10 Fragen
Was tun die Moscheen, um Radikalisierung vorzubeugen?

Junge radikalisierte Muslime sorgen für Verunsicherung in der Gesellschaft. Was unternehmen die muslimischen Verbände? Wir verschickten zehn Fragen an fünf Moscheen aus der Region – und bekamen zwei Antworten.

Bastian Heiniger
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Wird in den hiesigen Moscheen nicht nur gebetet?

Wird in den hiesigen Moscheen nicht nur gebetet?

Keystone

Paris, Istanbul, Jakarta: In jüngster Zeit mehren sich Terroranschläge im Namen des sogenannten Islamischen Staats (IS). Auch in der Schweiz gibt es junge radikalisierte Muslime. Sie sorgen für Verunsicherung in der Gesellschaft. Doch was unternehmen die muslimischen Verbände? Wie reagieren Moscheen auf die IS-Propaganda? Diese Zeitung hat bei Moscheen in der Region nachgefragt: Wir verschickten je zehn identische Fragen an fünf Moscheen.

Antworten erhielten wir nur vom Solothurner Verein «Anadolu-Helvetia» und von der «Islamischen Glaubensgemeinschaft» aus Langenthal. Auch mehrmaliges Nachfragen half nicht: Die Moschee in Bellach wollte die Fragen eigentlich beantworten, schaffte es dann aber doch nicht. Ähnlich bei der Albanisch-Islamischen Glaubensgemeinschaft in Grenchen: Es gäbe keinen Imam, der gut genug Deutsch könne, hiess es dort zuletzt. Und bei der Moschee in Wangen bei Olten: «Wenn es für uns nötig ist, werden wir antworten. Sonst nicht.»

1 Wie gut verstehen sich Sunniten und Schiiten in der Schweiz? Drohen aufgrund der internationalen Konflikte auch hier Auseinandersetzungen?

Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGL): In der Schweiz ist der Anteil an Schiiten sehr klein. Daher gibt es auch keine Konfrontationen. Wir als Sunniten merken nicht, ob ein Moslem Schiit oder Sunnit ist – ausser er besucht uns in der Moschee. Erst während des Betens merkt man einen Unterschied. Aber das ist für uns kein Problem, da beide den gleichen Gott anbeten.

Anadolu-Helvetia (AH): Wir können hier keine Probleme zwischen Sunniten und Schiiten beobachten. Wir denken, die bestehenden Probleme im Ausland sind politischer Natur.

2 Was unternimmt die Moschee, wenn sie feststellt, dass sich Jugendliche radikalisieren?

IGGL: Wir sprechen mit dem Jugendlichen und mit seiner Familie. Wir versuchen, ihm den richtigen Weg zu zeigen und die moderaten Werte des Islams beizubringen.

AH: Wir haben bisher noch nie erlebt, dass sich Jugendliche radikalisiert hätten – und wir rechnen auch nicht damit, dass dies hier vorkommen sollte. Das liegt unserer Meinung nach am guten und funktionierenden sozialen Netz. Sollten wir dennoch den Verdacht haben, dass sich eine Radikalisierung anbahnt, würden wir in einem vertraulichen Rahmen die Behörden informieren und mit diesen das weitere Vorgehen absprechen. Als zentral erachten wir Vertrauensbildung und Transparenz im Sinne von Aufklärung. Wer den Islam als tolerante Religion, als Bereicherung erlebt, der lässt sich nicht so schnell von radikalen, intoleranten Ideologen verführen.

3 Machen Sie aktiv etwas, um einer Radikalisierung vorzubeugen?

GL: Wir haben in unserer Moschee eine Jugend-Kommission formiert. Bei Verdachtsfällen handeln Kommission, Imam und Vorstand zusammen. Als Erstes versuchen wir, dem Jugendlichen von diesem Weg abzuraten. Parallel dazu benachrichtigen wir die Eltern. Falls dies nicht hilft, erteilen wir ein Hausverbot. Wenn auch diese Massnahme missachtet wird, wenden wir uns an die zuständigen öffentlichen Behörden.

