«Hier riecht es immer noch genau gleich wie vor vierzig Jahren», beginnt OK-Mitglied Brigitte Althaus den vierten Anlass der Aktionstage psychische Gesundheit im Gebäude der pädagogischen Hochschule in Solothurn am Samstagvormittag. «Die heutigen Probleme sind auch immer noch dieselben wie damals», fährt Althaus sogleich fort und erzählt als Einstieg in das Thema «Schwierige Übergänge im Jugendalter» die persönliche Geschichte einer an Magersucht erkrankten Freundin aus der Schulzeit.

«Übergänge gehören zum Leben», sagt Barbara Wendel-Widmer, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie bei den psychiatrischen Diensten der Solothurner Spitäler. Übergänge seien aber auch sehr labile Lebenssituationen, die die Betroffenen einer gewissen Belastung aussetzen würden, so die Chefärztin. «Diese Belastungen, die durch die Adaption an eine neue Situation hervorgerufen werden, bedeuten nicht selten eine Gefährdung der psychischen Gesundheit», so Wendel-Widmer.

Mit dem Fallbeispiel «Aurelia» verpasst sie ihrer Theorie ein Gesicht.

Die siebzehnjährige Aurelia ist auffallend schlank, etwas schüchtern und sozial zurückgezogen. Durch eine «Peergroup» rutscht sie zunehmend ins Nachtleben und in den Alkohol ab, weshalb sich ihre Absenzen in der Schule zu mehren beginnen. Aurelias gestörtes Essverhalten sowie ein emotional schlecht verarbeiteter Schwangerschaftsabbruch führen schliesslich zu einem Suizidversuch mit einer anschliessenden psychiatrischen Notfallintervention.

Wie konnte es soweit kommen? Störungen der Psyche sind laut Wendel-Widmer auf ein Ungleichgewicht zwischen Ressourcen und Belastungen zurückzuführen. «Jugendliche stehen vor einem hohen Berg an Entwicklungsaufgaben, den sie zu bewältigen haben», so die Fachfrau. Dass die Jugendlichen grossem Druck ausgesetzt seien, liege daher nahe.

Tatsächlich beginnen fünfzig Prozent aller psychischen Krankheiten bereits im Alter unter fünfundzwanzig Jahren. Die Früherkennung von psychischen Erkrankungen diene dabei der Chance auf Genesung, sagt Barbara Wendel-Widmer.

Doch wann sind die Heranwachsenden nur «schlecht drauf» und wann sind sie psychisch krank? Der KJPD (der Kinder- und jugendpsychiatrische Dienst) bietet psychiatrische Abklärungen sowie Behandlungen von Kindern und Jugendlichen an, die Eltern dabei helfen, die Situation richtig einzuschätzen.

Weniger Druck, mehr Kind

«Wir leben in einer Zeit, in der nichts mehr ohne Plan gemacht wird», nimmt die ehemalige Leiterin der Geschäftsstelle Pro Juventute, Steffi von Weissenfluh, das Thema «Belastung im Jugendalter» wieder auf. Mit der professionellen Notfallnummer 147 bietet Pro Juventute Kindern und Jugendlichen eine Anlaufstelle für ihre Probleme.

Familie, Schule, Liebe, Beruf, Sexualität – die Gründe, weshalb die 147 gewählt wird, sind von unterschiedlicher Art. Feststellen lasse sich nach Steffi von Weissenfluhs Angaben jedoch, dass die Anzahl Anrufe wegen schwerwiegenden persönlichen Problemen über die letzen Jahre hinweg zugenommen hat. Deswegen sei es umso wichtiger, die wachsende Problematik psychischer Krankheiten offen zu thematisieren und eine Sensibilisierung anzustreben.