Post aus Berlin
Was ich noch sagen wollte

Ein letztes Mal berichtet Redaktionskollege Lucien Fluri von seinen Eidrücken aus Berlin.

Lucien Fluri
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In Berlin trägt fast niemand einen Velohelm und wenn doch, dann kommt er bestimmt aus einem Aussenbezirk.

In Berlin trägt fast niemand einen Velohelm und wenn doch, dann kommt er bestimmt aus einem Aussenbezirk.

Keystone

Ich wollte von den grossen Männern mit ihren kleinen Hunden schreiben. Ich wollte mich aufregen, dass Briefe aus Solothurn auch im Jahr 2016 nicht in Berlin ankommen (danke, liebe Post!).

Ich wollte Ihnen von ärmellosen Shirts im Hochsommer schreiben, von Müllhaufen und Mülltrennung in Deutschland, von 70-jährigen Dandys mit Anzug und Hut, vom Wort Eckpunktepapier. Von strengen Hierarchien, Titelhörigkeit und Siezkultur im Büro, von Boulevard-Journalismus, von der Berliner Tattoo-Typologie und vom Tatort, der in vielen Kneipen gezeigt wird.

Ich wollte Ihnen schreiben, dass die Schweiz hier nicht existiert, wenn nicht gerade der Gotthard-Tunnel eröffnet wird, wenn nicht gerade mal wieder ein Fifafunktionär was Absurdes getan hat, das doch nur dem Frieden und dem Wohlstand in der Welt dienen sollte (danke, Sepp Blatter, danke).

Ich wollte Ihnen schreiben, dass die Berliner an der Abstimmung über das bedingungslose Grundeinkommen mehr interessiert waren als die Schweizer, dass es hier nur Streetstyle und glücklicherweise kaum Dirndl gibt, dass die Alte Garde des Unteroffiziersvereins Solothurn hier war. Doch daraus wird jetzt nichts. Ich habe gepackt. Ab Montag bin ich wieder zurück in Solothurn.

Ungeschrieben bleibt die Geschichte von den Möpsen (die Hunderasse!), die auf einem Werbeplakat der Berliner Verkehrsbetriebe prangen, neben der Aufschrift: «Bei uns müssen Sie Ihre Möpse nicht verstecken.» Man stelle vor, was diese Werbung im Bipperlisi auslösen würde.

Viele tolle Velowege

Ja, der Mensch und der Verkehr. Ich werde in Solothurn über all die Berliner Autofahrer lachen, die quasi ungehindert durch ihre Millionenstadt kurven und trotzdem nörgeln. Was geschähe, wenn sie die Ampelschaltung an der Bahnhofkreuzung der Kleinstadt Solothurn ertragen müssten!

Ich werde über die Berliner Radfahrer schmunzeln, die ihre Infrastruktur beklagen, obwohl es hier so viele tolle Velowege gibt. Ich werde staunen, wie viele Solothurner Velofahrer Helme tragen, was dem Berliner Radfahrer nie in den Sinn käme, obwohl rote Ampeln zu überfahren hier ein Kavaliersdelikt ist.

Wer Helm trägt, stammt hier oft aus dem Aussenbezirk und steht morgens extra früh auf, ins Büro zu fahren (die Bürokleider natürlich in der Ortliebtasche am Rad). Freiwillig früher aufzustehen ist dem Durchschnittsberliner aber eher supekt. Er fährt Retro-Räder mit wenigen Gängen.

Probier das in Berlin nicht aus

Ich werde nie mehr erfahren, woher all die Absperrgitter kommen, die es überall in Berlin gibt. Plötzlich stehen sie irgendwo. Ich werde staunen, dass es in Solothurn grosse Feste und Menschenansammlungen gibt, an denen die Polizei präsent ist, aber nicht gleich mit Mannschaftswagen und Blaulicht auffahren muss.

Ich werde lachen, wenn Gäste in Solothurner Restaurants reklamieren. Probier das in Berlin nicht aus, es verbessert die Misere nicht. Leb damit!

Ich wollte Ihnen noch Einiges schreiben. Aber Schluss jetzt. Ich werde mich gerne an die Offenheit der Deutschen und die Lebensfreude der Berliner erinnern, an die Gastfreundschaft, an die kulturelle Vielfalt, an die Diskussionsfreudigkeit und an die Nonchalance, mit der Berlin Weltstadt ist. Danke Deutschland!
Auf bald in Solothurn.

Unser Redaktionskollege Lucien Fluri arbeitete während dreier Monate auf Zeitungsredaktionen in Berlin. Ende Monat kehrt er nun mit vielen wertvollen Erfahrungen im Rucksack nach Solothurn zurück.

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