Amtsgericht
Vorwurf Vergewaltigung: Schämte sie sich für Sex mit Heizöl-Lieferant?

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern sprach einen Italiener frei, der in Grenchen eine heute 83-jährige Frau über Jahre vergewaltigt haben soll. Das vermeintliche Opfer ist dement.

Ornella Miller
Drucken
Teilen

Es waren schwere Vorwürfe, die am Montag auf dem 66–jährigen Italiener lasteten. Während fast neun Jahren soll der selbstständige Unternehmer eine um 17 Jahre ältere Schweizerin ungarischer Herkunft monatlich ein- bis zweimal vergewaltigt haben. Dabei habe sie ihm aber jedes Mal aufs Neue die Tür geöffnet, ja, ihn auch immer wieder telefonisch zu sich bestellt, wegen seiner Ware oder um eine kleinere Dienstleistung in Anspruch zu nehmen.

Der verheiratete Angeklagte bestritt von Anfang an nicht, den Geschlechtsverkehr mit der Frau vollzogen zu haben. Aber gemäss ihm hat sie das gewollt. Der Impuls sei von ihr ausgegangen, sagte er am Montag vor Gericht.

Der Prozess gestaltete sich kompliziert. Beide Parteien mochten nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen, aber bloss dem Antrag der Frau wurde stattgegeben. So durfte das Publikum – drei Pressevertreter und zwei Rechtspraktikantinnen – nur der Aussage des Angeklagten beiwohnen.

Sie kennen sich seit 30 Jahren

Er erzählte – für beide Parteien wurde übrigens ein Dolmetscher aufgeboten – widerspruchslos seine Version. Er kenne die Frau nun seit 30 Jahren. Damals schon lieferte er seine Ware. Allerdings geschäftete er dazumal noch mit ihrem Mann. Zum ersten Geschlechtsverkehr sei es gekommen, als der Ehemann noch lebte, aber bereits im Rollstuhl war. Bis im Februar 2014 dauerten diese Besuche mit Beischlaf, da war sie dann schon alleinstehende Witwe. Sie habe sich einsam gefühlt und einen Gesprächspartner vermisst, sagte er.

An das erste Mal mit ihr könne er sich «natürlich» erinnern. Sie habe zuerst einfach tanzen wollen. Er habe das merkwürdig gefunden, habe sie aber glücklich machen wollen. Sie habe sich beim Tanzen an ihn geschmiegt und ihm durch ihr Verhalten zu verstehen gegeben, dass sie mehr möchte. «Ein Mann spürt das, wenn die Frau mehr will.» Er habe ihren Rock etwas hochgezogen, sie habe sich selber ihren Slip ausgezogen. So hätte die Beziehung ihren Lauf genommen.

Einmal verletzte sie sich

Die Anwältin des Opfers, Melania Lupi, hatte es schwer. Ihre Mandantin, eine zierliche, 83-jährige Frau, war schon vor dem Zeitpunkt ihrer Anzeige bei der Polizei als teilweise dement eingeschätzt worden. Diese Demenz hat sich seither verstärkt, was sogar Staatsanwalt Martin Schneider bestätigte.

Dass die Anklägerin schon 2006 ihrem Gynäkologen beiläufig sagte, sie sei im Vorjahr von einem jüngeren Mann vergewaltigt worden, dazu sagte Alexander Kunz, der Anwalt des 66-jährigen Angeklagten, das könne auch ein anderer Mann gewesen sein. Weitere Aspekte, etwa dass sich die Anklägerin bei einem Geschlechtsakt den Oberschenkel verletzt habe, konnten ihn auch nicht belasten. Der Angeklagte betonte, dass er immer sanft mit ihr umgegangen sei.

Schämte sie sich vor der Familie für die Beziehung?

Auch der Hinweis der Opferanwältin auf die Persönlichkeit des Opfers nützte nichts. Zierlich, fragil, ohne Selbstbewusstsein sei die Frau. Das Gericht sprach den Angeklagten schliesslich vom Vorwurf der Vergewaltigung frei. In einem Vergewaltigungsprozess wie diesem, wo es keine direkten nicht beteiligten Zeugen gibt, sei die Glaubwürdigkeit massgebend, so Amtsgerichtspräsident Rolf von Felten.

Die Zeugentüchtigkeit sei beim Opfer infolge ihrer Demenz nicht gross. Das Gericht könne aufgrund ihrer jetzigen Aussagen nicht beurteilen, ob ihre Aussagen glaubwürdig sind. Das heisse allerdings nicht, dass die Frau lügt oder damals gelogen habe. Weiter, so der Richter in seiner Urteilsbegründung, sei Suggestion nicht auszuschliessen. Die Frau habe Anzeige erstattet, weil ihr Sohn es angeblich wollte. Sie habe immer gesagt, sie schäme sich. So wäre es auch plausibel, dass die Frau die Vorkommnisse als Vergewaltigung habe erscheinen lassen wollen.

Aktuelle Nachrichten