Nach über 25 Jahren im Kanu, drei Teilnahmen an Olympischen Spielen, einer EM-Silbermedaille und sieben weiteren Medaillen an Grossanlässen tritt Mike Kurt vom Spitzensport zurück. «Ich habe mein Leben als Spitzensportler genossen. Jetzt ist es genug», sagt der 36-jährige Wiedlisbacher, der in Solothurn lebt.

«Vor zwei Wochen hatte ich die letzte Möglichkeit, mich für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro zu qualifizieren. Solche Ziele sollten einen antreiben und fürs Training motivieren. Ich habe aber gemerkt, dass das bei mir nicht mehr passiert», erklärt er den Zeitpunkt seines nicht unerwarteten Rücktritts.

Das eigentliche Schlüsselerlebnis sei die Silbermedaille an den Europameisterschaften 2013 gewesen. «Damit konnte ich mich für das Scheitern an den Olympischen Spielen in London rehabilitieren. In London war ich in der Form meines Lebens, und es gab einen grossen Rummel um meine Person. Und dann brach das Paddel. Also musste ich beweisen, dass ich schuldlos gescheitert war. Das ist mir bei der EM mit einem perfekten Lauf gelungen. Mit einer solchen Leistung hätte ich auch Olympiasieger werden können.»

Mit dem Scheitern in London könne er seither gut leben. «Ich weiss, ich habe alles richtig gemacht. Dass das Paddel gebrochen ist, lag nicht in meiner Macht.»

Prioritäten verschieben sich

Danach habe er bemerkt, dass der Sport nicht mehr erste Priorität hatte. «Im Training dachte ich über meine Arbeit nach, und eigentlich sollte es bei einem Spitzensportler genau umgekehrt sein, er sollte bei der Arbeit an sein nächstes Training denken. Ich trainierte zu wenig und hatte trotzdem noch recht grossen Erfolg. Deshalb habe ich mir gesagt, ich muss die Qualifikation für Rio nochmals versuchen.»

Es sei so, wie wenn man verliebt ist. Wenn man sich der Frau nicht offenbare, bekomme man zwar keinen Korb, aber es bleibe auch immer offen, ob man die Liebe des Lebens verpasst habe. «Jetzt habe ich es schwarz auf weiss. Es war ganz knapp, aber es ist so: Ich konnte mich nicht für Rio qualifizieren. Und das ist für mich auch in Ordnung so.»

Mike Kurt steht für die Geschwindigkeit, mit der sich im Spitzensport die Hochs und die Tiefs abwechseln können. «In Athen 2004 gewann ich die Qualifikation überlegen und wenn ich am zweiten Tag eine ähnliche Leistung gezeigt hätte, wäre ich Olympiasieger geworden. Aber dann stand ich am Start und war leer. Ich hatte kein Konzept mehr. Diese Niederlage war extrem bitterer, weil ich ganz alleine versagt hatte. Ein halbes Jahr habe ich mich zermürbt.» Danach begann er mit einem neuen Mentaltrainer von vorn.

«Hätte ich 2006 nicht ein Tor berührt, wäre ich Weltmeister geworden. Aber das war in Ordnung, das kann passieren. Aber die Fallhöhe im Kanusport ist extrem hoch», sagt Mike Kurt. «Alle vier Jahre hat man mit den Olympischen Spielen das ganz grosse Fenster. Dann stehen die Journalisten Schlange. Und dann interessierst du als Kanute wieder vier Jahre lang keinen.» Nach dem Ausscheiden in Athen habe er sogar das Olympiadorf noch am selben Tag verlassen müssen.

Viele Träume und Projekte

«Ich habe Tausende Trainings auf dem Emmenkanal absolviert. Aber das ist, wie wenn ein Skifahrer auf dem Balmberg für die Abfahrt vom Lauberhorn trainieren würde», beschreibt Kurt die hiesigen Verhältnisse für die Kanuten. «Dem Schweizer Nachwuchs fehlt die Infrastruktur. Überall gibt es künstliche Kanustrecken, ausser bei uns.»

Er habe ein entsprechendes Projekt in der Schublade. Einen Kanukanal irgendwo in der Schweiz zu bauen, dafür könnte er sich begeistern. «Wir haben viele Wasserkraftwerke wie jenes in Flumenthal, das sich ideal für eine Olympiastrecke eignen würden.» Die Fischer hätte er dabei sicher auf seiner Seite. «Die starke Strömung braucht es nur, wenn darauf Kanu gefahren wird. Die meiste Zeit wäre ein Kanukanal eine High-end-Fischtreppe.» An Ideen fehlt es also nicht.

Als Achtjähriger wurde Mike Kurt von seinem Onkel Ernst zum ersten Mal in ein Kanu gesetzt und nach zwei Jahren war er der beste Schweizer Junior. Ist nach fast 30 Jahren ein Leben ohne Sport überhaupt denkbar? «Kanu hat den Vorteil, dass man nach dem Spitzensport weiterfahren kann. Wenn andere Leute wandern gehen, werde ich Kanu fahren.»

Nun will Mike Kurt mit seiner Crowdfunding-Plattform «I believe in you» durchstarten. «Wir werden in diesem Jahr bereits zweieinhalb Millionen Franken für Sportler generieren. Und wir planen, in andere Länder zu expandieren.»