Einpersonenhaushalte
Warum wohnen in Olten und Solothurn so viele Menschen alleine?

Olten und Solothurn haben den grössten Anteil an Einpersonenhaushalten unter den Schweizer Kleinstädten: In 43,9 Prozent der Haushalte wohnt lediglich eine Person. Warum ist das so? Die Analyse.

Sven Altermatt
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Mit 16 615 Einwohnern ist Solothurn die drittgrösste Stadt im Kanton. Der Einpersonenhaushalt-Anteil ist gleich hoch wie in Olten.

Mit 16 615 Einwohnern ist Solothurn die drittgrösste Stadt im Kanton. Der Einpersonenhaushalt-Anteil ist gleich hoch wie in Olten.

Hanspeter Bärtschi

Welche Farbe soll das neue Sofa haben? Wer darf das Fernsehprogramm auswählen? Und überhaupt, was gibt es heute Abend eigentlich zu essen? Immer mehr Menschen entscheiden solche Fragen, ohne dass sie Rücksicht auf Mitbewohner nehmen müssen. Einpersonenhaushalte sind heute die verbreitetste Wohnform in der Schweiz, über 1,3 Millionen Menschen leben allein.

Allerdings variiert der Anteil je nach Lebensraum beträchtlich. 32 Prozent beträgt er etwa in den Agglomerationsgemeinden, wo die meisten Schweizer wohnen. Und während in den acht grossen Städten die Einpersonenhaushalte fast die Hälfte aller Haushalte ausmachen, liegt der Wert in den kleinstädtischen Zentren mit knapp 35 Prozent deutlich tiefer. Die Städte dieser Kategorie übernehmen, so die gesetzliche Definition, «eine wichtige Zentrumsfunktion auf regionaler Ebene». Im Mittelland, dem Viereck zwischen Zürich, Basel, Bern und Luzern, sind sie von besonderer Bedeutung; als Dienstleistungsorte mit eigener Agglomeration.

Doch im Vergleich mit den grossstädtischen Zentren ist der Anteil der Einpersonenhaushalte in den kleinen Pendants nicht nur kleiner – er ist seit der Jahrtausendwende auch kaum gewachsen. Klafft hier ein Graben zwischen Klein und Gross? So einfach ist es nicht, schon gar nicht aus Solothurner Sicht. Denn zwei hiesige Städte schwingen obenaus: In Olten und Solothurn werden anteilsmässig so viele Wohnungen von nur einer Person bewohnt wie in keinem anderen der 58 kleinstädtischen Zentren. Der entsprechende Anteil beträgt jeweils 43,9 Prozent. Damit sind die beiden Städte die landesweiten Spitzenreiter, wie eine Auswertung zeigt. Vor Städten wie Aarau oder Baden; vor Langendorf oder Nyon; vor Frauenfeld oder Locarno.

Selbstbewusste Singles

Um den Gründen dafür auf die Spur zu kommen, lohnt sich zuerst der grosse Blick auf alleinwohnende Menschen. Manche sehen die eigene Wohnung als Symbol für Freiheit, andere teilen ihre vier Wände nicht unbedingt freiwillig mit niemand anderem.

Gerade jüngere Menschen leben zeitweise gerne in ihrem eigenen Haushalt. Gegen eine Partnerschaft spricht deswegen noch lange nichts. Wer allein wohnt, muss sich heute nicht mehr zwischen Unabhängigkeit und Beziehung entscheiden. Faktoren wie die «Auflockerung der klassischen Familienstrukturen», so beschrieb es der 2015 verstorbene Soziologe Ulrich Beck, haben das Alleinleiben überhaupt erst ermöglicht. Dazu kommen Personen, die auf Dauer selbst gewählt eine ganze Wohnung für sich haben wollen. Von Forschern werden sie als «Committed Singles» bezeichnet. Alleinleben betrachten sie als Lebenseinstellung.

Auch demografische Erkenntnisse sind relevant, um das Phänomen «Einpersonenhaushalt» zu verstehen. Darauf verweist das Bundesamt für Statistik, das jeweils die Haushaltgrössen erfasst. Die Geburtenhäufigkeit geht ebenso zurück wie die Zahl der Familiengründungen. Gleichzeitig bewegt sich die Scheidungsziffer noch immer auf hohem Niveau. Zudem werden Frauen meist älter als ihre Männer, sie überleben den Ehepartner um einige Jahre und verbringen den Lebensabend allein.

