Freiwilligenarbeit
Warum der Oltner Banker mit Tibeter Sonam freiwillig Deutsch büffelt

Im Rahmen von «Deutsch zu zweit» bringt Fabian Marbet einem tibetischen Flüchtling Deutsch bei. Die Frage nach dem Warum beantwortet der Banker so: «Ich habe alles und von allem zu viel. In meiner Nachbarschaft gibt es Menschen, die mit dem Minimum auskommen müssen.»

Rahel Bühler
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Der Tibeter Sonam (l.) lernt mit Fabian Marbet während zweier Stunden pro Woche Deutsch.

Der Tibeter Sonam (l.) lernt mit Fabian Marbet während zweier Stunden pro Woche Deutsch.

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Fabian Marbet erscheint in Anzug und Krawatte zum verabredeten Interview-Termin in Olten. Er arbeitet in Zürich bei einer weltweit tätigen Bank, deshalb die schicke Aufmachung. Im Verlauf des Interviews wird schnell klar: Der Banker hat eine soziale Ader. Er weiss, welch Glück er hat und gibt etwas davon an Menschen weiter, denen es weniger gut geht.

Im Rahmen des Projektes «Deutsch zu zweit» der Schweizer Freiwilligenorganisation Benevol bringt er Sonam, einem Tibeter, der als politischer Flüchtling in die Schweiz kam und mit seiner Familie von der Sozialhilfe lebt, Deutsch bei. «Meine Idee ist es, jemandem, der sich keinen Deutschkurs finanzieren kann, beim Erlernen unserer Sprache zu helfen», erklärt Marbet bei einer Tasse Kaffee. Von Benevol vorgesehen wäre eine Deutschstunde im Monat. «Doch Sonam und ich haben schnell gemerkt, dass dies zu wenig ist.» Deshalb hätten sie den «Stundenplan» auf drei Stunden pro Woche angepasst.

Wer integriert eigentlich, und wie? Viele Menschen reden über Flüchtlinge, trotzdem haben sie nie Kontakt mit diesen Menschen. Die Flüchtlinge sind aber hier und müssen in die Gesellschaft integriert werden. Wie funktioniert Integration? Wir berichten über Menschen aus der Region, die tagtäglich mit Flüchtlingen arbeiten und die Integration leisten. (uby)

Wer integriert eigentlich, und wie? Viele Menschen reden über Flüchtlinge, trotzdem haben sie nie Kontakt mit diesen Menschen. Die Flüchtlinge sind aber hier und müssen in die Gesellschaft integriert werden. Wie funktioniert Integration? Wir berichten über Menschen aus der Region, die tagtäglich mit Flüchtlingen arbeiten und die Integration leisten. (uby)

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Das Projekt ist auf eine Laufzeit von einem Jahr begrenzt. «Nach besagtem Jahr konnten wir entscheiden, ob wir weitermachen wollen», berichtet Fabian Marbet, der mittlerweile eineinhalb Jahre mit dem tibetischen Familienvater Deutsch büffelt. Trotz dieser langen Zeit seien die Fortschritte laut Marbet gering: «Er ist zwar motiviert, Deutsch zu lernen, aber irgendwie klappt es nicht so ganz.» Die Gründe dafür sieht er in der Aussprache und der Schrift.

Neben den Konversations-Stunden mit Fabian Marbet besucht Sonam einen Deutschkurs, der von der Sozialhilfe bezahlt wird. Manchmal komme sein Schüler dann jeweils mit einer Frage aus dem Kurs, welche die beiden anschliessend zusammen bearbeiten.

«Alles weiss ich aber nicht auf Anhieb», sagt Fabian Marbet lachend und ergänzt: «Vor kurzem fragte er mich, was es mit dem Genitiv auf sich hat. Das musste ich zuerst googeln.» Lehrer Marbet und sein Schüler unterhalten sich auf Englisch – «ansonsten wäre das Verständigen sehr schwierig».

You-Tube-Videos, Apps, Bücher

Schnell hat Fabian Marbet gemerkt, dass er nicht nur ein Deutschlehrer ist. «Schon bald fragte mich Sonam, ob ich ihm bei Haushaltsproblemen, wie zum Beispiel beim Kauf eines neuen Kinderbettes, helfen könne.» Dies habe er dann auch gemacht, betont aber dabei, dass es wichtig sei, sich abgrenzen zu können. «Sonst geht es einem zu nahe», erzählt Marbet aus eigener Erfahrung: «Irgendwann war ich an den Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr jede Woche drei Lektionen geben konnte.» Jetzt treffen sich die beiden jede zweite Woche für zwei Stunden beim tibetischen Schüler zu Hause.

Marbet kann den Unterricht frei nach seinen Vorstellungen gestalten: mit You-tube-Videos, Smartphone-Apps, Büchern, CDs. Als Dank kann Fabian Marbet im Anschluss an den Unterricht jeweils mit der Familie essen. «Die Frau kocht meistens eine tibetische Nudelsuppe mit Poulet oder Teigtaschen», erzählt er. Auch sonst zeige sich die Familie unendlich dankbar, sagt Marbet, was für ihn meist schwierig sei, zu akzeptieren. Zu seinem Geburtstag habe ihm Sonam einmal eine Krawatte für 50 Franken gekauft. «Er gibt sein Geld nicht leichtfertig aus.»

Fabian Marbet hat sich immer wieder freiwillig engagiert. Die Frage nach dem Warum ist schnell beantwortet: «Ich habe alles und von allem zu viel. In meiner Nachbarschaft gibt es Menschen, die mit dem Minimum auskommen müssen.» Das kann es nicht sein, dachte sich der 33-Jährige und machte sich auf die Suche nach einem neuen Engagement. Wo er fündig wurde, ist bekannt.

«Die Freiwilligenarbeit mit Sonam gibt mir enorm viel. Ausserdem sind wir alle dafür verantwortlich, wie sich die Leute in der Schweiz integrieren.» Nach dem schönsten Moment gefragt, zögert Marbet keine Sekunde: «Der war, als ich mit Sonams Tochter ein Samichlaus-Vers auf Schweizerdeutsch geübt habe und sie zu mir heraufschaute und Wort für Wort nachsprach.»