Die Behörden haben ihn nicht mehr als gemeingefährlich eingeschätzt. Doch am vergangenen Donnerstagabend hat der Mann, der 1994 in Hägendorf schon einen Doppelmord begangen hatte, erneut einen Menschen umgebracht. Davon geht die Polizei nach derzeitigem Ermittlungsstand aus.

Die Tat geschah letzten Donnerstag gegen 21.30 Uhr in der Baselbieter 6400-Seelen-Gemeinde Frenkendorf, zwei Kilometer von Liestal entfernt. Passanten fanden in einem Autounterstand die Leiche einer 64-jährigen Frau. Sie war erstochen worden.

Noch am selben Abend hat die Polizei Basel-Landschaft den Mann festgenommen, der 2011 von den Solothurner Behörden bedingt aus seiner lebenslänglichen Haft entlassen worden war.

Doppelmörder ersticht Ex-Freundin

Doppelmörder ersticht Ex-Freundin

Taten jeweils nach Trennungen

Die Ermittler gehen nach derzeitigen Erkenntnissen von einem Beziehungsdelikt aus. «Das Opfer führte mit dem mutmasslichen Täter eine Beziehung, welche jedoch vor dem Ereignis vom späteren Opfer beendet worden sein dürfte», teilte die Baselbieter Staatsanwaltschaft gestern Abend mit. Bereits 1994 hatte der Mann in Hägendorf seine damalige Ex-Freundin, eine 27-jährige Frau, und deren 30-jährigen Bruder mit einem Sturmgewehr erschossen. Für den Doppelmord war der Mann zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt worden.

«Keine Anzeichen für neue Tat»

«Ob die Frau in Frenkendorf von der Vergangenheit des Mannes gewusst hat, kann ich nicht sagen. Das abzuklären ist Gegenstand des laufenden Strafverfahrens», sagt Thomas Fritschi, Chef des Amtes für Justizvollzug in Solothurn. Die Behörden dürften solche Informationen nicht gegen den Willen der Täter an deren neue Partner weitergeben. Die Justizbehörden ihrerseits seien über diese Beziehung des Mannes nicht informiert gewesen. 

Der 61-Jährige hatte seit seiner Entlassung im Juli 2011 regelmässige Gesprächstermine bei einem Psychotherapeuten und stand unter Bewährungshilfe. Mehrmals pro Jahr habe unter den involvierten Fachpersonen ein Austausch stattgefunden, so Fritschi. «Die Bewährungshilfe hat den mutmasslichen Täter zeitweise monatlich gesehen.»

In einer Medienmitteilung hielten die Solothurner Behörden am Dienstag fest, dass sich der Mann während der ganzen nun rund vier Jahre andauernden Probezeit kooperativ gezeigt habe. «Er hielt sämtliche Termine zuverlässig ein. Es bestanden keine Anzeichen für eine neuerliche Gewaltstraftat.» Die fünfjährige Probezeit des Mannes lief noch bis Ende Juli 2016.

Kommission gab Empfehlungen

Die Solothurner Behörden legten am Dienstag von sich aus Fakten offen, die aufzeigen, wie es zur bedingten Entlassung gekommen war. Noch im Februar 2009 verweigerte das Solothurner Innendepartement dem Mann die bedingte Entlassung. Der Entscheid stützte sich auf ein forensisch-psychiatrisches Gutachten und auf Empfehlungen der «Fachkommission zur Beurteilung der Gemeingefährlichkeit von Straftätern». Die Kommission hat ihren Sitz in Basel. Sie beurteilt Fälle aus den Kantonen des Nordwest- und Innerschweizer Strafvollzugskonkordates (AG, BS, BL, BE, LU, OW, NW, SZ, SO, UR und ZG).

Elf Monate später, im November 2009, präsentierte sich die Lage verändert. Zwar gab es kein neues Gutachten. Doch die Fachkommission beurteilte den Gefangenen neu. Sie schätzte ihn nicht mehr als gemeingefährlich ein. Erste Schritte zur Vollzugslockerung wurden gemacht. Die Kommission empfahl, die begonnene Therapie weiterzuführen und Vollzugsöffnungen umzusetzen. Zuvor hatte das Verwaltungsgericht des Kantons Solothurn eine Beschwerde gegen die Verweigerung der bedingten Entlassung «aus formellen Gründen» teilweise gutgeheissen.

Ende Juli 2011 kommt es zur Entlassung unter Auflagen. Beim Entscheid stützt sich das Solothurner Innendepartement auf die Fachkommission, die den Mann erneut als nicht mehr gemeingefährlich eingestuft und die bedingte Entlassung empfohlen hat. «Die Kommission gibt Empfehlungen ab. Letztlich aber liegt der Entscheid beim Departement des Innern, vertreten durch den Leiter des Amtes für Justizvollzug», sagt Amtschef Fritschi. Die Solothurner Behörden zeigen sich in einer Stellungnahme «tief betroffen». Sie sprechen den Angehörigen «ihr tiefes Bedauern und Beileid aus».

Nicht zuletzt stellt der Vorfall Fragen zum wiederholt kritisch hinterfragten Einfluss der Gutachter und überhaupt der Voraussagbarkeit von schweren Straftaten. Oder könnte es umgekehrt gar sein, dass jemand vielleicht wegen eines Gutachtens zu Unrecht verwahrt wird? «Die Fragen sind berechtigt», sagt Fritschi. «Aber derzeit geht es darum, die Fakten zum Fall zu beantworten.»