AH: Unsere Aktivitäten sind nicht darauf ausgerichtet, Radikalisierung zu verhindern. Doch genau das erreichen wir: Wir lassen den Jugendlichen Raum bei der Gestaltung eigener Aktivitäten, auch im Rahmen der Moschee. Dazu gehören etwa regelmässige Kino-Abende mit Filmen, welche die Jungen selber auswählen. Wir glauben, dass zufriedene und sozial eingebundene Jugendliche weniger empfänglich sind für radikales Gedankengut. Das gilt unserer Meinung nach für alle Jugendlichen, egal welcher Herkunft und Religion.

4 Stellen Sie fest, dass manche Jugendliche beeindruckt sind vom IS?

IGGL: Glücklicherweise können wir bis heute keinen solchen Fall verzeichnen.
AH: Nein, eher das Gegenteil ist der Fall.

5 Was könnte die Jugendlichen am IS überhaupt faszinieren?

IGGL: Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe und der Drang, sich vor anderen zu beweisen.

AH: Das ist schwierig zu sagen.

6 Was muss sich politisch ändern, damit sich Jugendliche nicht radikalisieren lassen?

IGGL: Es bedarf einer stärkeren Aufklärung sowie einer besseren Integration der Muslime und vor allem der islamischen Jugend.

AH: Dazu gibt es wohl kein Patentrezept. Jugendliche haben wie auch Erwachsene unterschiedliche Bedürfnissen und Befindlichkeiten. Es wäre aber allgemein betrachtet hilfreich, wenn man muslimische Jugendliche nicht auf ihre Religion beschränkt und allfällige Vergehen von Jugendlichen nicht direkt als Folge ihrer Religion betrachtet. Wir empfinden seit 9/11 eine zunehmend konfrontative und pauschalisierende Haltung gegenüber uns Muslimen. Das kann bei jungen Menschen, die sich in einer identitätsbildenden Phase befinden, eher zu einer abgrenzenden Haltung führen.

7 Was können Sie gegen die IS-Propaganda unternehmen?

IGGL: In den Freitagspredigten versuchen wir, dies zu thematisieren.
AH: Transparenz und Aufklärung. Wer seine Religion kennt, lässt sich nicht von falschen Verheissungen verführen.

8 Warum zeigen sich Moscheen zurückhaltend, sich vom IS zu distanzieren?

IGGL: Weil die in der Schweiz lebenden Muslime davon ausgehen, dass die Schweizer Bevölkerung den Islam mittlerweile gut genug kennt, um zu wissen, dass der IS weit vom wahren Islam entfernt ist. Zudem werden die Distanzierungserklärungen von Moscheen nicht genug öffentlich publiziert.

AH: Die Einschätzung, dass sich Moscheen zu wenig distanzieren, können wir nicht teilen. Wir betonen im persönlichen Kontakt unmissverständlich, dass wir den IS verabscheuen. Aber noch wichtiger: Der IS hat für uns keinerlei repräsentativen Charakter. Weshalb sollen wir uns von einer menschenverachtenden und terroristischen Vereinigung distanzieren müssen? Der Umstand, dass Sie von uns eine Distanzierung von Terroristen fordern, zeigt, dass auch die Medien Mühe damit bekunden, ein differenziertes Bild über Muslime zu pflegen. Dazu kommt, dass der IS eher ein politisches Phänomen ist und dass sich viele Moscheen grundsätzlich nicht politisch betätigen und äussern.

9 Wie unabhängig sind Moscheen in der Schweiz?

IGGL: So wie unsere Moschee in Langenthal, sind die meisten Moscheen in der Schweiz autonom.

AH: Wir verstehen die Frage nicht. Können Sie diese präzisieren? Abgesehen davon können wir nur für uns selber und höchstens für jene Moscheen sprechen, die der Türkisch-Islamischen Stiftung angeschlossen sind.

10 Können Sie offenlegen, wie die Moschee finanziert wird?

IGGL: Wir werden durch freiwillige Mitglieder- und Gönnerbeiträge finanziert.

AH: Kein Problem: Wir haben Einnahmen aus Mitgliederbeiträgen und Erträge aus Aktivitäten wie Snack-Verkäufen. An Feiertagen, etwa beim Ramadan-Gebet, sammeln wir Spenden von den anwesenden Personen. Wir erhalten in der Spendenbox der Moschee nie anonyme Spenden, die 100 Franken übersteigen.

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