Frauen unter sich. Sie reden über sich und ihre Chancen in der Politik und der Arbeitswelt. Wir haben sechs Frauen, bürgerliche und linke, ganz junge und etwas ältere, zu einem offenen Gedankenaustausch in die Redaktion dieser Zeitung eingeladen. Ein humorvolles Gespräch über Parteigrenzen hinweg, das ideologische Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten aufzeigt.

1973 konnten Frauen im Kanton Solothurn erstmals an Wahlen teilnehmen. Auf Anhieb in den den Solothurner Gemeinderat gewählt wurde Marguerite
Misteli, als Mitglied der Poch.

Marguerite Misteli: Ich war damals gerade aus Berlin zurückgekommen. Durch meinen Auslandaufenthalt war mir bewusst geworden, dass wir in der Schweiz schon ein einmaliges System haben. Ich habe meine ausserparlamentarische Opposition aufgegeben und bin als Mitglied der Poch dann in den Solothurner Gemeinderat gewählt worden. Wir waren damals insgesamt vier Frauen im 30-köpfigen Gemeinderat.

Sandra Kolly: Wurdest Du ernstgenommen?

Misteli: Immer wenn ich den Mund aufmachte, sträubten sich bei den vier Männern vor mir die Nackenhaare. Ich war nicht nur Frau, ich war auch noch links. Da habe ich Folgendes gemacht: Ich ging als wandelnde Marilyn Monroe in den Gemeinderat, um den Männern zu beweisen, dass ich nicht einfach nur in die Politik gehe, weil ich keinen Mann bekommen konnte.

Franziska Roth: Was, Du warst so richtig aufgetakelt?

Misteli: Ich wollte eine ganze Energie für die Politik einsetzen. Deswegen habe ich mich bemüht, so auszusehen, wie die Männer das von mir als Frau erwartet haben. Heute hat sich da schon vieles geändert. Auch die Frauen sind selbstbewusster geworden.

Roth: Aber so viel hat sich da auch nicht geändert. Noch heute bekommst Du Feedback auf Deine Kleider.

Sibylle Jeker: Jede Frau hat doch Freude daran, wenn ihr ein Mann Komplimente über ihr Aussehen macht.

Anita Panzer: Wir müssen ehrlich sein. Die grosse Mehrheit der Wählerinnen und Wähler kennt uns nicht und entscheidet sich aufgrund von Sympathie und Ausstrahlung für einen Kopf. Unabhängig davon glaube ich, dass die Zeit für uns Frauen gar nicht so schlecht ist. Und zwar auf allen politischen Ebenen. Viele haben genug von den Seilschaften unter den Männern und wollen frischen Wind in der Politik.

Kolly: Gerade bei den Regierungsratswahlen habe ich das Gefühl, dass die Stimmbürger jetzt zwei Frauen wollen. Wenn man gute Frauen bringt, dann ist man breit, sie zu wählen.

Panzer: Wobei, als man wusste, dass die SP Susanne Schaffner als Regierungsratskandidatin aufstellen wird, waren zunächst etliche innerhalb unserer Partei der Meinung, dass wir jetzt nicht auch noch eine Frau nominieren müssen.

Kolly: Und sollte die CVP nach dem Rücktritt einer der beiden jetzigen Regierungsräte ebenfalls eine Frau aufstellen, dann hätten die Frauen die Mehrheit in der Regierung. Vor einem solchen Szenario haben viele immer noch Angst.

Panzer: Eine Männermehrheit ist nie ein Thema, mit einer Frauenmehrheit haben dann viele Schwierigkeiten.

Auf Regierungsratsebene bewerben sich vier Frauen neben vier Männern. Auf den Kandidatenlisten für den Kantonsrat sind die Frauen aber immer noch stark untervertreten.

Roth: Die SP hat mit 33 Prozent den höchsten Anteil auf den Listen für den Kantonsrat. Es gibt immer noch kaum Studien, weshalb Frauen nicht so recht Fuss fassen können.

Sibylle Jeker: Ein Frauenanteil von rund 28 Prozent auf den Listen für den Kantonsrat ist doch genug. Frauen machen viel Hintergrundarbeit. Für Frauen ist es eben oft nicht so einfach, am Abend an eine Sitzung zu gehen. Frauen hatten aber noch nie so gute Möglichkeiten wie heute, in die Politik einzusteigen. Ich hatte in der Amtei Dorneck-Thierstein keine Probleme, Frauen für unsere Listen zu finden.

Kolly: Auch wir hatten in der Amtei Dorneck-Thierstein keine Probleme, genügend Frauen zu finden. Wir stellen allgemein aber immer wieder fest, dass viele Frauen aus familiären Gründen absagen. Andere trauen es sich nicht zu. Wir Frauen sind sehr selbstkritisch.

