dem Ausbau des Angebotes an Schnupperlehren gelinge es, die Türen in den Betrieben zu öffnen und den Schulaustretenden ein realistisches Bild der verschiedenen Berufsbilder zu vermitteln.

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