Solothurn
Was sich alles hinter den Täfern das Kantonsratssaal versteckt

Die Umbauarbeiten im Kantonsratssaal fördern unbekannte Kostbarkeiten zutage. Die wertvollste von ihnen ist ein Wandgemäde, das wohl aus dem 17. Jahrhundert stammt. Versteck war der Schatz hinter einem Täfer.

Elisabeth Seifert
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Die charakteristischen Fenster
8 Bilder
Die Renovation des Kantonsratssaal fördert Schätze zu Tage
Im Kantonsratssaal wird fleissig gearbeitet
Arbeiten an den Details
Der Saal wurde mehrmals saniert und umgestaltet
Fundstücke aus dem Saal
Bis 1954 befand sich hinter dem Ratspräsidium ein Kachelofen
Kostbare Entdeckung, der Wandschmuck aus dem 16

Die charakteristischen Fenster

Hansjörg Sahli

Vor einem goldfarbenen Hintergrund umschliessen symmetrisch angeordnete Rauten in blauer Farbe stilisierte Pflanzen und Blumen. Die verspielte Malereiarbeit schmückte einst den Brustsockelbereich einer Wand im heutigen Kantonsratssaal. «Es handelt sich hier um den Höhepunkt unserer bisherigen Entdeckungen», schwärmt Urs Bertschinger. Der Bauanalytiker überwacht und dokumentiert die laufenden Umgestaltungsarbeiten vonseiten der Denkmalpflege.

Das Wandbild, das auf den ersten Verputz der Mauer aufgemalt worden ist, datiert der Experte auf Anfang des 17. Jahrhunderts. Damals ist das zweite Obergeschoss im östlichen Teil des heutigen Rathauses abgebrochen und neu aufgebaut worden. «Es ist die älteste Malerei, die wir im Saal gefunden haben», erläutert Bertschinger deren Wert. Zudem sei im Kanton Solothurn kein vergleichbarer Wandschmuck bekannt. Und: Indem die Malerei nur eine einzige Wand des Saales ziert, vermutet die Denkmalpflege, dass der heutige grosse Saal damals in mehrere Räume unterteilt war.

Infos aus mehreren Jahrhunderten

Zum Vorschein kommen diese und weitere kunsthistorische Kostbarkeiten, weil im Zuge des laufenden Umbaus die bestehende Täferung – vorübergehend – abgebaut wurde und zudem zahlreiche neue Leitungen verlegt werden müssen. Die Entdeckungen umfassen mehrere Bauperioden bis zum Beginn des 20.Jahrhunderts, als der Kantonsratssaal ein letztes Mal komplett verändert worden ist. «Über die Gestaltung des Saales vor 1904/1905 hatten wir bis jetzt nur sehr wenige Kenntnisse», hält Urs Bertschinger fest.

Bei den jetzigen Freilegungen kamen etwa in den Wänden eingesetzte Kanthölzer zum Vorschein, die für die Montage eines grösseren Wandtäfers benötigt worden sind. Diese Kanthölzer, die den gesamten heutigen Saalgrundriss umfassen, stammen aus der Zeit zwischen 1630 und 1640. Bertschinger: «Wir gehen davon aus, dass in dieser Zeit erstmals ein Raum im Ausmass des heutigen Kantonsratssaales erstellt worden ist.» Nach oben abgeschlossen war dieser Saal – und das bis zum Umbau im 20. Jahrhundert – durch eine flache Decke. Den Namen St.-Ursen-Saal bekam der Raum durch Leinwandgemälde des Künstlers Pierre Wuilleret mit Darstellungen des Stadtpatrons, die in das Wandtäfer integriert worden sind.

Aus der Zeit einer Neugestaltung in spätbarockem Stil (Mitte 18. Jahrhundert) stammt ein acht Zentimeter dicker Verputz, mit dem die Wände begradigt wurden. Die dunkle und behäbig wirkende Täferung kam weg. Die Wände wurden weiss gestrichen und erhielten – wie auch die Fenster – eine rote Umrandungsdekoration. In die Jahre zwischen 1800 und 1820 datiert Bertschinger eine an der Westwand (hinter dem jetzigen Ratspräsidentenplatz) entdeckte halbrunde Wandnische. Gegen oben ist diese mit einer fächerartigen Gipsrosette abgeschlossen. «Die Nische bot wahrscheinlich Platz für einen weissen Turmkachelofen oder auch eine Stele.»

Neubarocke Architekturmalerei

Wie aus verschiedenen Quellen bekannt ist, wurde der Saal 1874 erneut nach dem Geschmack der Zeit modernisiert. Jetzt aber ist klar, wie der Raum, in dem damals bereits der Kantonsrat tagte, genau ausgesehen hat. Den Wänden entlang wurde im Stil neubarocker Architekturmalerei eine hüfthohe, dunkle Täferung aufgemalt. Die Flächen darüber erhielten einen Bordeaux-roten Anstrich. Goldfarbene Umrahmungen mit aufwendig gestalteten Verzierungen verliehen dem Saal eine prachtvolle Note. Bertschinger: «In der Mitte der Wände waren sehr wahrscheinlich ovale Medaillons angebracht, die Persönlichkeiten der Solothurner Geschichte zeigten.» Weiter wurde die Nische hinter dem heutigen Ratspräsidentenplatz erweitert, die Gipsrosette zugemauert und dafür ein grösserer Kachelofen erstellt.

Wappen sind bald Vergangenheit

Beim letzten grossen Umbau aus den Jahren 1904 und 1905 schliesslich bekam der Kantonsratssaal sein heutiges Gesicht. So baute man etwa eine gewölbte Decke ein. Eine echte Holztäferung ersetzte die Architekturmalerei und die Wände wurden mit Wappenmedaillons der zehn Solothurner Bezirke sowie des Kantons und der Schweiz ausgestattet. Im Jahr 1954 dann kam es zu verschieden Renovationsarbeiten. Im Vorfeld des aktuellen Umbaus hat die Denkmalpflege Sondierungen durchgeführt. «Dabei haben wir festgestellt, dass die Dekorationsmalereien von 1904/1905 grossflächig und zum Teil in vereinfachender Art übermalt worden sind», hält Urs Bertschinger fest. Zudem sei für die Restaurierungsarbeiten zum Teil minderwertiges Material verwendet worden. «Aus diesen Gründen haben wir uns dazu entschlossen, die Wappenmedaillons nicht zu restaurieren. Sie bleiben jedoch hinter den neuen Anstrichen erhalten.» Die Architekten des neuen Kantonsratssaales seien frei, was die Wandgestaltung betreffe. Wie sich diese im Detail präsentieren wird, ist noch unklar. «Die Wände werden aber einen neutralen Anstrich bekommen», verrät der Experte von der Denkmalpflege.