Christian Wanner präsidiert das Patronatskomitee eines Behindertenheimes. Ich bin ebenfalls Mitglied in diesem Gremium und werde den Alt-Regierungsrat am kommenden Montag an einer Sitzung treffen.

Es geht um einen millionenschweren Neubau. Eine gute Sache. Christian Wanner sitzt seit kurzem im publizistischen Ausschuss unseres Medienhauses und diskutiert beim Setzen von redaktionellen Leitplanken mit. Wir begegnen uns auch dort.

Nun sorgt Christian Wanner mit seinem Verwaltungsratspräsidium bei der Klinik Obach nicht nur in der Solothurner Politik für hitzige Diskussionen, sondern auch in der Öffentlichkeit. Und damit stellt sich zwangsläufig die Frage: Hat die erwähnte Verflechtung Einfluss auf Berichterstattung und Analyse dieser Zeitung? Wird sie gar unter den Teppich kehren, was ans Licht gezerrt gehört?

Mit Sicherheit nicht, das haben die Ausgaben dieser Woche bewiesen. Denn es geht um Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit - die höchsten Güter eines regionalen Leitmediums. Andererseits müssen wir auch nicht übereifrig skandalisieren, um die journalistische Freiheit zu demonstrieren.

Fakt ist, dass Christian Wanner über Jahre schier eine Lichtgestalt in der kantonalen Politik verkörperte. Unantastbar, von viel Rückenwind begleitet, zog er seine Kreise. Doch ausgerecht in seinem letzten Amtsjahr setzte es herbe Kratzer ab. Die Finanzlage geriet in Schieflage und seine fürstlichen Bezüge als Alpiq-Verwaltungsrats-Vize sorgten vielerorts für Kopfschütteln.

Für seine Kritiker ist sein neu übernommenes Präsidium bei einer Privatklinik die willkommene Dreingabe. Kritiker, die lange geschwiegen haben, schweigen mussten - sie nutzen die Gunst der Stunde.

Das erstaunt nicht. Der ehemalige Nationalrat und langjährige Regierungsrat hat stets den behäbigen, bodenständigen und liebenswürdigen Bauern aus dem Buechibärg gegeben. Um ihn schien die aufgeregte Neuzeit mit ihren zweifelhaften Entwicklungen einen weiten Bogen zu machen. Doch gedanklich jederzeit auf Vordermann und präsenter, als es seine Körperhaltung vermuten lässt, entgeht dem stets hellwachen Geist nichts.

Dass die leidige Alpiq-Geschichte derart hohe Wellen geworfen hat und das Obach-Engagement zu reden gibt, hängt mit dem aufgeräumten Bild zusammen, das Christian Wanner selber von sich gezeichnet hat. Solche störenden Elemente passen da für die breite Öffentlichkeit einfach nicht rein.

Kommt hinzu, dass Exekutivmitglieder in ihrem Tun und Lassen unter besonderer Beobachtung stehen, wie der Fall von Moritz Leuenberger gezeigt hat. Er hat nach seinem Ausscheiden aus dem Bundesrat schnurstracks zum Bauriesen Implenia gewechselt und dafür bitterböse Kritik geerntet.

So viel ist unverhandelbar: Wem es von Amtes wegen ermöglicht wird, wichtige Beziehungen aufzubauen - was ein Privileg ist - muss letztlich sorgsam damit umgehen und dies über die Amtszeit hinaus. Da liegt eben der grosse Unterschied zum ausschliesslichen Wirken in der Privatwirtschaft.

Haben der politische Instinkt, sein sonst so fein entwickeltes Fingerspitzengefühl Christian Wanner bei Alpiq und Obach einfach im Stich gelassen? Ein FDP-Parteifreund sagte gestern: «Hätte Chrigu mit der Klinikgeschichte doch nur ein halbes Jahr zugewartet. Dann hätte kein Hahn mehr danach gekräht.» Mag sein.

Doch vielleicht war es auch andersherum: War es der Politiker Wanner nach all den Jahren müde, permanent Instinkt und Feingefühl aufzubringen. Hatte er es schlichtweg satt, ständig der öffentlichen Erwartungshaltung zu entsprechen? Dann wäre es ein bewusster Befreiungsschlag gewesen. Schritte eines freien, unabhängigen Mannes, als den er sich jetzt fühlt. Dem Ansehen der Politiker hat er damit allerdings einen Bärendienst erwiesen.