Ende Monat geben Sie den Schlüssel an Ihren Nachfolger Roland Fürst ab. Wehmütig?

Walter Straumann: Ohne Emotionen geht es nicht. Da ist die menschliche Seite, das Abschiednehmen von den Mitarbeitern. Das geht mir nahe. Auf der anderen Seite ist das Departement hervorragend aufgestellt, so dass ich – und das war ein Ziel meiner letzten Legislatur – mit gutem Gewissen Adieu sagen kann.

Man sagt aber, Sie hätten gerne noch eine weitere Legislatur angehängt. Bloss ein Gerücht?

(Schelmisches Lächeln) Das ist ein Gerücht. Es war ja schon aussergewöhnlich, dass ich vor vier Jahren nochmals angetreten bin. Und es gab damals schon Kreise, die sagten, ist das nötig. Wir haben nun mal diese Kultur, dass man – abgesehen vom biologischen Alter – nach einer gewissen Zeit gehen muss. Und das ist ja an sich auch richtig, denn sonst besteht die Gefahr, dass eine Generation aussen vor bleibt.

Vor 16 Jahren mussten Sie, kaum in den Nationalrat gewählt, eher ungern den Regierungsratssitz für Ihre CVP verteidigen. Hat Ihnen die nationale Bühne nie gefehlt?

Ich hatte mich damals auf die nationale Schiene eingestellt. Ich habe auch das Amt als Oberrichter, ein sehr schöner Beruf, aufgegeben, ein Anwaltsbüro eröffnet und mich gut in den Parlamentsbetrieb eingelebt. So gesehen, habe ich damals ungern die nationale Bühne verlassen. Rückblickend muss ich sagen, dass mir ein Exekutivamt wohl mehr liegt als der Parlamentsbetrieb. Als Regierungsrat konnte ich eine politische, kreative Aufgabe wahrnehmen, gestalten und etwas bewirken.

Dem Vernehmen nach hat Ihnen aber eine Bühne gefehlt. Sie wären gerne, wie einer Ihrer drei Söhne, Schauspieler geworden ...

Das war nie ernsthaft ein Thema. Aber es ist schon so: Ich habe einen gewissen Hang zur Schauspielerei und wenn man so will zur Selbstdarstellung. Das habe ich in jüngeren Jahren auch gepflegt und sei es nur als Samichlaus. Es hat was, in Rollen zu schlüpfen und ein Thema vielleicht auch mal witzig oder spöttisch aufzugreifen.

Zu Ihrer persönlichen Bilanz. Auf was sind Sie besonders stolz?

Ganz allgemein: Der Kanton hat an allen zentralen Orten – von Grenchen über Solothurn bis Olten sowie in Dornach und Breitenbach – ein neues Gesicht. Angefangen von Infrastrukturanlagen wie Brücken oder Umfahrungsstrassen, aber auch im Hochbaubereich. Der kürzlich eröffnete Neubau der Fachhochschule Nordwestschweiz ist ein Schmuckstück, eine grosse Bereicherung für die Stadt Olten. In diesem Zusammenhang ist es gelungen, die Infrastrukturen in allen Bereichen des Departementes stark zu verbessern und wo nötig auszubauen. Glücklich bin ich, dass die langwierigen Rechtshändel zur Westumfahrung Solothurn für den Kanton ein gutes Ende genommen haben. Der Kantonsrat wird einen Zusatzkredit von höchstens 5 Millionen Franken bewilligen müssen.

Gibt es eine Baustelle, die Sie gerne noch angepackt hätten?

Eine spannende Baustelle wird das Bürgerspital Solothurn. Wobei man ehrlicherweise sagen muss: Der Baudirektor ist, wenn eine Baustelle normal läuft, nicht mehr gross gefragt. Sein Part ist der politische Teil, dass ein Projekt überhaupt beschlossen wird. Und: Wenn es Probleme oder Konflikte gibt, muss der Baudirektor intervenieren und diese Probleme lösen. Das habe ich beispielsweise 2008 erfolgreich beim Strassenbauprojekt Entlastung Region Olten geschafft, als wir uns mit Einsprechern noch rechtszeitig einigen konnten und so der Bundesbeitrag von fast 150 Mio. Franken nicht verloren ging. Zentrale Aufgabe des Baudirektors ist es, die richtigen Prioritäten zu setzen und eine kontinuierliche Investitionsplanung voranzutreiben.

Vor fünf Jahren hiess es: «Der Straumann sorgt als Baudirektor für Justizfälle und als Justizdirektor für Baustellen». Heute ist, wie gesagt, der Rechtsstreit zur Westumfahrung Solothurn beigelegt und die Staatsanwaltschaft funktioniert. Haben Sie damals den Wechsel zum Staatsanwaltschaftsmodell unterschätzt?

Ich habe den Umsetzungsaufwand unterschätzt. Hinzu kamen dann in dieser aufgewühlten und kritischen Zeit Fehlleistungen der Staatsanwaltschaft. Ich bin heute noch der Meinung, dass ich diese Fehlleistungen nicht verhindern konnte. Im Nachhinein aber würde ich sicher versuchen, die Situation besser zu analysieren und einzuschätzen und vielleicht hängen gewisse Fehlleistungen mit der Fehleinschätzung des Umsetzungsaufwandes im Zuge des Modellwechsels zusammen. Ein Unglück kommt ja selten allein. Das Ganze hat mich persönlich sehr belastet und wurde, nachdem sich der Kantonsrat eingeschaltet hatte, auch politisch kritisch.

Sie gingen bisweilen nicht zimperlich mit dem Parlament um, ja manchmal mangelte es Ihnen am Respekt. Bewusst?

