Start zum Neubau
Was es braucht, damit sich Patienten im neuen Bürgerspital wohlfühlen

Heute ist der Spatenstich für das neue Bürgerspital. Architekt Reto Gmür will aber kein Spital bauen, sondern ein Haus, in dem sich Menschen wohl fühlen.

Lucien Fluri
Drucken
Teilen
So wird das neue Bürgerspital aussehen

So wird das neue Bürgerspital aussehen

Visualisierung/zvg

Nur eines möchte Reto Gmür nicht: Man soll ihn doch bitte, bitte nicht Spitalspezialist nennen. Er, der Basler, der mit seinem Team Spitäler in der ganzen Schweiz baut, will kein Spitalarchitekt sein. Einfach nur Architekt. Punkt. Denn ein Spital soll nichts anderes sein als ein Einfamilienhaus: ein Bau, der die möglichst optimale Umgebung um einen Menschen herum schafft. «Un hôpital est une maison d’homme», zitiert er Le Corbusier. Ab heute setzen Reto und Silvia Gmür diese Idee in Solothurn um, wo am Nachmittag der Spatenstich für das neue Bürgerspital stattfindet. – Mit 340 Mio. Franken das grösste Hochbauprojekt, das der Kanton je begann.

Er hat mit seinem Team das neue Solothurner Bürgerspital entworfen, dessen Pläne im Hintergrund sichtbar sind: der Basler Architekt Reto Gmür.

Er hat mit seinem Team das neue Solothurner Bürgerspital entworfen, dessen Pläne im Hintergrund sichtbar sind: der Basler Architekt Reto Gmür.

Kenneth Nars

Heutiger Bau ist zu wenig flexibel

Herr Gmür, warum wollen Sie nicht Spitalspezialist sein? «Es gibt zu viele Spezialisten und zu wenig Architekten», sagt Gmür. «Die Gefahr ist bei Spezialisten, dass die Architektur vergessen geht.» Architektur, das heisst für den Absolventen der ETH Lausanne nicht in erster Linie, «cool aussehende» Bauten zu realisieren. Er will die optimale Umgebung für Menschen schaffen.

Gmür sitzt auf einem Eames-Chair, an der Wand hinter ihm hängen Bilder der preisgekrönten Tessiner Villa, die das Team für – und mit – Bürogründerin Silvia Gmür realisiert hat. Für Reto Gmür ist das für seine Mutter gebaute Haus einer der Versuche, wie ein optimales Haus aussehen könnte. Und nicht anders soll es für die Solothurner Patienten sein.

Architekturbeitrag zum Genesen

Das aktuelle Solothurner Bürgerspital wurde in den Siebzigerjahren gebaut. «Damals wurden wahnsinnig viele Spitäler gebaut. Alle haben heute die gleichen Probleme», sagt Gmür. Grosse schwere Geräte lassen sich kaum einbauen, ohne dass die Decken herausgebrochen und verstärkt werden müssen. Mehrbettzimmer und Zimmer ohne Bäder sind heute passé. «In den älteren Spitälern ist es fast nicht möglich, mit der medizinischen Entwicklung Schritt zu halten.» Zu viele tragende Wände stehen grossen, zusammenhängenden Flächen und kurzfristigen Veränderungen im Weg. OP-Bereiche liegen nicht beieinander. Die Geschossflächen sind zu klein für effiziente Pflegestationen.

Doch nun zur entscheidenden Frage: Wie kann der Architekt das Wohl des Patienten beeinflussen? Ein paar Kniffe verrät Architekt Gmür: Charakteristisch für den Solothurner Neubau wird die Fassade sein: Es gibt keine Storen. Vorgehängt ist den Fenstern eine Konstruktion, die zwar möglichst viel Tageslicht, aber keine blendenden Sonnenstrahlen hineinlässt. «Das Schlimmste ist, wenn man bei Sonnenschein wegen der Storen nicht rausschauen kann», sagt Gmür. «Und Studien belegen, dass Sonnenlicht für den Heilungsprozess des Patienten förderlich ist.» Maximale Aussicht und gleichzeitig Beschattung lautet deshalb die Devise für das Bürgerspital. «Das Spital hat eine sehr privilegierte Lage. Der Bezug zur Natur ist beim Bau sehr wichtig.» Dort, wo das heutige, dannzumal abgerissene Spital steht, wird es einen Park geben. «Patienten im Bettenhaus werden auf den Jura und die Stadt schauen.» Auf der anderen Seite geht der Blick aufs Gisihübeli.

Privatsphäre im Doppelzimmer

Und wie kann der Architekt das Patientenwohl sonst noch fördern? Ebenso ausgeklügelt wie die Fassade wird das Zimmer, in dem zwei Patienten Platz finden. Es ist hell, die Privatsphäre darin maximal. «Wir gehen nochmals einen Schritt weiter», sagt Gmür. Die Betten werden nicht mehr hintereinander angeordnet. Durch einen Versatz gibt es zwei Zonen im Zimmer. «Das hilft beim Schlafen.» Beide Patienten haben den Schrank beim Bett, beide sehen direkt durch das Fenster. Und die Zeit weiss-grauer Spitalinnenräume ist auch vorbei. «Es ist heute sogar möglich, Parkett in einem Spitalzimmer zu haben», sagt Gmür. Die Farben sind noch nicht bestimmt. Klar ist aber: Das Spital wird helle Räume und eine warme Atmosphäre haben.

12 Architekten und 30 Ingenieure arbeiten für das Projekt, bald werden noch weitere Architekten angestellt. «Man vergisst, was hinter so einer Planung an Personal steckt», sagt Gmür. Mit Raumstudien im Massstab 1:20 sind die Räume mit den Ärzten und Vertretern des Spitals erarbeitet worden.

Modell stand schon in Harvard

Das Projekt für das neue Solothurner Bürgerspital hat schon weltweit Beachtung gefunden: Als Modell stand es in Harvard in einer Ausstellung, die dann nach Venedig und später nach Paris weiterzog. Inzwischen stehen die Modelle nicht mehr im Büro, sondern im Lager – sie sind schlicht zu gross. Am Basler Pfluggässlein finden sich noch kleinere Modelle. «Sie sind nicht mehr in allen Details aktuell», sagt Gmür. Das Projekt wird immer weiterentwickelt. Aus Erfahrung weiss er, dass es bis Bauende keinen Zeitpunkt geben wird, an dem er das Gefühl hat, angekommen zu sein. «Und danach fragt man sich schon, was man das nächste Mal noch verbessern könnte.»

Aktuelle Nachrichten