Roth: Gerade wir Amtsträgerinnen müssen dran bleiben und Frauen aktiv ansprechen. Es ist immer noch zu wenig selbstverständlich, dass sich Frauen in der Politik engagieren, auch nach über 40 Jahren.

Panzer: Auch wir gehen Klinkenputzen bei Frauen, wenn wir das Gefühl haben, eine bestimmte Frau würde auf die Liste passen. Mein Aufruf geht aber auch an die Frauen selber: Hey, tretet aus dem Schatten heraus und macht etwas!

Julia Hostettler: Auf der Liste der Jungen Grünen haben wir 50 Prozent Frauen. Die jungen Frauen kommen häufig aus der Stadt. Hier haben wir ein anderes Umfeld. Eine Rolle spielt auch das Vorbild der Eltern. Meine Mutter ist politisch sehr interessiert und hat auch immer gearbeitet. Für mich ist aufgrund meiner familiären Herkunft klar, dass dem Engagement von Frauen keine Grenzen gesetzt sind.

Roth: Dieser Stadt-Land-Graben war früher noch viel ausgeprägter. 1987 begann ich in Herbetswil Schule zu geben. Mein damaliger Mann blieb zu Hause und betreute die Kinder. Und dann hatte ich noch die Frechheit, an der Gemeindeversammlung das Wort zu ergreifen. Ein älterer Herr sagte damals zu mir: So eine wie Dich hätte man vor 300 Jahren verbrannt.

Kolly: Ich bin ja in Herbetswil aufgewachsen. Ich kann mich noch gut an diese Situation erinnern. Das war für viele absolut empörend, was Du Dir da erlaubt hast, das ging gar nicht.

Misteli: Der Frauenanteil auf den Listen stagniert bei 30 Prozent. Diese Frauen können in ihrem Leben für ein politisches Engagement Platz schaffen. Damit noch mehr Frauen diese Möglichkeit haben, braucht es strukturelle Veränderungen. Damit meine ich familienergänzende Betreuungsstrukturen. Zudem sollte es auch normal werden, dass Frauen auch mal mehr verdienen als die Männer. Dann ist es nämlich selbstverständlicher, dass Männer auch mal zu Hause bleibe.

Politische Forderungen sind das eine. Zum anderen aber kommen gesellschaftliche Veränderungen dem höheren Engagement von Frauen in der Politik und der Wirtschaft entgegen.

Roth: Noch nicht sehr lange, erst seit Beginn der 80er-Jahre, haben wir den Gleichstellungsartikel in der Verfassung. Eine Reihe politischer Forderungen sind noch nicht eingelöst: Die Lohngleichheit ist nicht überall selbstverständlich. Es braucht auch bezahlbare Tagesstrukturen. Und in der Wirtschaft muss Teilzeitarbeit auch für Männer eine grössere Selbstverständlichkeit werden.

Panzer: Mit der jungen Generation wird sich vieles ändern. Hier kommen grosse Veränderungen auf die Wirtschaft zu. Die junge Generation hat ganz andere Vorstellungen, was Arbeitszeitmodelle betrifft. Teilzeitarbeit oder auch die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, wird immer wichtiger, egal ob für Frauen oder Männer. Dazu kommen neue Führungsmodelle innerhalb der Betriebe mit viel flacheren Hierarchien. Solche Entwicklungen kommen den Frauen entgegen.

Kolly: Teilzeit zu arbeiten wird auch für Männer langsam salonfähiger, auch wenn es im Moment wohl noch schwierig ist. Die Jungen heute haben aber eine andere Idee von Work-Life-Balance als wir damals. In meiner Jugendzeit wurden Männer, die nicht 100 Prozent gearbeitet haben, als faul bezeichnet.

Jeker: Teilzeitarbeit für Männer und Frauen finde auch ich eine gute Möglichkeit. Oft rentiert das aber halt einfach nicht. Es gibt da zudem auch Unterschiede in der Mentalität zwischen Stadt und Land. Wir Frauen auf dem Land sind gerne zu Hause und betreuen die Kinder. Ich persönlich kann von zu Hause aus einer Erwerbsarbeit nachgehen.

Kolly: Ich kenne Arbeitgeber, die sagen, Frauen müssen mindestens 80 Prozent arbeiten, sonst rentiert es nicht. Grosseltern leisten heute einen enormen Beitrag in der Kinderbetreuung. Wenn man sie nicht hätte, würden noch weniger Frauen arbeiten.

Roth: In ländlichen Gegenden funktioniert die Unterstützung in der Familie gut. Bei der heutigen Mobilität ist der Drei-Generationen-Haushalt aber nicht mehr realistisch. Es braucht klar mehr bezahlbare Tagesstrukturen.

Panzer: Es gibt hier viele Bemühungen. Der Verein Tagesfamilien ist mit dem Unternehmerpreis ausgezeichnet worden. Wir in Feldbrunnen leisten uns eine Tagesstruktur. Es gibt aber auch Kitas, die geschlossen werden müssen, weil sie zu wenige Kinder haben.

