Politiknachwuchs
Was dieser 17-jährige Biberister von den grossen Politikern will

Der Biberister Yannik Truttmann ist einer von fünf Solothurner Vertretern an der Jugendsession in Bern. Im Gespräch spricht der 17-Jährige über seine Ambitionen – und über die angeblich so angepasste Jugend in der Schweiz.

Ornella Miller
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Yannik Truttmann (17) aus Biberist will sich in der Jugendsession mit Datenschutz befassen. «Es ist ein Thema, das uns alle betrifft», sagt er. Hansjörg Sahli

Yannik Truttmann (17) aus Biberist will sich in der Jugendsession mit Datenschutz befassen. «Es ist ein Thema, das uns alle betrifft», sagt er. Hansjörg Sahli

Hansjoerg Sahli

Adrett gekleidet und herausgeputzt sitzt der 17-jährige Yannik Truttmann im Bahnhof Biberist und berichtet über sein Vorhaben. Er wird am Wochenende nach Bern zur Jugendsession reisen. Gemäss dem diesjährigen Motto «Nimm die Politik selbst in die Hand» könnte er das politische Geschehen in der Schweiz tatsächlich mitbeeinflussen. Yanniks Stimme ist wie im Nationalrat eine von 200. Hat er denn auch tatsächlich etwas zu sagen? Ein politisches Begehren? Auf die Frage, was er erreichen möchte, sagt er: «Darüber habe ich mir nicht so viele Gedanken gemacht.»

Hingegen: «Ich möchte einfach Abwechslung, neue Erfahrungen sammeln, neue Gesichter kennenlernen.» Ein Rahmenprogramm mit Party steht denn auch noch an. Yannik sieht, dass es eine einmalige Gelegenheit ist: «Ich erhalte einen Eindruck, wie die Politiker in Bundesbern so sind, was sie tun. Das ist sozusagen eins zu eins, was wir dort machen.» Tatsächlich können aus der Jugendsession Anträge ans Parlament gestellt werden.

200 Jugendliche sind dabei

Vom 27.–30. August findet in Bern die eidgenössische Jugendsession statt. Die jährliche Veranstaltung gibt es seit mehr als 20 Jahren. 200 Jugendliche von 14 bis 21 Jahren aus der ganzen Schweiz nehmen daran teil. Aus dem Kanton Solothurn gehen heuer fünf Jugendliche hin. Bewerben können sich alle Schweizer oder in der Schweiz Wohnhafte aus der Zielgruppe. Dieses Jahr haben sich etwa 400 beworben. Meist sind es wesentlich mehr, aber diesmal habe man wegen den Wahlen den Termin anders und wohl ungünstiger ansetzen müssen, wie der Kommunikationsbeauftragte Stefan Rüegger erklärt. Dieses Jahr stehen die Themen Gentechnologie, Energieeffizienz, Jugendpartizipation, Datenschutz, Initiativrecht sowie Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten für jugendliche Migranten auf dem Programm. Jeder Teilnehmer wird aufgrund seines Interesses einer Themen-Arbeitsgruppe zugeteilt. Favoriten bei der Auswahl waren erstens Initiativrecht, gefolgt von Energieeffizienz und von Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten für jugendliche MigrantInnen. Welche Themen zur Auswahl stehen, entspringt einem Zusammenspiel zwischen Voten und Vorschlägen aus der jugendlichen Bevölkerung und dem Organisationskomitee. Themen der letzten Jugendsessionen werden nicht berücksichtigt, so beliebt sie auch sein mögen (die Beziehung Schweiz – EU sei so ein Thema, sagt Rüegger). Die Jugendsession soll den Jugendlichen einen Einblick in die Abläufe der schweizerischen Politik geben, ihnen erste Schritte in der Politik sowie Partizipation ermöglichen. (omb)

Der sympathische Biberister erkennt die Sprungbrettfunktion. «Man kann sich nachher politisch entwickeln dank den Erfahrungen», sagt Truttmann, «selbst einmal politisch aktiv werden.» Mit seinem Akzent – die Mutter ist Slowakin, der Vater Schweizer – ergänzt er: «Mal sehen, ob ich das tun werde.» Auf die Frage, ob er es schon einmal erwogen hat, in einer Partei aktiv zu sein, Gemeinderat zu werden oder gar auf noch höherer Ebene zu politisieren, lacht er. «Überlegt habe ich mir das schon. Doch ob es wirklich geschieht, steht noch in den Sternen.» Dabei bohren sich verschmitzte Grübchen in seine Wangen.

Im Kurs hat alles angefangen

An Politik war Yannik früher nie interessiert. Erst in seiner KV-Lehre bei der Oberzolldirektion in Bern kam sie ihm etwas näher. «Mithilfe eines überbetrieblichen Kurses bin ich zur Politik gestossen. Da machen wir mehrheitlich politische Dinge.» So behandelten die Schüler etwa das Initiativ- und das Wahlrecht. «Besonders die Bundesverfassung ist wichtig. Wir erhielten alle unser eigenes Exemplar», sagt er stolz. Bei den Kursen wurde er auch auf die Jugendsession aufmerksam. Da seien Leute von der Jugendsession vorbeigekommen und hätten diese vorgestellt. Daraufhin hat sich Yannik online beworben.

Er wählte schliesslich aus sechs Themen den Datenschutz aus. Darüber wird er am Wochenende nun eingehend diskutieren. «Es ist ein Thema, das uns alle betrifft», begründet er seine Wahl, «den Schutz persönlicher Daten finde ich wichtig, damit kein Missbrauch geschehen kann. Bei der Arbeit haben wir schon viel dazu erfahren.» Selbst habe er damit noch nie schlechte Erfahrungen gemacht.

Überhaupt scheint er glücklich und wohlbehütet zu sein. Auf die Frage, ob es denn Missstände in der Gesellschaft geben würde, gegen die man etwas tun sollte, antwortet er: «Eigentlich nicht. Also vielleicht doch. Aber jedenfalls nichts, das mir jetzt in den Sinn kommen würde.»

Was ein guter Politiker ist

Mit Politik verbindet Truttmann vor allem die Wahlen. Was ein guter Politiker ist, erklärt er so: «Eine konkrete Person könnte ich nicht nennen. Aber ein Politiker sollte glaubwürdig sein und einhalten, was er verspricht. Das ist das Wichtigste.» Politische Informationen holt er sich, indem er ab und zu «20 Minuten» liest, die im Büro im Zeitungsständer steckt, und indem er oft die «Tagesschau» anschaut.

Sich selbst beschreibt Yannik als lebendig, freudig und gesellig, ein bisschen scheu zwar, aber nicht wirklich zurückhaltend. Auch seine Familie, Vater, Mutter und jüngere Schwester, mit denen er nie Konflikte habe, würden ihn wohl so sehen. In der Freizeit ist er Torhüter des FC Dynamo Aquila, gerne draussen mit Kollegen oder schreibt auch mal Sprüche. Nach der Lehre möchte er sich weiterbilden, vielleicht die Matura machen, auch noch einen Sprachaufenthalt für sein Englisch. Die angepasste Jugend von heute? «Genau, das ist wohl so», sagt Yannik.

Er habe schon ein Dossier zu seinem Thema erhalten, das er noch lesen müsse. Yannik Truttmann wird nicht als Revoluzzer das Bundeshaus stürmen, sondern mit offenem Herzen in eine neue Welt treten, die sich für ihn gerade erst geöffnet hat.