Pünktlich zum Arbeitsbeginn lassen die Kichererbsen mal wieder alles hochkommen. Es ist acht Uhr, Sami Daher beugt sich über die Ablage in der schmalen Küche seiner «Pittaria».

Vor ihm stehen zwei Eimer mit Kichererbsen. Zwölfeinhalb Kilogramm, eingeweicht über Nacht. Neben ihm dampft es aus silbrigen Töpfen. An der Wand über dem Herd sind Buchstaben zu einem Spruch aneinandergeklebt: «Wer Gemüse rüstet, lebt sinnvoll.»

Sami Daher schüttet die Erbsen in ein Sieb, lässt die Einweichflüssigkeit ablaufen und hält die Erbsen unter fliessendes Wasser.

Er zerreibt eine Erbse zwischen seinen Fingern und nickt zufrieden. Dann lässt er die gequollenen Erbsen einige Minuten ruhen.

Vielleicht könnte er heute nicht darüber nachdenken. Aber es geht nicht. Er will das ja, weniger grübeln. Doch der Sog der Kichererbsen ist stärker.

Aus ihnen sollen Falafeln werden, frisch wie jeden Tag. Wenn die frittierten Bällchen gelingen, sind sie innen weich und aussen knusprig. Dann schmecken sie leicht nussig. Und werden zu einem Politikum.

«Falafeln», sagt Sami Daher, «sind die Lieblinge in meinem Land.»

Sami Daher hinter dem Tresen der «Pittaria».

Sami Daher hinter dem Tresen der «Pittaria».

In der Solothurner Küche prallt grosse auf kleine Welt. Es geht um den Nahen Osten. Um Israel und Palästina.

Beide sagen, Falafel sei ihr Nationalgericht. In der Region tobt ein wüster Streit darüber, woher die wahre Speise kommt.

Ein Konflikt im Konflikt, der auch weit entfernt vom Krisenherd schwelt. Muss der Mann, der die besten Falafeln der Schweiz machen soll, dazu eine Meinung haben?

Der Mann ist Palästinenser, «einer mit israelischem Pass». Sami Daher sagt es im Halbdunkel der Küche. Eine Türe führt in den Gastraum.

Dort sind arabische Schriftzeichen und Ornamente an die Wände gemalt, die braunen Bodenfliesen erinnern daran, wie man im Orient die Hitze bekämpft.

Die Gäste sitzen auf kniehohen Holzbänken. Sami Daher ist 56 Jahre alt. Sein Kopf ist kahlgeschoren, das Gesicht frisch rasiert. Er trägt Jeans und Hemd, aus der Brusttasche schauen Kugelschreiber. Aufgewachsen ist er in Nazareth.

In einem Staat, der ihn und die Seinen nicht will, wie er sagt: «Israel behandelt mich wie ein Bürger dritter Klasse, weil ich Palästinenser bin.»

Er erzählt vom Land seines Volkes, das Israel konfisziert habe. Bis heute werde Platz geschaffen für jüdische Einwanderer, sagt Daher. «Ihre Gebiete wachsen, unsere schrumpfen.»

Nazareth ist das Zentrum der palästinensischen Minderheit im Land. «Das Zentrum der im Land gebliebenen Palästinenser», um es in Dahers Terminologie auszudrücken.

Von ihnen spricht kaum jemand. Offiziell haben sie die gleichen Rechte wie die jüdischen Bürger, tatsächlich müssen sie auf viele Zuwendungen des Staats verzichten.

Die Palästinenser werden nicht zum Armeedienst eingezogen und verdienen im Durchschnitt weniger. Für die jüdische Mehrheit sind sie so etwas wie eine «fünfte Kolonne» der verfeindeten Nachbarn.

Aus den Lautsprechern dudelt ägyptische Volksmusik. Sami Daher hackt Zwiebeln und Knoblauch fein, schneidet Petersilie und mischt alles zusammen unter die Kichererbsen.

Die Zutaten dreht er durch den Fleischwolf, bis sich der Topf unter der Messerscheibe mit einer gelblichen Masse füllt. Ein wenig erinnert diese an Haferbrei.

«Falafeln», sagt Sami Daher, «sind kleine Wunderdinger.»

In seiner Solothurner Küche will er den Nahost-Konflikt hinter sich lassen.

In seiner Solothurner Küche will er den Nahost-Konflikt hinter sich lassen.

Die Eltern von Sami Daher hatten in Nazareth einen Krämerladen. Am Basar in der Altstadt, wo man mitten im Orient ist. Als der Vater krank wurde, übernahm sein Sami das Geschäft.

Da war er gerade volljährig geworden. Er wollte etwas Neues aus dem Laden machen und dachte: Wie wärs mit Spielzeug?

