Pro und Kontra
Was bringt der neue Lehrplan – und was nicht?

Im Kanton Solothurn wird am 21. Mai über die Volksinitiative «Ja zu einer guten Volksschule ohne Lehrplan 21» abgestimmt. Die Initianten aus SVP-, GLP- und EVP-Kreisen bezeichnen den neuen Lehrplan als «Bildungsbremse» und «pädagogisches Monstrum». Die Initiative wird von den meisten Parteien und Verbänden abgelehnt. Diese Seite betont die Bedeutung des Lehrplans 21 als Beitrag zur Harmonisierung der Volksschule in der Deutschschweiz. In mehreren Kantonen wurden ähnliche Initiativen abgelehnt. Zwei bekannte Wirtschaftsexponenten nehmen Stellung.

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Was, wie und wann sollen Kinder an den Volksschulen lernen? Die Antworten, die der neue Lehrplan 21 gibt, sagen nicht allen zu.

Was, wie und wann sollen Kinder an den Volksschulen lernen? Die Antworten, die der neue Lehrplan 21 gibt, sagen nicht allen zu.

Sandra Ardizzone
Ernst Thomke Der emeritierte Grenchner Wirtschaftsführer, promovierte Naturwissenschafter und Mediziner setzt sich für die Initiative ein.

Ernst Thomke Der emeritierte Grenchner Wirtschaftsführer, promovierte Naturwissenschafter und Mediziner setzt sich für die Initiative ein.

Mario Heller

Pro

Nach dem Durchlesen des Lehrplans 21 stelle ich mir die Frage, ob wohl alle kantonalen Erziehungsdirektoren, die unisono diesen Lehrplan befürworten, diesen ganz gelesen und die über 350 Kompetenzen und mehr als 2300 Teilkompetenzen auch verstanden haben. Zweifellos haben zahlreiche kreative Menschen ein idealistisches Werk erstellt, das nur so strotzt von semantischen Leerformeln und pseudo intellektuellem Geplapper, das wohl ein Durchschnittsschweizer kaum versteht.

Hier nur zwei Beispiele:

Kompetenzziel für 9-12jährige Kinder, also Primarschüler von der 4. bis 6. Klasse im Bereich «Natur-Mensch-Gesellschaft: «Die Schülerinnen und Schüler können den Weg von einer familiengerechten Gesellschaft zu einem Territorialrecht mit rechtsstaatlichen Ansätzen erkennen (z.B. Eidgenossenschaft des 13./14. Jahrhunderts, Bundesbrief).»

Oder an anderer Stelle, 3. Klasse: «Schülerinnen und Schüler können Informationen zu ethisch problematischen Situationen erschliessen und Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation erwägen (z.B. Krieg, Ausbeutung, Sexismus, Fortschritt).»
Anmerkung: Fortschritt soll also eine ethisch problematische Form wie Krieg, Ausbeutung und Sexismus sein? Ist das nicht absurd?

Beim sorgfältigen Lesen des vorliegenden Lehrplans stellt sich die Frage, ob dieser dem Wunsch der Abstimmenden aus dem Jahr 2006 wirklich entspricht. Wurden Eckwerte definiert, die den Umzug für die Kinder von Kanton zu Kanton erleichtern und wurde damit die erwünschte Harmonisierung erreicht? Ich bin vom Gegenteil überzeugt. Kann man von Harmonisierung sprechen, wenn z.B. bei den Frühfremdsprachen die einen Kantone mit Englisch starten, die anderen aber zuerst mit Französisch. Weiter wurden Jahrgangsziele abgeschafft.

Neu werden die 11 Schuljahre (inkl. Kindergarten) in 3 Zyklen eingeteilt. Jeder Zyklus enthält zahlreiche Kompetenzen, welche sich die Kinder künftig hauptsächlich in Eigenverantwortung und mit selbstorganisiertem Lernen aneignen sollen. Das heisst jedes Kind soll seinen Weg wählen können, wie es sich die zahlreichen Kompetenzen aneignen will.

