Über den Tod spricht Linda Gasser ganz offen. Der komme todsicher, sagt die 25-Jährige. Vielleicht morgen. Vielleicht mit 99 Jahren. «Niemand scheitert beim Sterben.» Aber: «Beim Prozess kann man einiges falsch machen.» Das weiss sie aus dem Berufsalltag. Die gebürtige Solothurnerin, die heute in Wangen an der Aare lebt, arbeitet in einem Alterszentrum im Aargauischen, ist ausgebildete Pflegefachfrau. Den Tod kennt sie aber auch von Erfahrungen aus dem Privatleben.

2015 starb ihr Vater an einer Lungenkrankheit. Als unglücklich bezeichnet Gasser seinen Sterbe-Prozess. Denn: Als klar war, dass der Tod kommt, konnte er nicht im Spital bleiben. Sein Bett wurde für solche gebraucht, die wieder geheilt werden können. Er kam in ein Altersheim. «Das war für niemanden leicht.» Weder für den Vater – noch für die alten Menschen, die sich zwar ebenfalls in der letzten Lebensphase befunden hätten– aber nur ungerne mit dem Thema so direkt konfrontiert worden seien.

Dann gebe es in den Heimen oft noch ganz junge Lernende. «Die lernen so zwar für das Leben – schwierig kann das aber trotzdem sein.» Ebenso für die Familie. «Es ist schlimm, an einem Ort Abschied nehmen zu müssen, wo man sich völlig fremd fühlt.»

«Wir wollen Angst nehmen»

Nach dem Tod des Vaters blieb Gasser mit dessen Trauerbegleiterin in Kontakt. Im selben Jahr entstand auch die Idee für ein Projekt: «In Solothurn braucht es einen Ort, wo man einfach sterben kann.» 2016 wurde der Verein Sterbehospiz gegründet, in dessen Vorstand heute beide Frauen sind. Gasser ist zudem Präsidentin.

Sie hat ganz konkrete Vorstellungen von dem Ort, an welchem Menschen jeden Alters – meist wohl zwischen 18 und 70 Jahren, bis allenfalls Eintritte in Heime Thema werden, – ihren letzten Lebensabschnitt verbringen können. Ein Haus, mit Platz für sechs Personen, ohne Besuchszeiten, wo jeder Sterbende selbst bestimmt, ob er etwa noch essen will, wie lange er gewaschen werden möchte. In einem Zimmer mit eigenen Möbeln, eigenen Bildern. «Dort bleibt die Person, so lange wie es dauert.»

Am Schluss soll es so auch für die Angehörigen stimmen. «Der Sterbende ist tot – die Angehörigen bleiben. Sie müssen loslassen können.» So soll das Hospiz auch Platz zum Schlafen für Angehörige bieten, ein Café, in dem sie sich austauschen können. Das Hospiz soll zudem unter pflegerischer Leitung stehen – nicht ärztlicher. «Ärzte werden dazu ausgebildet, Leben zu retten. Sterben lassen ist manchmal schwierig.»

So solle das Hospiz nicht nur bestehende ambulante Angebote ergänzen, sondern auch Angst nehmen, wie Gasser erklärt. «Beim Kern» – den oben genannten Beteiligten; aber auch «in der Peripherie», also etwa Bewohnern der Umgebung. Denn oft sei Sterben noch ein Tabu-Thema: «Viele haben halt Todesangst davor.» Andere Kulturen würden das Sterben zelebrieren, glaubten daran, dass alles einen Sinn gehabt hat. «In der erfolgsorientierten Gesellschaft ist Sterben nicht das Vollenden des Prozesses, sondern einfach das Ende – man hat dann nichts mehr vom Leben.»

Oder aber das Thema werde gleich dramatisiert – etwa wenn es um den Beizug von Sterbehilforganisationen geht. Diese wolle man im Hospiz niemandem verwehren. Doch: «Wir sprechen sicher über den Sterbeprozess.» In vielen – nicht in allen – Fällen würde sich jemand umentscheiden, wenn er weniger Angst hätte, ist Gasser überzeugt. «Aber das ist sehr individuell. Auch ich weiss nicht, wie ich auf eine Diagnose reagieren würde.»

Gesucht: Geld und Liegenschaft

Eine Umfrage des Solothurner Vereins bei Ärzten, Angehörigen und Pflegenden zeige: Das Hospiz wird gewünscht. Und doch: Das Hospiz gibt es noch nicht. Dabei habe man schon heute Anrufe alter Menschen, die wissen wollen: «Wann kann ich eintreten?» Doch das weiss auch Gasser nicht. Damit das Vorhaben – vom fertigen Masterplan bis zum Hygienekonzept – umgesetzt werden kann, braucht der Verein nämlich zwei Dinge: eine Liegenschaft. Und Geld. Derzeit hat der Verein rund 100 000 Franken Spenden gesammelt. Seit einem Jahr sei man regelrecht am Betteln. Gasser, voll berufstätig, führt im Monat ein bis drei Gespräche. Die beiden pensionierten Ärzte im Vorstand wöchentlich. Oft heisse es jedoch: Gute Idee – aber investieren wolle man nicht.

Ähnlich verhalte es sich bei der Suche nach der Liegenschaft. Man habe sich schon einige Objekte angeschaut. Definitiv war dann aber nichts. Oder aber es hiess: Gute Idee – aber nicht in unserem Quartier. Der Verein habe zwar eine grundsätzlich «ideale Liegenschaft» im Kopf – aber nicht genug Geld dafür.