Also verkaufte er Puppen und Bauklötze, verdiente damit gutes Geld und führte das Leben eines Händlers. Er lernte Sprachen und schrieb Gedichte.

Dann verliebte er sich in eine Schweizerin. 1981 folgte er ihr nach Solothurn. Die beiden heirateten und bekamen drei Kinder.

Er arbeitete in einer Fabrik, im Altersheim und machte schliesslich eine Ausbildung zum Psychiatriepfleger. Es war die Zeit, als er viel nachdachte über seine Identität.

Noch heute sucht er händeringend nach Worten, wenn er beschreiben soll, was Heimat für ihn bedeutet. Die jüdische Kultur ist in Israel eng mit der Landesidentität verwoben.

Man feiert jüdische Festtage, schaut hoch zu den Davidsternen auf den Dächern. Da gehöre er nicht dazu, sagt Daher und stützt seinen Kopf in die Hände.

«Aber irgendwann werde ich mit dem israelischen Pass zurückkehren. In unser Land, in mein Land.»

Sami Daher giesst Wasser in den Topf mit der Falafelmasse. Er rührt ein paar Mal kräftig um, riecht daran, nickt heftig. Und wartet. Unterdessen schwärmt er eben ein wenig. Wer Falafeln herstellt, sagt Daher, brauche Beherrschung.

Geduld entscheide über gut oder schlecht. Pfiffig seien die Falafeln ja ohnehin: reich an Ballaststoffen und Eiweiss, fettarm und auch von Vegetariern geschätzt.

Daher wird noch eine ganze Weile weiterschwärmen. Aber vielleicht versteht man das besser, wenn man ihm bei der Arbeit zuschaut.

«Falafeln», sagt Sami Daher, «muss man einfach mögen.»

Der Palästinenser mit israelischem Pass macht die besten Falafeln der Schweiz.

Der Palästinenser mit israelischem Pass macht die besten Falafeln der Schweiz.

Als Sami Daher vor 18 Jahren an der Solothurner Theatergasse seine «Pittaria» eröffnete, begann eine neue Geschichte. Sie handelt von einem, der sein Hobby zum Beruf machte. Und den seine Herkunft immer wieder einholt.

Seine Fladenbrote verkaufen sich gut. Er füllt sie mit Falafeln, Lammwürfeln oder Fischfilets, mit Salat, Hummus und Chutneys.

Der amerikanische Reiseführer «Lonley Planet» zählt die «Pittaria» seit Jahren zu den «Top five of Switzerland», himmlisch seien die Falafeln.

Für «20 Minuten» sind es «die Besten hierzulande». In Bern hat Daher mittlerweile eine Filiale eröffnet. Er hat sich ein kleines Reich mit zehn Angestellten geformt. Fleiss und Disziplin sind die Werte, an die er sich hält.

Nur das Gefühl von «kollektiver Demütigung der Palästinenser», das werde er trotz aller Arbeit nicht los. «Diese Ohnmacht.»

Er liest von Raketeneinschlägen auf dieser oder jener Seite. Er hört von Bekannten, die ihre Häuser wegen jüdischen Siedlern verlassen mussten.

Oder im vergangenen Sommer, als der Konflikt mitten in Israel eskalierte: Palästinenser wurden beschimpft und verprügelt, die Zahl der rassistisch motivierten Angriffe stieg. «So etwas kann ich doch nicht ignorieren», sagt Daher.

Und überhaupt: Wie soll man dem Konflikt entkommen, wenn man die Leibspeisen des Nahen Ostens verkauft? Da sind die Fragen der Kunden, die alten Familienbilder aus Nazareth an der Wand. Die Falafeln sind für alle da.

In der Küche machen die Gewürze wieder einmal den Unterschied. Sami Daher streut Koriander, Kreuzkümmel und Salz über die Falafelmasse.

Die genauen Mengen sind sein Geheimnis, «es muss immer gleich schmecken».

Dann vermengt er das Ganze. Mit der Kelle zieht er Kreise in die Masse und lässt sie erneut ruhen. Schliesslich streift er sich Latexhandschuhe über und greift in den Topf. Er knetet, dass der Boden bebt.

«Falafeln», sagt Sami Daher, «sind auf Hingebung angewiesen.»

Sami Daher vor seiner «Pittaria» an der Theatergasse.

Sami Daher vor seiner «Pittaria» an der Theatergasse.

Wenn er redet, schliesst Sami Daher oft die Augen. Über die Jahre hat er sein eigenes Deutsch entwickelt, eine Mischung aus Bühnensprache und Solothurner Dialekt.

Der helvetische Diminutiv, das Hüngerli und die Spässli, lässt ihn vieles sanfter ausdrücken.

