Pflegeheime
Warten auf gemeinsames Znacht: Strenge Corona-Regeln schmerzen Angehörige

Die teils strengen, coronabedingten Regeln in den Pflegeheimen schmerzen Angehörige.

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Besuche sind in den Alters- und Pflegeheimen zwar möglich, aber unter strengen Bedingungen. (Symbolbild)

Besuche sind in den Alters- und Pflegeheimen zwar möglich, aber unter strengen Bedingungen. (Symbolbild)

Seraina Ummel

Normalerweise holen Sonja B. und ihre Geschwister ihren 91-jährigen Vater jeweils am Sonntagabend im Pflegeheim ab und nehmen ihn zum gemeinsamen Abendessen zu sich nach Hause. Seit rund 13 Wochen ist das aber nicht mehr möglich, zu gross ist das Risiko, dass sich das Coronavirus in den Heimen ausbreiten könnte. Weil Bewohnerinnen und Bewohner der Alters- und Pflegeheime als besondere Risikopersonen eingestuft werden, will das der Kanton möglichst verhindern. Entsprechend streng sind die Schutzmassnahmen in den Heimen, auch jetzt noch, wo sich das Leben schrittweise zu normalisieren beginnt.

Besuche sind in den Alters- und Pflegeheimen zwar möglich, aber unter strengen Bedingungen. So ist die Dauer der Besuche auf möglichst maximal 60 Minuten beschränkt, und die Besuche müssen in einer speziell dafür hergerichteten Besucherzone stattfinden. Besuche auf den Abteilungen sind nach wie vor verboten. Ebenfalls nicht erlaubt ist es den Bewohnerinnen und Bewohnern, das Areal ihres jeweiligen Alters- und Pflegeheims zu verlassen.

«Er fühlt sich wie im Gefängnis»

Dieser letzte Punkt ist es, der Sonja B. besonders zu schaffen macht. Ihr Vater lebt in einem Altersheim in einem Dorfzentrum, für Besorgungen und Spaziergänge verlässt er das Areal regelmässig und gerne. Auch seine Rechnungen bezahlte er bis vor kurzem noch selber. Dass er das Heim nun schon seit Wochen nicht mehr verlassen dürfe, mache ihm sehr zu schaffen, so Sonja B. «Seit einigen Wochen sagt er, dass er sich wie im Knast fühle», erzählt sie. «Am Anfang war das für ihn in Ordnung, aber jetzt fühlt er sich immer unwohler. Am Telefon weint er häufig.»

Sonja B. kam von sich aus auf diese Zeitung zu. Sie wolle den Menschen, die sich in den Heimen eingeschlossen fühlen, eine Stimme geben, erklärt sie. «Ich habe das Gefühl, ihnen fehlt eine Lobby». Sie habe mit verschiedenen Menschen gesprochen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hätten. «Vor lauter Angst davor, dass es einen Fall geben könnte, wird gar nicht mehr auf die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner eingegangen», so Sonja B. «Ich empfinde dieses Verhalten mittlerweile als übergriffig. Auch die Angestellten der Heime nehmen am Leben ausserhalb teil. Sie können das Virus genauso in die Heime tragen wie mein Vater mit dem Rollator». Auch die mittlerweile möglichen Besuche würden nicht dabei helfen, den Kummer ihres Vaters zu lindern. Auch hier seien die Regeln strikt. «Mein Sohn wollte meinen Vater besuchen und ihm eine Packung Kekse bringen. Die beiden durften nicht einmal an der Türe miteinander sprechen. Eine Angestellte des Pflegepersonals kam an die Tür und hat zwischen den beiden vermittelt. Mein Vater musste weit weg auf einem Stuhl sitzen bleiben».

Weil sie sich Sorgen um die Gesundheit ihres Vaters mache, habe sie das Gespräch mit der Heimleitung gesucht. «Dort wurde uns gesagt, dass wir ihn ja nach Hause nehmen können, wenn es uns nicht passt.» Mittlerweile habe sie keine Angst mehr, dass ihr Vater sich mit dem Coronavirus anstecken könnte: «Ich habe eher Angst, dass er stirbt, weil er einfach nicht mehr mag und sich aufgibt.» (szr)

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