«Raus aus dem Mittelfeld»: Damit setzte die Standortförderungsorganisation Innostep ein brisantes Thema am gut besuchten HESO-Forum. Zwar sei die Ansiedlung von Biogen in Luterbach ein grosser Gewinn für die Region mit starker Signalwirkung, sagte Präsident Peter Riedweg. Es gelte aber, sich nicht auszuruhen, sondern der Erfolg müsse Ansporn sein, noch besser zu werden.

Er führte einen aktuellen Standortqualitätsindex an. Demnach erreiche die Region Solothurn von 110 Schweizer Wirtschaftsregionen den 41. Rang und gehöre so zum guten Mittelfeld. «Mittelmässigkeit bedeutet in der heutigen Zeit aber ein Standortrisiko.»
Der von Riedweg präsentierte Datenkranz über die Solothurner Wirtschaft, basierend auf Daten des Basler Wirtschaftsforschungsinstituts BAK, zeigt ein durchzogenes Bild.

Während das BAK beispielsweise sowohl für die Region Solothurn wie auch für den Kanton ein höheres Wachstum des Bruttoinlandproduktes (BIP) prognostiziert als für die Gesamtschweiz, hinken die Solothurner beim Bevölkerungswachstum hintennach. Kein Geheimnis ist, dass die Steuerbelastung im Verhältnis zur Schweiz sowohl für Unternehmen wie Hochqualifizierte hoch ist. Riedweg sieht deshalb Verbesserungspotenzial. «Nutzen wir die Chancen, denn verpasste Chancen sind Nährstoff für andere Regionen.»

Wyss: «Die Aussage ist provokativ»

Vom Slogan «Raus aus dem Mittelfeld» fühlte sich die Solothurner Volkswirtschaftsdirektorin Brigit Wyss herausgefordert. «Die Aussage ist provokativ und wird dem Kanton nicht gerecht.» Für sie dümpelt Solothurn nicht im Mittelfeld, sondern mische vorne mit. Sie zitierte eine Studie über das frei verfügbare Einkommen. Und da liege Solothurn auf dem guten 8. Rang. «Solothurn ist ein attraktiver Wohnstandort.» Zudem bleibe Solothurn ein bedeutender Industriestandort und gerade im Medtech-Bereich sei die Region alles anderes als ein Mittelfeldspieler. Der Kanton werde, so Wyss, alles daransetzen, damit der Standort sowohl zum Investieren wie Wohnen noch attraktiver werde.

Gastreferent Roland Scherer, Direktor des Instituts für Systemisches Management und Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen, zeigte auf, wie sich der Standortwettbewerb aufgrund neuer Megatrends verändern werde. Die Lancierung des ersten Apple-Smartphones vor erst zehn Jahren habe ein neues Zeitalter eingeläutet. Die technologische Entwicklung verlaufe nicht mehr stetig, sondern sprunghaft. Das beeinflusse etwa die Standortpolitik der Unternehmen, die Standortgebundenheit nehme rasant ab. Scherer sprach von «einer Entörtlichung».

So bleibe etwa die Bildung von Branchen-Clustern weiterhin wichtig, aber der Austausch von Erfahrungswissen werde sich grundlegend verändern. «Dank der neuen Technologien verliert die räumliche Nähe für den Wissensaustausch an Bedeutung.» Für das Standort-Marketing blieben die harten Faktoren wie Flächen, Steuern, Arbeitskräfte wichtig. Gleichzeitig nehme der Einfluss der weichen Faktoren wie Wohnen und Lebensqualität zu. «Es kommt zum Wandel von der Angebots- zur Kundenorientierung. Den optimalen Standort gibt es nicht mehr.»

Schlaf- oder Industriekanton?

Mit der Frage – «ist der Ausbruch aus dem Mittelfeld für den Kanton Solothurn angesichts der hohen Schuldenlast, der Steuerbelastung sowie der Lage inmitten von Grosszentren überhaupt realistisch?» – lancierte Moderator Michael Hug eine angeregte Podiumsdiskussion. Für den ausgewiesenen Immobilienexperten Markus Graf stimmt die Richtung, aber es sei klar, dass nicht alle Kantone überall Spitze sein können. Eindeutig sei, dass die Lebensqualität an Bedeutung gewinnen werde. Deshalb sei attraktiver Wohnraum zu schaffen, auch für Pendler, die in den Grosszentren arbeiten, aber lieber in der Region wohnen wollten. Um die Steuereinnahmen zu erhöhen, plädierte er für «ein Wachstum der natürlichen Personen».

Im zweiten Schritt gelte es, die Wertschöpfung der Wirtschaft im Kanton zu erhöhen. Für den Solothurner Stadtpräsidenten Kurt Fluri ist ein Weg aus dem Mittelfeld eher illusorisch. Bei der Šteuerbelastung gebe es kaum Verbesserungsmöglichkeiten und die Verfügbarkeit von hochqualifizierten Arbeitskräften sei in einem Kanton ohne Hochschule und Universität begrenzt. Dagegen ist für ihn Solothurn im Bereich Lebensqualität alles andere als Mittelmass. Eine Erhöhung des Steuersubstrats sieht Fluri am ehesten über den Weg beim Bevölkerungswachstum. «Ich glaube nicht, dass Firmen viele zusätzliche Steuereinnahmen bringen.»

Unternehmer Josef Maushart gab Gegensteuer. Es gelte tatsächlich, mehr Steuersubstrat zu schaffen, um die Sparabwärtsspirale bei den Kantonsfinanzen zu stoppen. Dazu brauche es genügend Wirtschaftswachstum, um die staatlichen Leistungen mindestens halten zu können. Die Losung – «hier wohnen und in den Grosszentren arbeiten» – wäre ein Armutszeugnis. Es brauche vielmehr einen gesunden Mix.

Das Bevölkerungswachstum soll zwar auf den Schweizer Durchschnitt angehoben werden, gleichzeitig müsse man aber dafür sorgen, Arbeitsplätze zu schaffen. «Denn die Wirtschaft bringt die Menschen in den Kanton.» Als grösstes Asset am Jurasüdfuss sieht Maushart die Kompetenz der Menschen im Arbeitsprozess. Die Firmen seien nicht zufällig hier angesiedelt. «Wir wollen nicht ein Schlafkanton sein, sondern ein Industriekanton.»