Rückblick
Warum es 1993 im Kantonsrat zu einem «Männermassaker» kam

Am Solothurner Wahlsonntag 1993 siegten die Frauen. Gleich reihenweise wurden die Männer vor 25 Jahren aus dem Kantonsrat abgewählt. Der Grund dafür ist in Bern zu suchen.

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Der stark angestiegene Frauenanteil lieferte die grosse Schlagzeile. So berichtete die Solothurner Zeitung am 29. März 1993, dem Tag danach, über den Wahlsonntag.

Der stark angestiegene Frauenanteil lieferte die grosse Schlagzeile. So berichtete die Solothurner Zeitung am 29. März 1993, dem Tag danach, über den Wahlsonntag.

Solothurner Zeitung

Der 28. März 1993 war ein Wendepunkt für die Frauen in der Solothurner Politik. Auf einen «Chlapf» verdreifachte sich bei den Wahlen der Frauenanteil im Kantonsrat. Hatte es 1989 gerade einmal die bescheidene Zahl von 15 Frauen in den Rat geschafft, sassen nun nicht weniger als 50 Frauen im damals noch 144-köpfigen Solothurner Parlament. Nie mehr seither sassen dort so viele Politikerinnen wie zwischen 1993 und 1997. «Die Frauen sind die Siegerinnen», schrieb diese Zeitung am 29. März 1993, dem Tag nach den Wahlen.

Pech für die Männer, Glück für die Frauen: Der Grund dafür ist in Bern zu suchen. – Er ist mit einem Datum verbunden. Und mit dem Namen Christiane Brunner. Der 3. März 1993 war der Tag der Nicht-Wahl von Christiane Brunner in den Bundesrat. Statt der offiziellen SP-Kandidatin aus Genf wählte die Vereinigte Bundesversammlung den Neuenburger Françis Matthey zum Nachfolger von René Felber. Die Empörung darüber war gross. Vor dem Bundeshaus wurde dagegen demonstriert, dass die Schweizer Landesregierung weiterhin ohne Frau bleiben sollte.

Die weitere Geschichte ist bekannt. Nach einer Woche Bedenkzeit verzichtete Matthey auf Druck seiner Partei auf das Amt. Schliesslich wurde am 10. März, während 10 000 Menschen auf dem Bundesplatz die Wahl über Lautsprecher mitverfolgten, die Genfer Sozialdemokratin Ruth Dreifuss gewählt – als erst zweite Bundesrätin nach Elisabeth Kopp.
Genossen traf es besonders hart

Doch damit war die Geschichte nicht vorbei. Die Frauenfrage dominierte in der Folge auch die Solothurner, die Aargauer und die Neuenburger Wahlen, die wenige Wochen später stattfanden. In Solothurn wurden gleich vierzehn Männer, also jeder zehnte Kantonsrat, abgewählt. Besonders hart traf es nicht etwa die Bürgerlichen, die in Bern Christiane Brunner als Bundesrätin verhindert hatten, sondern die Genossen selbst. Dort hiess es nach der Brunner-Demütigung: Jetzt erst recht, Frauen! Sieben SP-Männer mussten den Sessel räumen. In der SP-Fraktion hatten die Frauen danach die Mehrheit, nämlich 19 der 36 SP-Sitze. Die Freisinnigen schickten bei 54 Sitzen 14 Frauen ins Rathaus (vorher 4), bei der CVP waren 10 von 36 Sitzen von Frauen besetzt (vorher 4), die Grünen hatten acht Sitze, wovon 7 an die Frauen gingen (vorher 2). Die damals noch junge SVP war noch nicht im Parlament; dafür war damals noch der Männerverein Autopartei im Rat. Begünstigt hat die Frauenwahl auch das damalige Wahlsystem, das noch kein doppeltes Aufführen von Personen erlaubte. Bisherige hatten so einen kleineren Bonus als heute. Und so kamen ganz neue Gesichter in den Rat.

