Interview

Warum ADHS keine Ausrede ist - und in den 90er noch kein Thema war

Sabine Tschudin und Raphael Ditzler

Sabine Tschudin und Raphael Ditzler

Bis vor rund 10 Jahren gingen Experten davon aus, dass es ADHS im Erwachsenenalter gar nicht gibt. Wird die Störung heute dafür zu oft diagnostiziert? Zwei Solothurner Psychologen über die Erkrankung und deren Vorurteile.

ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Was ist das?

Sabine Tschudin: ADHS ist wahrscheinlich eine Stoffwechselstörung des Gehirns. Betroffene können sich weniger gut selbst steuern.

Raphael Ditzler: Sie schaffen es nicht, ihre Steuererklärung auszufüllen, oder im Büro still zu sitzen. Die drei HauptSymptome sind: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität. Wobei die Hyperaktivität - das H in ADHS - bei Erwachsenen oft weniger wird.

Das gibt dann ADS.

Tschudin: Das kann man so nicht sagen. Die Hyperaktivität kann im Verlaufe des Lebens weniger werden. ADS kann aber wie eine ADHS schon seit der Kindheit bestehen, wenn die Hyperaktivität gar nie ausgeprägt war. Das sind dann die Mädchen, die ganz verträumt und schüchtern sind – nicht die Kinder vom Typ «Rowdy», die oft Ärger mit dem Lehrer haben und Lärm machen.

ADHS ist also nicht nur eine Kinderkrankheit.

Ditzler: Nein. Etwa die Hälfte der Kinder, die betroffen sind, hat auch im Erwachsenenalter eine ADHS.

Tschudin: Man darf aber nicht vergessen, dass die Statistik nur die Leute berücksichtigt, die auch abgeklärt sind. Viele Erwachsene sind das nicht. Oft bemerken sie erst, dass sie eine ADHS haben, wenn sie ihre Kinder abklären lassen.

Woran liegt das?

Tschudin: Man ging lange davon aus, dass es ADHS im Erwachsenenalter gar nicht gibt. In den 90ern war das kein Thema.

Ditzler: Es gibt sicher auch Erwachsene, die das ADHS gut kompensieren können. Wenn sich Betroffene für etwas interessieren, können sie sich sehr gut darauf konzentrieren und durchaus Karriere machen. Spannend sind die Fälle, in denen 50-Jährige nach einem Unfall den Job wechseln müssen und sich fragen, warum sie ihr Leben nicht mehr auf die Reihe kriegen.

Rund 340 Kilogramm Metylphedinat werden jährlich in die Schweiz geliefert. Dabei handelt es sich entweder um fertige Medikamente gegen ADHS, oder um Präparate, aus denen Apothekern beispielsweise Ritalin herstellen. Mit Psychostimulantien, zu welchen auch Metylphenidat-Präparate gehören, entsteht jährlich ein Umsatz von rund 20 Millionen Franken.

Zahlen zu Ritalin und Co.

Rund 340 Kilogramm Metylphedinat werden jährlich in die Schweiz geliefert. Dabei handelt es sich entweder um fertige Medikamente gegen ADHS, oder um Präparate, aus denen Apothekern beispielsweise Ritalin herstellen. Mit Psychostimulantien, zu welchen auch Metylphenidat-Präparate gehören, entsteht jährlich ein Umsatz von rund 20 Millionen Franken.

Dann wächst ADHS nicht raus – Betroffene gewöhnen sich daran?

Tschudin: Ich glaube, ein Teil der Störung bleibt immer. Und seien dies nur die Folgen der Erfahrungen, die man in seiner Kindheit gemacht hat. Viele werden gehänselt, manche geraten später auf die schiefe Bahn. Versuchen, sich mit Drogen abzulenken. Sie merken, dass sie einfach nicht auf einen grünen Zweig kommen und das zermürbt sie.

Wo ist die Grenze zwischen etwas hyperaktiv sein und einer ernsthaften Störung?

Ditzler: Eine klare Grenze gibt es nicht. Es kommt auf den Leidensdruck an. Nur weil es mich langweilt, die Steuererklärung auszufüllen, habe ich noch keine ADHS. Aber es ist etwas anderes, wenn ich mich hinsetze, sie ausfüllen will, und einfach nicht kann.

Es gibt auch Leute die sagen, ADHS sei eine Ausrede für alles. Wieso gibt es heute mehr ADHSler als früher?

Tschudin: Früher hiess es «Reiss dich zusammen», wenn jemand in der Schule auffällig war. Heute werden solche Kinder beim schulpsychologischen Dienst angemeldet. Verhaltensauffällige haben in der heutigen Gesellschaft weniger Platz. Zappelphilippe von damals, die als Kind nicht abgeklärt wurden, sind jetzt erwachsen, und erhalten teilweise eine Diagnose.

Manchmal auch zu voreilig?

Ditzler: Natürlich muss man aufpassen, dass man nur die diagnostiziert, die wirklich betroffen sind. Dafür haben wir heute den Vorteil, dass wir bei Kinder mit Schwierigkeiten erklären können, dass sie eine ADHS haben, und nicht einfach faul oder schlecht erzogen sind.

So wird ADHS bei Erwachsenen therapiert

Für ADHS gibt es verschiedene Therapiemöglichkeiten. Von Coaching bis zu Gesprächstherapie. Die Behandlungsmöglichkeit gibt es nicht, dafür viele Formen, die umstritten sind. So wie das Neurofeedback. Paul Rüfenacht bietet die Therapiemöglichkeit in Solothurn an. Seine Patienten werden mit einem Computer verkabelt, der deren Hirnströme misst. Mit Computerspielen und Filmchen sollen die ADHSler so das Gefühl von Konzentration lernen, und trainieren.

Therapiemöglichkeiten bei ADHS

Therapiemöglichkeiten bei ADHS

Mit dem Neurofeedback sollen ADHSler Konzentration trainieren

Auch mit der Ergotherapie sollen Erwachsene mit ADHS trainieren - aber nicht Konzentration, sondern Struktur. Mit kleinen Übungen in Therapiesitzungen lernen sie, sich an Vorgaben und Arbeitspläne zu halten, und werden mit ihrer Unsrukturiertheit konfrontiert. Die Ergotherapeutin Joanna Murawski bietet die Therapiemöglichkeit in Olten an. 

Therapiemöglichkeiten bei ADHS

Therapiemöglichkeiten bei ADHS

Mit der Ergotherapie sollen ADHSler Struktur für ihren Alltag gewinnen

Auch in der Gesprächstherapie soll ADHSlern geholfen werden. Thomas Barth betreibt in Bern personenzentrierte Psychotherapie. In dieser Form der Gesprächstherapie geht der Therapeut auf Erlebnisse und Erfahrungen des Patienten ein, um so an dessen Selbstwertgefühl und Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten. Denn: Von ADHS Betroffene werden im Leben oft mit Misserfolgen konfrontiert. 

Therapiemöglichkeiten bei ADHS

Therapiemöglichkeiten bei ADHS

Mit der personenzentrierten Psychotherapie sollen ADHSler Selbstwert und Persönlichkeit aufbauen

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