Solothurn et les Welsches
Was der Handelskammer-Chef zu französischen Grenzgängern sagt

Im 12. Teil unserer Serie Solothurn et les Welsches sprechen wir mit Conrad Ammann, CEO Elektra Birseck, über Grenzbeziehungen.

Samuel Thomi
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«Die Sprachgrenze war sicher kein Hindernis», sagt Conrad Ammann über seine Bewerbung als CEO der Elektra Birseck.

«Die Sprachgrenze war sicher kein Hindernis», sagt Conrad Ammann über seine Bewerbung als CEO der Elektra Birseck.

Samuel Thomi

Nicht nur im Alltag, auch im Geschäftsleben sind die Landes- und Sprachgrenze im Schwarzbubenland alltäglich. Für einmal ist hier aber nicht von Grenzgängern die Rede. Sondern davon, wie eine Firma im Solothurnischen wie im Elsass gleichermassen verankert ist. Und dabei den Hauptsitz erst noch im Nachbarkanton BaselLandschaft hat. Konkret in Münchenstein.

EBM, mit vollem Namen Genossenschaft Elektra Birseck, Münchenstein, versorgt seit 118 Jahren 25 Basellandschaftliche Gemeinden, alle 23 Solothurnischen Gemeinden nördlich des Juras und 12 Gemeinden in Frankreich mit Strom. 133 000 Kunden zählt die Firma, 14 000 davon im Elsass. 400 Mitarbeiter stehen auf der Lohnliste, 45 davon in Frankreich. CEO der vielseitigen Firma ist seit drei Jahren Conrad Ammann.

«Die Sprachgrenze war sicher kein Hindernis», blickt der EBM-Chef auf seine Bewerbung zurück. «Generell gefällt mir die Vielfältigkeit der Arbeit.» Das traditionelle Versorgungsgebiet mit Strom reicht nämlich nicht nur bis Frankreich, sondern von der dicht besiedelten Agglomeration und Industrie am Basler Stadtrand bis in die weitläufigen Regionen des Juras.

Seit einigen Jahren erweitert die EBM zudem ihre Angebotspalette und investiert nebst in erneuerbare Energien auch in Fernwärme – derzeit vorab in Strasbourg und sogar ein bisschen in Süddeutschland. «Den grossen Handlungsspielraum dieser privaten Genossenschaft mit über 50 000 Besitzern schätze ich sehr», kommentiert der 56-Jährige.

«Wir leben mit den Grenzen»

Doch ganz ins Ungewisse stürzte sich Conrad Ammann nicht. In der Region aufgewachsen, arbeitete er bereits vor seiner Zeit als Direktor des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich bei der EBM. Damals war er verantwortlich für die Verteilnetze in der Schweiz und im Elsass. «Die Grenze war zwar noch präsenter, dennoch konnten wir auch damals gut im Elsass arbeiten.»

Heute beschäftige die Grenze einen einfach anders: «Deutschland etwa verschärfte kürzlich Steuerbestimmungen», erzählt Ammann. «Da unsere Männer oft im Bereitschaftsdienst stehen, müssen französische und deutsche Mitarbeiter die Pikettautos nun halt an der Grenze abstellen und die letzten Kilometer privat nach Hause fahren.»

Fragt sich: Wie hält man ein derart breit gefächertes, mehrsprachiges Unternehmen zusammen? Für einmal denkt Conrad Ammann einen Moment lang nach. Dann schaut er den Journalisten an, und sagt, diese Frage habe er sich so noch nie gestellt. «Wir leben mit den Grenzen.»

Dass die Sprachenfrage kein Thema ist, hat wohl noch einen anderen Grund: Seit Jahrzehnten ist Deutsch in der EBM Firmensprache. «Schliesslich war das Elsass ja deutschsprachig, als wir die Gemeinden elektrifiziert haben», kommt der CEO wieder in Fahrt. Die Jahresinfo finde sogar auf Mundart statt, im Verwaltungsrat diskutierten auch die französischen Vertreter Deutsch. «Das geht bestens.» Nichts von Integrations- oder Austauschprogrammen, kein Leitbild oder Zertifikat für Mehrsprachigkeit. Wer will, kann am Hauptsitz aber Französisch nehmen. Deutsch sei weniger gefragt.

Neue Texte, keine Übersetzung

Gegenüber der Öffentlichkeit tritt jedoch auch die EBM mehrsprachig auf. Das Kundenmagazin und die Homepage gibt es auf Deutsch und Französisch. «Doch beides wird fürs Elsass nicht einfach übersetzt, sondern es werden neue Texte geschrieben», sagt Ammann.

Denn die Angebote in Frankreich sind nicht dieselben; zu unterschiedlich sind die Gesetze und technischen Details. Apropos Grenze: Trotz Personenfreizügigkeit dürfen Mitarbeitende nicht einfach auf beiden Seiten eingesetzt werden. «Sonst haben wir sofort Ärger mit den Gewerkschaften», schmunzelt Ammann. In Frankreich beispielsweise unterstehen die EBM-Mitarbeiter dem Gesamtarbeitsvertrag von Électricité de France (EDF). Oder die Schweiz diskutiert erst, den Strommarkt auch für Privatpersonen zu liberalisieren.

Fragt sich: Schaffen zwei Kantone und zwei Länder nicht zu viele unterschiedliche Vorschriften? «Klar ist das alles ein Mehraufwand und damit mit Kosten verbunden», gibt EBM-Chef Conrad Ammann zu bedenken. «Doch unter dem Strich sind wir schlank aufgestellt und segeln damit beispielsweise im Elsass als sehr kleiner Anbieter im Schatten von EDF und sind trotzdem konkurrenzfähig.»

Denn der Preis sei nur ein Faktor. «Stimmt die Leistung, sind die Kunden auch bereit, den Preis zu bezahlen.» Mit einem Schmunzeln verweist Ammann auf geflügelte Elsässer Sprüche von dunklen und hellen Dörfern. Oder erzählt, dass man anhand der schwarzen französischen Freileitungen und der unterirdischen Verkabelung in «Schweizer» Dörfern auch tagsüber sehe, wer wo im Elsass den Strom liefert.

Welsches Understatement

«Aber eigentlich», so Conrad Ammann, «ist die EBM gar kein Spezialfall». Sondern die breit abgestützte Genossenschaft sei ein Unternehmen wie viele andere auch in der Region, die wie die Bevölkerung von und mit den Beziehungen zu Frankreich und Deutschland lebe. Dazu zählt nicht zuletzt auch ein gewisses Understatement.

Denn Französisch ist nebst Deutsch an der Sprach- und Landesgrenze natürlich ebenso präsent. Auch bei der EBM. Und so erwähnt Conrad Ammann nur in einem Nebensatz, dass auch er in Paris vier Wochen lang einen Sprachkurs gemacht hat, bevor er aus Zürich als CEO zur EBM an die Grenze zu Frankreich zurückgekehrt ist.

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