Die Lehrperson soll das Kind dabei vor allem nur noch «coachen». Wie wollen Lehrpersonen künftig die Schülerinnen und Schüler beurteilen, wenn jede und jeder an seinen eigenen Kompetenzen arbeitet? Ich fürchte, dass die Unterschiede nicht nur zwischen den Kantonen mehr abweichen werden als bisher, sondern von Schüler zu Schüler, von Klasse zu Klasse und von Gemeinde zu Gemeinde. Dies, weil alle in ihrem individuellen Tempo arbeiten sollen.

Mit dem Schwerpunkt «selbstorganisiertes Lernen» sind die gezielte Wissensvermittlung und die saubere Einführung in wichtige Themen durch die Lehrperson gefährdet. Mehrere Hinweise im Lehrplan lassen darauf schliessen, dass sich Kinder (auch in der Mathematik) zuerst selber an die neuen Themen machen müssen, sich danach im Team austauschen und erst danach ist eine Erklärung der Lehrperson vorgesehen.

Sich selber etwas erarbeiten zu können, bereitet sicher mehr Freude; aber dieser Prozess ist viel langsamer und angesichts der ständig zunehmenden Komplexität des Wissens frage ich mich, ob elf Schuljahre für alles noch ausreichen. Die Schere zwischen den begabten Kindern, die mit dieser selbstorganisierten Methode umgehen können und dem viel grösseren Anteil von Kindern, welche mit der Lernphilosophie des Lehrplans grösste Mühe
haben werden, wird noch weiter aufgehen.

Selber lernen ist wunderschön. Der Lehrplan 21 ist aber ein idealistisches, sehr zeitaufwendiges und unausgewogenes Leitbild, das zweifelsohne aufgrund der kurzen zur Verfügung stehenden Ausbildungszeit zu einer Verschlechterung der Schulabgänger führen wird. Nur noch ein anekdotischer Kommentar zum Selbststudium.

Es hat über 2300 Jahre gebraucht bis ein Genie die Gedanken von Leukipp und Demokrit über den atomaren Aufbau der Materie erklären und mathematisch formulieren konnte: Albert Einstein. In diesen 2300 Jahren haben Tausende von hochbegabten Wissenschaftlern im Selbststudium versucht, diese Theorie zu erklären. Heute lernt ein Physikstudent in kurzer Zeit, dieses Gedankengebäude verstehen, nur weil es vor ihm jemand verstanden hat.

Ich bin sehr skeptisch der Einführung des Lehrplans 21 gegenüber und werde die Initiative Ja zu einer guten Volksschule ohne Lehrplan 21 an der kantonalen Abstimmung vom 21. Mai annehmen. Die Gegner des neuen Lehrplans werden gerne als hinterwäldlerisch bezeichnet. So gesehen bin ich gerne mal ein Hinterwäldler.

Josef Maushart Der CEO der Bellacher Fraisa SA und Präsident des Industrieverbandes Solothurn lehnt die Lehrplan-Initiative ab.

Josef Maushart Der CEO der Bellacher Fraisa SA und Präsident des Industrieverbandes Solothurn lehnt die Lehrplan-Initiative ab.

Kontra

Der Vorstand des Industrieverbandes Solothurn und Umgebung Inveso hat sich an seiner Sitzung vom 14.März mit zwölf zu null Stimmen für den Lehrplan 21 und somit für die Ablehnung der Volksinitiative ausgesprochen! Der Lehrplan 21 ist nach Auffassung des Inveso-Vorstandes nicht mehr und nicht weniger als eine zeitgemässe Weiterentwicklung des derzeit gültigen Lehrplanes von 1992. Er löst sicher nicht alle Schulprobleme und wird auch nicht alle Wünsche und Bedürfnisse befriedigen. Aber er ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Er bringt uns eine Erleichterung des Übertrittes von der Volksschule in die Berufsausbildung, weil wir mit ihm erstmals ein einheitliches Basiskonzept für die gesamte Deutschschweiz bekommen. Das ist am Übertritt ins Berufsleben besonders wichtig, weil Grenchner Firmen natürlich auch Schülerinnen und Schüler aus dem Kanton Bern und Oltner Firmen solche aus dem Aargau beschäftigen und umgekehrt.