Viele in der Sozialhilfe

Bis hierhin könnte der Einpersonen-Haushalt als Wohlstandsphänomen bezeichnet werden. Von einem Dasein in finanzieller Unabhängigkeit sind viele jedoch weit entfernt. Alleinlebende sind deutlich gefährdeter, in die Armut abzurutschen, als Menschen, die mit dem Partner oder der Familie zusammenwohnen. Die Zunahme der Einpersonenhaushalte erhöhe die Kosten für die Sozialhilfe, schreibt der Bundesrat in einem kürzlich veröffentlichten Bericht. «Diese ist für eine alleinlebende Person deutlich höher als für eine Person in einem Mehrpersonenhaushalt.» Zwei Drittel der Haushalte in der Sozialhilfe sind unterdessen Einpersonenhaushalte, und genau diese Erkenntnis führt zurück ins Solothurnische.

Zumindest in Olten kann nämlich von einem direkten Zusammenhang ausgegangen werden. Die Sozialhilfequote lag in den vergangenen Jahren deutlich über dem Durchschnitt des Kantons und von anderen kleinstädtischen Zentren. Tatsächlich konstatierte eine vom Gemeindeparlament in Auftrag gegebene Studie schon 2013, der hohe Anteil an Einpersonenhaushalten zähle zu den «Grössen, bei denen ein Einfluss auf die hohe Sozialhilfequote besteht».

Die Stadt habe eine hohe Leerwohnungsziffer. Gleichzeitig stünden viele kleine Wohnungen mit günstigen Mieten zur Verfügung; für Sozialhilfeempfänger sei es relativ einfach, eine solche zu beziehen. Diese Voraussetzungen führen gemäss der Studie zu einer Zunahme der Sozialhilfequote. Anders verhält es sich in Solothurn. Die Sozialhilfequote liegt weit unter den Werten von Olten. Bei den Sozialdiensten der Hauptstadt wird dies auf eine «andersartige Bevölkerungsstruktur» und auf «differente Bedingungen auf dem Wohnungsmarkt» zurückgeführt. In Solothurn ist die Leerwohnungsziffer mit 0,8 Prozent deutlich tiefer als in Olten mit 2,8 Prozent.

Ferner sind freistehende Wohnungen erheblich weniger lang ausgeschrieben. Die kurze Insertionsdauer lasse auf eine hohe Nachfrage schliessen, so eine Analyse des Solothurner Stadtbauamts aus dem Jahr 2015. «Solothurn positioniert sich als attraktive Wohnstadt besser als Olten, wie der angespanntere Wohnungsmarkt zeigt.»

Ebenfalls stärker spürbar sind in Solothurn die Folgen des demografischen Wandels. Der Anteil der über 65-jährigen Einwohner liegt mit 19,6 Prozent über dem schweizweiten Durchschnitt, in Olten mit 18,8 Prozent leicht darunter. «Die steigende Lebenserwartung bei besserer Gesundheit führt dazu, dass ältere Menschen länger zu Hause wohnen», analysiert das Solothurner Stadtbauamt. In diesem Alterssegment steige die Zahl der Einpersonenhaushalte rapide. Frauen sind dabei deutlich in der Mehrzahl. 43 Prozent der Senioren über 80 Jahre wohnen heute in einem Einpersonenhaushalt; in Altersheimen leben nicht einmal halb so viele.

Folgen für den Wohnungsmarkt

Zusammengefasst gesagt, spiegeln sich im hohen Anteil an Einpersonen-Haushalten also Entwicklungen, die typisch sind für Olten und Solothurn. Ohne Folgen bleibt das nicht: Unter den neu errichteten Wohnungen sind es vor allem die grösseren, die auf Mieter warten.

Obwohl sich der Wohnungsbestand zumindest in Solothurn nachhaltig entwickelt, besteht selbst hier eine leichte Diskrepanz zwischen der Zahl der Einpersonenhaushalte und den neu gebauten Wohnungen, die tendenziell zu gross sind. Ökonomen sprechen vor diesem Hintergrund von einer «mangelhaften Übereinstimmung zwischen der Nachfrage und dem Wohnflächenbedarf».

Solche Umstände sieht man der Statistik freilich nicht auf den ersten Blick an. Bei den Alleinlebenden handelt es sich um eine äusserst heterogene Gruppe, in der unterschiedliche Lebensentwürfe ebenso aufeinandertreffen wie Wertvorstellungen und Einkommensklassen.