Die Ämterkumulation des Boninger Juristen und Politikers Friedrich Schenker (1810–1873, vgl. Ausgabe vom 12. Oktober) brachte es mit sich, dass er sich als Präsident des kantonalen Kriminalgerichtes 1854 mit dem tragischen Todesfall des Johann Schenker (71) in Fulenbach beschäftigen musste. Die «Acta» des Verhöramtes Olten-Gösgen gegen die Brüder Joseph (28) und Stephan (24) Schenker, von und in Fulenbach, sowie gegen die Witwe Anna Maria Schenker-Studer (52) nennt bereits auf dem Titelblatt: «Vater- resp. Gattenmord».

Fragen zur Todesursache stellten sich schon bei der Leichenschau vor Ort. Der Verstorbene war offensichtlich durch Erwürgen erstickt. Da sich jedoch zum Zeitpunkt des Todes nur die genannten Familienmitglieder im Hause aufgehalten hatten, diese aber jedes Handanlegen leugneten, wurden sie nach Olten zu weiteren Abklärungen abgeführt und in Untersuchungshaft gelegt. Das Verhörrichteramt Olten nahm die ersten Befragungen vor. Doch niemand legte ein Geständnis ab. Die gerichtsmedizinische Obduktion bestätigte jedoch den Tod durch Erdrosseln.

Zuerst Gerichtspräsident, danach ...

Das erstinstanzliche Kriminalgericht des Kantons, bestehend aus fünf Richtern, musste die weiteren Befragungen vornehmen. Dessen Präsident war kein anderer als Fürsprech, Ständerat und Kantonsratspräsident Friedrich Schenker von Boningen in Solothurn. Das wortwörtliche Protokoll, beginnend am 16. Dezember 1854, legt Zeugnis ab von einer ruhigen, sachlichen Befragung auch über kleinste Einzelheiten. Das Urteil vom 18. Dezember sprach den jüngeren Sohn Stephan Schenker frei. Hingegen wurden der ältere Bruder Joseph Schenker des Mordes und seine Mutter Anna Maria der Beihilfe dazu für schuldig erklärt.

Das Kriminalgericht hatte den Indizien genügend Beweiskraft zugemessen. Deshalb stimmten «mit gesetzlicher Mehrheit» vier von fünf Richtern für die Todesstrafe. Gerichtspräsident Friedrich Schenker könnte sich der Stimme enthalten oder sich erst bei drei Stimmen als Vierter für das Todesurteil ausgesprochen haben. Strafmildernd sprach für die Mutter, dass ihre unmittelbare Beteiligung am Mord nicht erwiesen sei. Sie habe aber durch ihre Beihilfe die Tat begünstigt und die Entdeckung des Verbrechens zu verhindern versucht.

... Vorsitzender beim Gnadengesuch

Das als zweite Instanz angerufene Obergericht sprach am 12. Februar 1855 die Mutter nicht frei, da berechtigte Zweifel trotz fehlender Schuldbeweise weiterhin vorhanden waren, entliess sie jedoch sofort aus der Haft. Das Todesurteil gegen Joseph Schenker hingegen bestätigte das Obergericht gegenüber dem Regierungsrat als der Vollzugsbehörde. Bereits am 15. Februar nahm der Regierungsrat zum Gnadengesuch des Verteidigers Fürsprech Affolter Stellung und beschloss, es ohne Antrag dem Kantonsrat zu unterbreiten. Dieser trat tags darauf einzig zur Behandlung des Gnadengesuches zu einer fünfstündigen Sitzung zusammen. Präsident des Kantonsrats war seit 1855 bis zu seiner Wahl in den Regierungsrat im Juni 1856 kein anderer als Friedrich Schenker.

Dem Parlament wird für den Ernst und die Gründlichkeit der Prüfung ein schönes Zeugnis ausgestellt. Doch das Gnadengesuch wurde unter Namensaufruf mit 56 zu 25 Stimmen abgewiesen. Zwei Stimmzettel waren leer. Diesmal hatte auch der Präsident seine Stimme abgegeben – aber welcher Art? Er kannte den Fall und auch die weiter bestehenden Zweifel. In seinem Gnadengesuch fragte der Verteidiger: «Hat man in dem Charakter, in dem Handeln der Frau Schenker eine Garantie, dass nicht sie Hand an ihren Ehemann gelegt?» Und: «Er» – der als Mörder verurteilte Sohn Joseph, Anm. d. Red. – «war vielleicht nicht das verdorbenste Mitglied der Familie Schenker.»

Richter und Vatermörder standen sich bei diesem letzten Todesurteil im Kanton Solothurn möglicherweise verwandtschaftlich nahe. Leider kann der Nachweis dazu nicht erbracht werden, weil ein Pfarrbuch von Kappel über mehrere Seiten starke Beschädigungen aufweist, aber auch, weil sich die genealogischen Spuren des Grossvaters des Ermordeten verlieren. Immerhin liess sich seine Abstammung von den Boninger «Schenkeristen» nachweisen.

Hinrichtung am 17. Februar 1855

Friedrich Schenkers Ämter hätten ihn noch weiter in diesen Indizien-Fall miteinbeziehen können. Später hätte er als Regierungsrat zum Gnadengesuch Stellung nehmen müssen. Und wäre er noch immer Oberamtmann von Solothurn-Lebern gewesen, so hätte er am 17. Februar 1855 auch bei der Hinrichtung des Bedauernswerten von Amtes wegen dabei sein müssen.

Auf der Richtstatt angekommen, hatte der Beschuldigte ausgerufen: «Heute ist der Tag der Versöhnung! O, ihr guten Leute, wie schwer bin ich beladen! O betet für mich! O, ihr guten Leute, seid gnädig! O Jesus! Wie schwer bin ich beladen!» – Ein Vater- und Gattenmord?

Quellen im Staatsarchiv Solothurn:

Kriminal-Prozeduren 1854, Nr. 47.

Diverse Pfarr- und Zivilstandsbücher

Literatur: Haefliger Arthur, Das letzte Todesurteil im Kanton Solothurn. In: Jahrbuch für solothurnische Geschichte,
Bd. 28, 1955.