Urs Huber, damals abgewählt, später wieder gewählt und 2017 Kantonsratspräsident: «Es war ein historischer Moment. Wenn so eine Welle kommt, spült es Dich halt weg.»

Urs Huber, damals abgewählt, später wieder gewählt und 2017 Kantonsratspräsident: «Es war ein historischer Moment. Wenn so eine Welle kommt, spült es Dich halt weg.»

Lucien Fluri

«Kein richtiger Sieg»

Zu den 14 Männern, die ihren Platz im Solothurner Rathaus räumen mussten, gehörte SP-Mann Urs Huber. Der letztjährige Kantonsratspräsident ist der einzige Parlamentarier, der schon damals – und noch heute im Kantonsrat sitzt. «Ich habe es nicht kommen sehen», erinnert sich Huber. «Mein Umfeld fand es extrem unfair. Ich hatte extrem viel für den Wahlkampf getan.» Ihm sei jedoch bewusst gewesen, dass es ein historischer Moment war. «Wenn so eine Welle kommt, spült es dich halt weg», so Huber, der sich zuvor in der nationalen Parteileitung noch für Christiane Brunner eingesetzt hatte.
Dass es in der SP die Männer stärker traf, führt Huber auch auf die Stimmung unter den Sozialdemokraten zurück. Man war gefrustet. Denn obwohl Ruth Dreifuss gewählt war, hatten viele Parteimitglieder «nicht das Gefühl, richtig gewonnen zu haben». Schliesslich war doch zuvor die offizielle Kandidatin Brunner abgesägt worden. Alte Wunden klafften da auf: etwa die Nicht-Wahl von Liliane Uchtenhagen zehn Jahre zuvor. 1997 wurde Huber dann wieder gewählt. Seither sitzt der Obergösger Gewerkschafter ununterbrochen im Kantonsrat. «Vier Jahre Pause haben nicht geschadet», sagt Huber.

Christina Tardo-Styner, damals in den Kantonsrat gewählt, später SP-Kantonalpräsidentin: «Nicht alle waren begeistert. Es wurden auch Männer abgewählt, die sich für Frauen eingesetzt hatten.»

Christina Tardo-Styner, damals in den Kantonsrat gewählt, später SP-Kantonalpräsidentin: «Nicht alle waren begeistert. Es wurden auch Männer abgewählt, die sich für Frauen eingesetzt hatten.»

Lucien Fluri

«Hatte nicht damit gerechnet»

Für Christina Tardo-Styner dagegen war der 29. März 1993 der Beginn ihrer politischen Karriere auf Kantonsebene. Sie war 24 und noch Studentin. «Ich hatte nicht damit gerechnet, gewählt zu werden», sagt die spätere SP-Kantonalpräsidentin und heutige Konrektorin an der Kantonsschule Solothurn. «Nicht alle waren begeistert. Es wurden auch Männer abgewählt, die sich für Frauen eingesetzt hatten.» Zwar habe man erwartet, dass Christiane Brunners Nichtwahl einen Einfluss habe, aber nicht in diesem Ausmass. «Es war ein klares Zeichen der SP-Wähler.»
Nach ein paar Monaten sei der spezielle Wahlsonntag allerdings kaum mehr Thema gewesen. In einem Punkt aber hat er aus Sicht von Tardo-Styner noch länger nachgewirkt. «Die Frage Mann/Frau wurde in der SP-Fraktion weniger wichtig, weil die Frauen gleich stark waren.»
Alles Vergangenheit, alles kein Thema mehr? 25 Jahre später lässt sich keine besonders erfreuliche Bilanz ziehen. Im 100-köpfigen Kantonsrat liegt der Frauenanteil bei 29 Prozent. So hoch wie 1993 war der Frauenanteil im Parlament nie mehr. Die damaligen 34,72 Prozent blieben seither unerreicht.

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