Und ebenso gehen unsere Elektroplaner Zusammen mit ihren Deutschschweizer Kollegen in Aarau in die Berufsschule. Und natürlich gilt dieser Zusammenhang für alle andern weiterführenden Schulen ebenso. Es macht Sinn, einen gemeinsamen Ansatz für die Deutschschweiz zu entwickeln, auch wenn selbstverständlich jeder Kanton noch ein eigenes «Finish» vornimmt.

Der Lehrplan 21 betont in didaktischer Hinsicht Kompetenzen. Dieser Begriff löst bei den Gegnern des Lehrplanes 21 Reflexe aus, die den Untergang des Abendlandes befürchten lassen. Im dualen Berufsbildungssystem haben wir längst auf das kompetenzorientierte Modell umgestellt und machen damit seit über 10 Jahren hervorragende Erfahrungen.

Und das macht Sinn, weil wir in Studium und Berufswelt schliesslich auch nicht mit Fakten, sondern nur mit Kompetenzen vorwärtskommen. Unter Kompetenzen verstehen wir in der Berufswelt die Fähigkeit, erlerntes Wissen zielorientiert miteinander zu verknüpfen, anstatt es nur wiedergeben zu können. Und genau so ist das auch im Lehrplan 21. Welche Kompetenzen, in welcher Altersstufe zu beherrschen sind, wird im Lehrplan 21 sehr umfassend und für Eltern, Lehrer und Schüler vollkommen transparent und verständlich dargestellt.

Kompetenzen erlernt man jedoch nicht im Frontalunterricht, sondern beispielsweise in Projektarbeiten. In ganz jungen Jahren sprechen wir vom spielerischen Lernen, vom Lernen durch Erfahrung und erachten das als die vollkommen natürlich Methode des Lernens. Nun wird der ausschliessliche Frontalunterricht ja Gott sei Dank nicht erst mit dem Lehrplan 21 abgeschafft.

Bereits der aktuell gültige Lehrplan ’92 beschreibt unter den didaktischen Leitideen genau 10 Unterrichtsformen. Diese reichen von «Gruppen – und Partnerarbeiten» über «individualisiertes Lernen mit Wochenplan und Freiwahlarbeit» bis hin zum «entdeckenden und handelnden Lernen». Es heisst dort: «Die Lehrenden sind in der Wahl der Unterrichtsmethode weitgehend frei. Die Vielfalt der Ziele, Inhalte und Lerntypen erfordert einen Methodenpluralismus.»

Der Lehrplan 21 fördert auch die berufliche Orientierung, indem er hier Mindeststandards definiert. Im Kanton Solothurn ist davon aber vieles bereits im Rahmen der letzten Sekundarstufenreform umgesetzt worden. Aus Sicht der Wirtschaft wäre es hier unabhängig vom Lehrplan wünschenswert, dass auch diejenigen Schüler, die im Sek P-Zug, also auf dem Weg zur Maturität, eingespurt sind, einen eigentlichen Berufswahlunterricht erhalten. Denn nicht jeder der intellektuell studieren könnte, will dies auch wirklich machen. Viele Jugendliche wollen in einer bestimmten Phase etwas Praktisches tun, bevor sie wieder auf die Schulbank zurückkommen.

Neben der beruflichen Orientierung stärkt der Lehrplan 21 auch ganz klar die MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Dies hat weniger mit den Fachinhalten oder der Lektionenzahl als vielmehr damit zu tun, dass der gesamte Aufbau über alle Altersstufen hier vollständig überarbeitet und aufeinander abgestimmt wurde. Zudem ist auch das Fach Informatische Bildung der heutigen Situation angepasst und umfasst neben der klassischen Informatik auch die Bedeutung und Aufgabe von Medien für das Individuum und für die Gesellschaft.

Das heisst aber nicht, dass mit unserer Schule alles in Ordnung ist und es heisst nicht, dass der Lehrplan 21 die bestehenden Probleme lösen wird. Wir haben 25 Prozent der Kinder, die sich nach 11 Schuljahren einschliesslich Kindergarten nicht für eine dreijährige Lehre qualifizieren. Und wir haben zu viele Kinder, die mit privater Nachhilfe über Selektionshürden hinweg trai-niert werden, was unfair ist und in vielen Fällen weder den Kindern noch den Eltern noch der Schule zum Vorteil gereicht. Es bleibet also auch nach der Einführung des Lehrplanes 21 noch einiges zu tun.