Kolly: Wenn Kitas geschlossen werden müssen, hat das auch oft damit zu tun, dass sie zu teuer sind, weil sie eben nicht von der öffentlichen Hand subventioniert werden.

Jeker: Ich setze mich für Betreuungsgutscheine ein. Da haben Eltern dann die Möglichkeit, sich ihre Kita selbst auszusuchen. Kitas, die nicht subventioniert werden, bemühen sich zudem mehr.

Roth: Wenn wir Frauen besser in den Arbeitsmarkt integrieren und auch weniger ausländische Arbeitskräfte ins Land holen wollen, dann müssen wir für mehr bezahlbare Tagesstrukturen sorgen.

Hostettler: Mir macht noch etwas anderes Angst: Ist bei der Jobsuche wirklich mein Talent entscheidend, oder habe ich als Frau weniger gute Chancen, weil ich Kinder haben will und dann in den Mutterschaftsurlaub gehe? Der Vorschlag von uns jungen Grünen ist deshalb, eine Elternzeit einzuführen, die sich Mutter und Vater aufteilen können. Dadurch wären Frauen nicht mehr benachteiligt.

Roth: Auf die politische Agenda gehört auch der Arbeitsschutz. Ich höre von Angestellten in der Privatwirtschaft aber auch bei der öffentlichen Hand, dass Frauen nach dem Mutterschaftsurlaub gekündigt werden, wenn sie ihr Arbeitspensum reduzieren wollen. Das geht gar nicht. Hier muss man etwas machen. Und gerade die öffentliche Hand, ob der Kanton oder die Gemeinden, müssen mit gutem Beispiel vorangehen.

Für die junge Generation spielt die Selbstverwirklichung eine immer grössere Rolle. Und: Warum es möglichst viele Frauen in der Politik braucht.

Panzer: In meine Generation kommt erst so mit Mitte 40 der Wunsch auf, ein wirklich selbstbestimmtes Leben zu führen. Bei Frauen und Männern. Die junge Generation stellt sich diese Frage schon viel früher. Das dient den Frauen und der Gleichstellung.

Hostettler: Ja, die Selbstverwirklichung ist für meine Generation sehr wichtig.

Misteli: Das ist vielleicht eine Folge der Wohlstandsgesellschaft. Man hat gelernt, dass immer mehr zu wollen und zu haben, auch nicht alles ist. Materielle Luxusbedürfnisse treten in den Hintergrund. Zu Julia Hostettler: Du brauchst ja auch nicht unbedingt ein Auto mit Vier-Rad-Antrieb?

Hostettler: Nein sicher nicht. Wenn man die Bedürfnispyramide der Jungen anschaut, dann ist die Selbstverwirklichung das Wichtigste.

Misteli: Das Problem vor allem ist, dass wir auf Kosten von anderen gelebt habe und immer noch leben.

Hostettler: Nicht nur bei den Grünen, sondern allgemein setzt sich die Überzeugung durch, dass umweltbewusstes Handeln wichtig ist.

Roth: Frauen sind besonders sensibel für die Belange der Umwelt. Die Atomausstiegsinitiative der Grünen zum Beispiel hat eine Mehrheit der Frauen befürwortet. Auch bei der Energiestrategie 2050 müssen wir auf die Frauen zählen. Diese Themen bekommen dank den Frauen in der Politik eine andere Dynamik.

Panzer: Frauen sind weniger von Eigeninteressen getrieben.

Misteli: Frauen fragen sich eher, welche Auswirkungen ein bestimmtes Handeln auf die Zukunftsperspektive ihrer Kinder hat.

Kolly: Ja, das kann ich mir schon vorstellen. Frauen denken an die Zukunft ihrer Kinder und Grosskinder.

Roth: Bei Themen, wo es um die Gesundheit für alle geht, sind Frauen über die Parteien hinweg solidarischer als Männer.

Misteli: Nicht alle, aber einige sicher. Die Energiestrategie 2050 ist nur möglich geworden, weil wir in dieser Zeit eine Frauenmehrheit im Bundesrat hatten. Alle vier Frauen, darunter zwei Bürgerliche, haben sich für die Energiestrategie ausgesprochen.

Roth: Auch in Solothurn wird sich mit künftig zwei Frauen in der Regierung etwas ändern, da bin ich mir sicher.

Misteli: Diese zwei Frauen müssen dann nur noch einen Mann überzeugen und dann hat man die Mehrheit. Und es muss nicht immer der gleiche Mann sein ...

Jeker: Es ist doch einfach wichtig, dass gute Köpfe in die Regierung kommen, egal ob Frau oder Mann.

Kolly: Jetzt 2017 bin ich überzeugt, dass die Zeit reif ist für zwei Frauen.