Beat Künzli
Was treibt den wohl hartnäckigsten Bildungskritiker an?

SVP-Kantonsrat Beat Künzli kämpft gegen Bildungsreformen wie den Lehrplan 21. «Ich will nur das Beste für meine Kinder», sagt er. Seine Gegner werfen ihm vor, nur Unruhe zu stiften. Was treibt den sechsfachen Vater an? Ein Porträt.

Lucien Fluri
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«Ich will das Beste für meine Kinder», sagt Beat Künzli. Deshalb wehrt er sich an mehreren Fronten gegen Bildungsreformen.

«Ich will das Beste für meine Kinder», sagt Beat Künzli. Deshalb wehrt er sich an mehreren Fronten gegen Bildungsreformen.

Hanspeter Bärtschi

Beat Künzli liess sich nicht aus der Ruhe bringen. Er hatte einen Vorstoss zur Landwirtschaft eingereicht, da kam ein Kantonsratskollege zu ihm. Ein Lehrer. «Jetzt hast Du Dein Thema gefunden», beschied ihm der Pädagoge. «Kümmere dich um die Landwirtschaft. Da bist Du am richtigen Ort.»

Beat Künzli, 43, Vater, SVP-Kantonsrat, Inhaber eines Bauernbetriebes, liess sich nicht beeindrucken. Das Bildungsestablishment mag von ihm denken, was es will. Er kämpft. «Es ist gut, wenn nicht nur Lehrer die Bildungspolitik bestimmen», sagt er, der wohl hartnäckigste Bildungskritiker im Kanton. Was treibt ihn an?

Es ist einer der letzten schönen Sommerabende. Im Garten von Beat Künzli steht eine Tanne und hängt eine Schweizer Fahne. Die Hausnummern funktionieren hier in Laupersdorf nach keinem System. Künzli sitzt auf der Terrasse. Im Hintergrund ist das Rauschen der Thalstrasse zu hören. Die Kinder scharen sich um einen Igel im Rasen. «Wenn ich meine Kinder sehe», sagt Künzli, «dann sehe ich einiges, was mir am Bildungssystem nicht passt. Es tut mir weh, das zu sagen; aber ihr Rucksack reicht vielleicht einmal nicht mehr, um sich im harten Umfeld der Wirtschaft zu behaupten.» Künzli sieht Lücken bei der Rechtschreibung, der Satzstellung, bei der Mathematik. Auch wenn seine vier älteren Kinder in der Sek P sind oder waren.
Mit Gehörschutz im Unterricht

Als Beat Künzli erstmals sah, dass Kinder im Unterricht einen Pamir tragen, hielt er das für einen Witz. Seine Stimme wird etwas lauter, wie meist, wenn er einen Satz betonen will. «Es ist am schönsten, wenn wir einen Test schreiben. Es ist der einzige Moment, wo es still ist», erzählte ihm mal eines seiner Kinder. Die «Pamir-Schule» ist für ihn Symbol der Fehlentwicklung. «Der Lehrer muss in der Klasse Ordnung schaffen, damit schaffen kann, wer schaffen will», sagt er. Beat Künzli steht dazu, dass ihm konservative Werte wie Ordnung und Disziplin wichtig sind.

Von der Terrasse aus sieht Künzli an die beiden Jurawände. Oben, auf der zweiten Kette, ist er aufgewachsen. Seine Eltern führten einen Bauernbetrieb. Seine ersten Schuljahre verbrachte er in der kürzlich geschlossenen Bergschule Brunnersberg. Von der ersten bis zur sechsten Klasse wurden alle Kinder gemeinsam unterrichtet. «Ich habe das Rüstzeug erhalten, um mich im Alltag zu behaupten», sagt er. Verklären will er die Zeit nicht. Als er nach Balsthal in die Bezirksschule kam, gefiel ihm dies ebenso gut.

«Kinder sind nicht Könige»

Beat Künzli möchte eine Schule, die sich aufs Wesentliche konzentriert, wo der Lehrer den Ton angibt und Respekt erhält («Kinder sind nicht Könige») und wo Kinder nicht überfordert werden. «Ich bin überzeugt, dass weniger mehr ist», sagt er. Den Lehrplan 21 möchte er gar nie einführen, die spezielle Förderung er aus dem Klassenzimmer verbannen und Frühfremdsprachen gleich abschaffen. Stundenlang sammelten er und seine Frau in der Solothurner Altstadt Unterschriften gegen den Lehrplan.

