Lehrer aus dem Kanton Bern dürften sich auch dieses Jahr gut überlegt haben, wo sie unterrichten wollen. Warum nicht mal über die Kantonsgrenze schielen? Wer im Kanton Solothurn anheuert, kann im besten Fall nämlich mehrere Monatslöhne gutmachen. Nirgendwo in der Schweiz ist die Differenz bei den Einstiegslöhnen grösser als zwischen Bern und Solothurn. So verdient etwa ein Neulehrer an einer Berner Primarschule nur 73 547 Franken im Jahr – 7100 Franken weniger als sein Kollege im Solothurnischen. Das zeigt die Lohnerhebung der Erziehungsdirektorenkonferenz aus dem Schuljahr 2013.

Auch für Berner Gymnasiallehrer würde sich ein Wechsel in den Kanton Solothurn durchaus lohnen: Hier beträgt der Lohnunterschied nach elf Berufsjahren satte 25 271 Franken; bei Sekundarlehrern liegt die Differenz sogar bei 28 099 Franken. Konkurrenzfähig sind die Berner Löhne einzig auf der Stufe Kindergarten, obwohl Solothurn hier für Einsteiger die schweizweit höchsten Löhne bezahlt.

Mittel gegen Lehrermangel?

Solothurner Lehrer spielen lohnmässig in der obersten Liga, bestätigt Adrian van der Floe. Der Präsident des kantonalen Schulleiter-Verbandes und Leiter des Oberstufenzentrums Wasseramt Ost weiss aus eigener Erfahrung: «Die guten Löhne sind ein Grund, dass Lehrpersonen gerne von Bern nach Solothurn wechseln.» Allein an seiner Schule stammen neun Lehrer aus dem Kanton Bern, viele davon wohnen im Oberaargau. Bei den Schulleitern, sagt van der Floe, seien die Lohnunterschiede noch eklatanter. «In letzter Zeit haben viele Schulen eine Leitung aus dem Kanton Bern erhalten.»

Die Schülerzahlen sind im eben angelaufenen Schuljahr weiter angestiegen, und das soll sich so schnell nicht ändern. Nach Angaben des Bundesamts für Statistik wird der Bedarf an Lehrpersonen in den nächsten vier Jahren um bis zu 30 Prozent steigen. Pünktlich zum Schuljahresbeginn haben die Schreckensmeldungen über Lehrermangel wieder aufhorchen lassen.

Manche Kantone werben mit Methoden der Privatwirtschaft um Lehrer aus anderen Regionen, versprechen mehr Geld und mehr Sicherheit. Eine Zürcher Schulgemeinde lockt sogar mit Gratis-Laptops. Die verschärfte Konkurrenzsituation lässt sich gut an den Kantonsgrenzen beobachten. Zwischen Bern und Solothurn seien die Folgen des Lohnrückstands besonders auffällig, berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» jüngst unter Berufung auf den Schweizerischen Verband für Schulleiter. «Diese interkantonalen Differenzen könnten ein Grund sein, dass der Kanton Solothurn weniger stark vom Lehrermangel betroffen ist», vermutet Schulleiter-Präsident van der Floe.

Konkurrenz für Solothurner

Wie hoch die Fluktuation zwischen Bern und Solothurn ist, wird nirgends erfasst. Die Arbeitsverträge seien Sache der Gemeinden, heisst es im Solothurner Volksschulamt. Für Amtschef Andreas Walter ist allerdings klar: Der Lohn ist nur ein Faktor, der die Attraktivität eines Lehrerjobs auszeichnet. «Bei grösseren Differenzen kann das Salär aber durchaus eine Rolle spielen», ergänzt er. Im Übrigen sieht sich der Kanton Solothurn auf der Sekundarstufe ebenfalls nachbarschaftlicher Konkurrenz ausgesetzt. Der Maximallohn der Oberstufenlehrer in Baselland ist deutlich höher als das Salär ihrer Solothurner Kollegen. «Und trotzdem», sagt Walter: «Unsere Lehrer übersiedeln nicht massenhaft ins Baselbiet.»

Bern verspricht Besserung

Mit einem Wechsel in den Kanton Solothurn können Lehrer ihr Einkommen erheblich steigern, das hat sich längst auch in Berner Amtsstuben herumgesprochen. Zwar stehe auch dieses Jahr vor jeder Klasse ein Lehrer, sagt Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne). «Aber gerade im Oberaargau gibt es immer weniger Bewerbungen für Lehrerstellen.» Dieses Problem sei nicht zuletzt auf die Konkurrenz im Kanton Solothurn zurückzuführen.

Besserung verspricht sich Pulver dank einer Gesetzesänderung, die der Grosse Rat im Herbst 2013 beschlossen hat. Demnach sollen sich Berner Lehrer bald auf eine stabilere Lohnentwicklung stützen können. Das freut vor allem junge Lehrer, die bislang gegenüber älteren Kollegen schlechtergestellt sind. Sie sollen künftig grössere Lohnerhöhungen erhalten als Lehrer mit 18 oder mehr Berufsjahren. In jedem Fall sei noch ein wenig Geduld gefragt, sagt Erziehungsdirektor Pulver: «Es wird einige Jahre in Anspruch nehmen, bis der Rückstand aufgeholt ist.»