Gastkolumne

Was hat Aston Martin mit dem Roggen gemeinsam?

«Komplexität und Dynamik gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und damit auch raumordnerischer Herausforderungen haben sich überall – nicht nur im Gäu – massiv erhöht.»

«Komplexität und Dynamik gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und damit auch raumordnerischer Herausforderungen haben sich überall – nicht nur im Gäu – massiv erhöht.»

Blumenwiesen, Kuhglocken, tolles Essen und Aussichten übers ganze Mittelland gibt es auf dem «Älpli», dem Roggen oder dem lokalen Insider-Fleckchen «Tonis Hüttli» auf dem solothurnischen Jurahöhenweg. In den ländlichen Dorfzentren kann man gemütlich einen Jass am Stammtisch klopfen oder auf lokalen Herbstmärkte Produkte aus der Region kaufen. Gaststuben heissen hier noch «Chutz», «Sonne» oder «Lamm». Nicht weit von den Dorfbeizen entfernt forschen internationale Topkonzerne wie Omya an neuen Einsätzen von Calciumcarbonat, plant Jura ein 20 Millionen Franken schweres Hightech-Qualitäts-Labor oder produziert Ronal Räder für Luxuskarossen von BMW, Aston Martin und Jaguar. Die Rede ist vom boomenden und wachstumsstarken Gäu.

Die Bedürfnisse der verschiedenen Anspruchsgruppen könnten unterschiedlicher nicht sein: Gäuer Bauern wehren sich einerseits gegen den zunehmenden Landverbrauch durch grosse Infrastrukturprojekte mit Protesten und Mahnfeuer. Es werden neue Komitees gegründet, die sich für den Bau von Entlastungsstrassen einsetzen. Anderseits gibt es zahlreiche verankerte Betriebe, welche Ausbaupläne haben, weil sie an ihre Grenze stossen. Und zusätzlich wollen neue Firmen zuziehen – schliesslich ist das verkehrstechnische Herzstück der Schweiz äusserst beliebt.

Ist es bei all diesen Entwicklungen überhaupt noch möglich, den ländlichen Dorfcharakter mit lokalen Landwirtschaftsbetrieben und Kulturland zu erhalten und gleichzeitig für neue Betriebe und Grosskonzerne – mit neuen Arbeitsplätzen und notwendigen Steuereinnahmen – neue Arbeitszonen zur Verfügung zu stellen?

Komplexität und Dynamik gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und damit auch raumordnerischer Herausforderungen haben sich überall – nicht nur im Gäu – massiv erhöht. Die entsprechenden Aufgabenstellungen an Politik und Gesellschaft verlangen mehr Professionalität. Gerade kleine Gemeinden stossen mit ihren Milizbehörden an ihre personellen und finanziellen Grenzen. Räumliche Planungen und grössere Projekte werden durch die vielfältigen Partikularinteressen immer wieder blockiert. Es wird zunehmend schwieriger, das «Allgemeinwohl» zu definieren beziehungsweise sich auf etwas Gemeinsames zu einigen.

Regionale Zusammenarbeitsformen sind nötiger denn je. Ziel sollte es sein, eine regionale, gemeinsame Entwicklungsperspektive zu erarbeiten. Der Fokus muss dabei auf die Interessenabwägung gerichtet werden. Ein erster Schritt hierfür an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Raumplanung wird mit dem Instrument der Arbeitszonenbewirtschaftung gemacht. Mit einer regionalen Arbeitszonenbewirtschaftung soll eine Übersicht über die Arbeitszonen, deren aktuelle Nutzung und den vorhandenen Nutzungspotenzialen geschaffen werden. Der haushälterische Umgang mit dem Boden hat hohe Priorität.

Die Verzahnung von Themen verlangt heute und in Zukunft vermehrt den Dialog. Klassisches Silodenken hat ausgedient, gefragt sind interdisziplinäre Ansätze mit einer breiten Abdeckung, fundierter Interessensabwägung und unterschiedlichen Sichtweisen. Die Zusammenarbeit zwischen allen Ebenen der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft wird wichtiger, um den Wandel positiv zu begleiten. Es darf nicht passieren, dass gerade die Gesellschaft im ländlichen Raum sich als Verlierer fühlt. Dieser Wandel braucht Zeit und Vertrauen – und insbesondere die Bereitschaft der Gemeinden, eine gemeinsame Vision zu erarbeiten.

Gemeinsam können wir die Lebensqualität und den Dorfcharakter in den Gemeinden erhalten und gezielt Unternehmen mit wertvollen Arbeitsplätzen ansiedeln. Speis und Trank in den Gaststuben müssen schliesslich auch bezahlt werden können.

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