Nächstes Jahr nun werden die Solothurner abstimmen können. «Ich bin nicht grundsätzlich gegen Veränderungen», sagt er. «Meine Kinder sollen Französisch und Englisch reden. Aber nicht in der dritten Klasse. Am Ende sind sie so überfordert, dass sie nicht einmal Deutsch können.» Wenn er hört, dass im neuen Lehrplan 3000 Kompetenzen stehen, wird ihm «fast schwindlig». «Die Zwischenbilanz nach zehn Jahren Kompetenzorientierung in Deutschland fällt in manchen Bundesländern vernichtend aus», sagt er.

«Nicht seriös», sagt die Gegnerin

Beat Künzli sitzt seit drei Jahren im Kantonsrat. Seither prägt er die Bildungsdebatte massgeblich mit. Doch Erfolg hatte er mit seinen Vorstössen kaum. Ausserhalb von der SVP finden seine Bildungsansichten nur selten Gehör. Was Politiker als gut für die Kinder taxieren, entscheidet sich nämlich ziemlich genau entlang der Parteilinien. Einzige eine Handvoll Politiker aus der EVP, der GLP oder der CVP tragen meist dieselben Anliegen vor. «Die SVP ist offenbar die einzige Partei, die geschlossen an den Grundwerten festzuhalten scheint», sagt Künzli. «Wir sind noch eines der wohlhabendsten Länder. Wir sollten nicht leichtsinnig kaputt machen, was unsere Väter durch Fleiss und gute Bildung aufgebaut haben.»

Franziska Roth ist SP-Kantonsrätin und Heilpädagogin. Auf Anhieb kommt ihr kein Bildungsdossier in den Sinn, bei dem sie die gleiche Meinung hätte wie Beat Künzli. «Er möchte Bildungsexperten entmachten», sagt Roth. «Anstelle von wissenschaftlichen Erkenntnissen werden eigene und gehörte Erfahrungen gestellt. Das ist keine seriöse Bildungspolitik.» Roth fordert, mehr Vertrauen in die Lehrer zu haben. «Ich gehe auch nicht zum Mechaniker, wenn mein Kind krank ist. Der Arzt stellt die Diagnose.» Trotz alledem: Künzli sei zwar hart in der Sache, so Roth. «Er ist aber offen und gesprächsbereit.»

Was ist das Beste für die Kinder?

Der gläubige Christ, der sonntags den Gottesdienst einer Freikirche in Balsthal besucht, hält Werte wie Achtung vor dem Nächsten, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft hoch. «Wenn man diese befolgt, hat man es einfacher im Leben.» Seinen Kindern will er diese vermitteln. «Ich will das Beste für meine Kinder», sagt er. Künzli argumentiert oft mit Erlebnissen, die er bei Kindern sieht oder Bekannte ihm erzählen. «Bildungspolitik ist nicht nur Sache der Lehrer», sagt er. «Wer sechs Kinder hat, interessiert sich automatisch für Bildungspolitik.»

Von seiner Terrasse blickt Beat Künzli im Norden auf die erste Jurakette, zum Hellchöpfli, wo er
2013 mitgeholfen hat, ein Asylzentrum zu verhindern. Hinter dem Haus geht der Blick gegen den Brunnersberg. 2007 hat er dort trotz 80-Prozent-Pensum im Aussendienst den elterlichen Betrieb mit 40 Rindern übernommen.

Blochers Abwahl politisierte ihn

Auf dem Sofa in seiner Stube unten im Thal wurde Beat Künzli 2007 politisiert. Christoph Blocher wurde abgewählt, Künzli machte die Faust im Sack. «Jetzt muss ich selbst etwas machen», sagte er sich. Kurze Zeit später sass er im Gemeinderat und er wurde Schulpräsident im Dorf.

Den Lehrern seiner Kinder windet er, der hartnäckigste Bildungskritiker im Kanton, allerdings ein Kränzchen. «Sie haben vielleicht mit mir Mühe. Aber sie haben meine Kinder nie anders behandelt», sagt er und fügt an. «Ich kritisiere aber auch nicht die Lehrer meiner Kinder, sondern nur das System.»

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