(Etwas irritiert) Ich glaube nicht, dass das eine Frage des Respekts ist. Es hat mehr mit meiner unkonventionellen Art zu tun. Ich habe auch in der Regierung oft Sachen gesagt, die ein anderer nicht gesagt hätte. Und das habe ich mir nie nehmen lassen. Aber natürlich gibt es dann diese Grenzsituationen, bei denen es irgendeinmal beleidigend werden kann. Das sollte nicht passieren, lässt sich aber nicht vermeiden, wenn man nicht ständig auf kontrollierte Höflichkeit achten will. Ich habe sehr hohen Respekt vor dem Parlament, wie übrigens vor allen Gewalten des Staates.

Kommen wir zu einer anderen Gewalt im Staat. Welchen Herausforderungen sieht sich die Justiz ausgesetzt?

Wir haben heute mit der Einführung der selbstständigen Gerichtsverwaltung eine sehr starke Justiz. Und mit der Einführung der eidgenössischen Strafprozessordnung sowie den neuen Strafkompetenzen für die Staatsanwaltschaft können sich die Gerichte auf die wirklich schweren Fälle fokussieren. Das müssen sie auch! Eine stetige und auch nicht neue Herausforderung bleibt: Die Strafjustiz muss schnell sein, damit Strafen ihre Wirkung nicht verfehlen.

Richtern wird heute aber oft vorgeworfen, zu lasch zu sein ...

Solche Vorwürfe hat es immer gegeben. Sie sind aber auch heute nicht berechtigt. Gerade unser Obergericht funktioniert tadellos. Die Richter fällen gute Urteile und sie sind schnell.

Weitere Herausforderungen?

Immer wichtiger werden die Verwaltungsgerichte. Die Herausforderung ist dabei, dass diese Gerichte, obwohl Teil des Staates, unabhängig bleiben. Aber auch nicht mehr. Es kann ja nicht sein, dass der Staat strenger beurteilt wird als eine private Partei. Ein mustergültiges Urteil in dieser und jeglicher Beziehung ist jenes des Bundesverwaltungsgerichtes zum Neubau-
projekt Seilbahn Weissenstein. Das Gericht hat ein unabhängiges und unter Würdigung aller Interessen ein nachvollziehbares Urteil gefällt.

Sie bleiben Präsident der Vereinigung der Landesplanung Schweiz. Bauzonenstopp und verdichtetes Bauen sind gefordert. Befürchten Sie nicht, dass das aktuelle Raumplanungsgesetz erneut dem Wachstum untergeordnet wird?

Das glaube ich echt nicht. Die Gefahr besteht eher, dass man das Kind mit dem Bade ausschüttet und den Kommunen überhaupt keine Entwicklungsmöglichkeit mehr lässt. Klar ist aber, dass es so wie in den letzten 20 Jahren nicht weitergehen kann. Das wäre verheerend.

Sie haben auch viel Jahre den Umweltbereich geleitet: Luft- und Wasserqualität sind besser als auch schon. Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Das Wichtigste finde ich, dass die Bedeutung des Umweltschutzes von der Bevölkerung akzeptiert, der Umweltschutz nicht als lästig wahrgenommen wird. Das hat zwar oft verständliche Gründe – man greift schliesslich mit Verboten oder Auflagen ein. Letztlich muss der Bevölkerung aber klar sein, dass das der Staat für die Umwelt als Ganzes macht, nicht nur für die Vögel und Würmer, sondern vor allem für die Menschen. Vor 16 Jahren war der Umweltschutz ein rotes Tuch, heute besteht eine gewisse Akzeptanz. Das Amt für Umwelt wird weiter daran arbeiten müssen. Es wird sich auch organisatorisch neu aufstellen. Das Amt soll keine Ansammlung mehr von vielen kleinen Einheiten respektive Fachstellen sein, sondern als eine Einheit auftreten.

Das heisst, es wird gespart?

Ja, rein organisatorisch sind mittelfristig im Amt für Umwelt Veränderungen im Personalbereich vorgesehen. Dies in dem Sinne, dass weniger mehr ist.

Der Kanton schreibt ja in den nächsten Jahren tiefrote Zahlen – 150 Millionen pro Jahr fehlen. Haben Sie weitere Sparvorschläge?

Das soll nun die neue Regierung machen. Mein Departement hat im ersten Massnahmenpaket aufgezeigt, wo gespart werden könnte. Nun ist die neue Regierung gefordert und das ist bei drei neuen Mitgliedern auch richtig so. Die Chance besteht darin, dass sie mit neuen Ansätzen an die Aufgabe herangehen. Der Wechsel ist auch immer eine Chance.

Der Neubau des Bürgerspitals für 340 Millionen Franken soll also nicht verschoben werden?

Auf keinen Fall. Alle beschlossenen Projekte im Hochbau und der Hochwasserschutz sollten wie geplant realisiert werden. Das wird sich auszahlen.

Sie sind 70 und machen absolut nicht den Eindruck, arbeitsmüde zu sein. Fallen Sie nun in ein Loch?

Vielleicht ist es nun ein Problem, dass mein Amt auch mein Hobby ist, respektive dass ich keine ausfüllenden Hobbys habe. Ich falle aber in kein Loch. Mandate wie die Verwaltungsratspräsidien der Alpiq Hydro AG oder der Nationalstrassen Nordwestschweiz AG sowie die Präsidien der Vereinigung Landesplanung Schweiz oder der Genossenschaft Alters- und Pflegeheim Ruttigen werden mich bis zu zwei Tage die Woche beschäftigen.

Und der Rest der Woche?

...habe ich mir noch nicht gross Gedanken gemacht. Ich werde sicher vermehrt auf den Jurahöhen beim Wandern anzutreffen sein. Ich will mir aber auch mehr Zeit nehmen, meine Freundschaften zu pflegen.