Daher ist ein gemässigter Mann. Religiöser Eifer ist ihm fremd. Als 14-Jähriger sass er in Nazareth im Schulzimmer, als sein Religionslehrer aufs Ganze ging. Herr Hassan erzählte von der Schöpfungsgeschichte, von Werten und Moral.

Er erzählte aber auch von der Evolutionstheorie, vom Fundament der Biologie. Sami Daher lauschte fasziniert und begann, an seinem Glauben zu zweifeln. Beim Beten fühlte er sich leer. Ihm imponierte der Drang nach Unabhängigkeit.

Frei, selbstbestimmt, unbefangen – das schien ihm wenigstens erstrebenswert. Er wurde Atheist. Bei seiner Familie in Nazareth gab es deswegen keine Probleme.

Doch in streng muslimischen Gebieten stösst Atheismus auf Ablehnung. Es reicht, «ich glaube nicht an Gott» zu sagen, um das schärfste aller Tabus zu brechen. Für Sami Daher macht das die Sache mit der Identität noch vertrackter.

Umso mehr ärgert er sich, wenn der Nahost-Konflikt als religiöser Streit bezeichnet wird. Vieles sei mit Religion aufgeladen, sagt er lauter als sonst, das stimme schon. «Historisch gesehen ist die Auseinandersetzung aber kolonialistisch.»

In der «gewaltsamen Eroberung von Palästina» sieht er die Wurzeln des Konflikts. Und natürlich könnte man mit Daher auch stundenlang über die von ihm favorisierte «Ein-Staaten-Lösung» diskutieren.

Um halb zwölf zischt die Fritteuse hinter der Theke. In Körben türmen sich die Fladenbrote. Sami Daher nimmt einen Eisportionierer und sticht walnussgrosse Bällchen aus der Falafelmasse. Mit angefeuchteten Händen lässt er die Bällchen ins Öl abrollen.

Drei Minuten werden sie goldbraun frittiert. Dann fischt er die fertigen Falafel aus dem Ölbad, lässt sie abtropfen und einige Sekunden ruhen. Daher findet, auch einfache Speisen hätten Respekt verdient.

«Falafeln», sagt Sami Daher, «sollten mit Liebe gemacht werden.»

Betritt jemand die «Pittaria» zum zweiten Mal, erkundigt sich Sami Daher nach seinem Namen und vergisst ihn nicht mehr.

Inon Schank kann sich noch gut an seine zweite Begegnung erinnern. Es war im Winter 1998. Er sass in der «Pittaria», ass Falafeln und kam mit Daher ins Gespräch.

Der Mittdreissiger Schank wohnt mit seiner Familie in Solothurn, er kam in Israel zur Welt – und ist jüdisch. In der «Pittaria» habe es ihm eben am besten geschmeckt, berichtet er mit angenehm sonorer Stimme am Telefon.

«Wir sind hier in der Schweiz, nicht im Nahen Osten. Und der Sami ist ein feiner Typ.» Die beiden schlürften an diesem Winterabend zusammen Tee. Am Ende hätten sie ihre Handynummern ausgetauscht und sich die Hand gegeben. Sie wurden Freunde. Seit Jahrzehnten ringen ihre Völker um denselben Flecken Land.

Gemeinsam ist ihnen die Liebe zu Falafeln. Könnten zumindest sie die Verständigung fördern? Schank sagt, man müsse das als Chance sehen.

Daher glaubt, die Küche taugt als Bindeglied. «In diesem Konflikt zählt selbst Banales.» Die beiden reden über ihre Geschichten, die Schweiz, das Essen natürlich. Es geht herzlich zu.

Und Politik? Schank stockt, zögert einen Moment, sagt dann: «Das spielt für uns keine Rolle.» Er möge nicht über den ewigen Konflikt sprechen. Ihre Begegnungen, fürchtet auch Daher, könnten sonst zu Schmerzen führen.

Manchmal lachen sie über ihre Selbstzensur. So viel Gerede und doch keine Lösung in Sicht. Dann wenigstens ein respektvolles Miteinander.

Daher geniesst diese Magie des Augenblicks, «Falafelessen geht durch den Magen». Bei der Palästina-Gesellschaft ist er nur noch Passivmitglied.

Jahrelang sass er im Vorstand. Heute sagt er: «Ich mache nur noch Dinge, die einen Anfang und ein Ende haben.»

Daher beisst in einen der frischen Falafeln. Auf seinem Gesicht liegt ein Lächeln, als würde er damit die Welt anhalten. Das Bällchen und die Wörter zerfallen ihm im Munde. «Einfach glücklich» sei er jetzt. «Innen weich, aussen knusprig.»