Max Frisch hat sicher schönere und bestimmt freundlichere Sätze geschrieben. Im Juli 1979 wandte sich der Schriftsteller aus seinem Tessiner Refugium an den Solothurner Regierungsrat Alfred Wyser. «Ich bestätige den Empfang Ihres Briefes vom 4. Juli, nehme die Richtigstellung zur Kenntnis», begann Frisch nüchtern.

Das Verhältnis der beiden Männer war nicht gut: Bildungsdirektor Wyser hatte einer Schulinspektorin eine Stelle verweigert, einzig weil ihr Mann politisch links stand. Stramm bürgerlich ging der freisinnige Wyser gegen die gefühlte «linke Unterwanderung» im Schulsystem vor.

Der Brief an Alfred Wyser im Original

Der Brief an Alfred Wyser im Original

Max Frisch kritisierte Wyser dafür öffentlich. Jetzt aber entschuldigte er sich in den ersten Sätzen seines Briefes wegen eines falschen Zitates beim Solothurner Regierungsrat. Auf den ersten Blick wirkte also alles gut.

Dokumente gehen bis 1877 zurück

Frischs Brief ist eines der Dokumente aus dem Archiv der Solothurner FDP, das die Partei am Donnerstagabend dem Solothurner Staatsarchiv übergeben hat. «Unsere Geschichte ist jetzt perfekt gelagert und auch in hundert Jahren noch greifbar», sagte FDP-Präsident Christian Scheuermeyer.

Max Frisch und Kurt Furgler im Gespräch

Max Frisch und Kurt Furgler im Gespräch

Vor rund anderthalb Jahren hat die Partei mit Vorbereitungen für das Depositum im Staatsarchiv begonnen. 19,76 der insgesamt 9000 Laufmeter im Staatsarchiv gehören nun der FDP-Geschichte. In säurefreien Schachteln lagern die Akten der FDP direkt neben den Dokumenten der SP. Bis 1877 zurück reichen sie, vor der Übergabe noch von einer Firma auf Kosten der FDP professionell geordnet.

Staatsarchivar Andreas Fankhauser freut sich, dass nach der SP eine weitere Solothurner Partei ihre Dokumente ans Staatsarchiv übergeben hat. «Solange die Parteiarchive extern sind, sind sei meist nicht erschlossen», so Fankhauser. Dies führte dazu, dass die Parteien teils nicht einmal in der Lage waren zu sagen, wann sie gegründet worden sind.

Noch wenig erforscht

Auch heute noch stellt die Solothurner FDP die meisten Gemeinderäte. Wie schlagkräftig die Partei aber einst war, zeigt ein Dokument aus dem Jahr 1960. Von den 6000 Schweizer Jungliberalen kamen 1000 aus dem Kanton Solothurn. Die Partei prägte gar die Freizeit ihrer Mitglieder. So gab es freisinnige Familienabende.

Trotz der lange Zeit staatstragenden Rolle der FdP - damals noch mit kleinem «d» - fehlt laut Fankhauser bisher eine breite wissenschaftliche Forschung zu den Solothurner Liberalen. Etwas anders sieht dies bei den anderen Parteien aus: Die Arbeiterbewegung ist erforscht und der emeritierte Solothurner Geschichtsprofessor Urs Altermatt hat zahlreiche Forschungen zur CVP angeregt.

Frisch wurde bitterböse

Die einleitende Entschuldigung von Max Frisch dürfte Alfred Wyser nicht beruhigt haben. Denn gegen Ende wird Frischs Brief zur bitterbösen Abrechnung; aus der einleitenden Entschuldigung wird ein sarkastisches Bedauern Frischs. Es tat dem Schriftsteller leid, dass er den Regierungsrat und dessen Repression nicht stärker blossgestellt hatte. «Ich bereue», endet Frischs Brief.

Es genügt, im Korrespondenzordner Alfred Wysers einmal umzublättern, und schon hält man statt Frischs Giftpfeil einen wohlwollenden Briefwechsel mit Bundesrat Kurt Furgler in den Händen. Der CVP-Magistrat verteidigte Wyser öffentlich; der FdP-Regierungsrat dankte ihm. Ob dieser Frisch wirklich der Frisch sein könne, der Andorra geschrieben habe, fragte Wyser den Bundesrat ironisch.