Obergericht

Vorwurf gegen versuchten Tötungen: Mit Brotmesser gegen Ehemann – doch das Paar bleibt zusammen

Frau wollte ihren Mann mit einem Messer töten. (Symbolbild)

Frau wollte ihren Mann mit einem Messer töten. (Symbolbild)

Einer Usbekin drohen vier Jahre Gefängnis und der Landesverweis wegen versuchter Tötung. Sie musste am Mittwoch vor das Obergericht Solothurn. Am Donnerstag wird das Urteil bekannt gegeben.

Region Solothurn, März 2018. Die Usbekin Karina K.* kam total betrunken spät vom Ausgang heim und traf auf den ebenfalls betrunkenen 20 Jahre älteren Schweizer Ehemann Paul*. Ein Streit entwickelte sich. Karina schlug mit einer Zigarettendrehmaschine auf Pauls Hinterkopf, er würgte und schlug sie, sie ging mit dem Brotmesser auf ihn zu, als sie ihre Aggression an ihrem Lieblingsplüschtier abreagierte. Paul wehrte ab, das Messer traf ihn am Daumen und verletzte ihn dort.

Vor einem Jahr entschied das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt, der Messereinsatz sei versuchte schwere Körperverletzung, den Kopfhieb taxierte es als einfache Körperverletzung und strich diesen Punkt wegen Desinteresses des Opfers. Karinas erfolgreicher Alkoholentzug hatte zur guten Prognose geführt – sie bekam bloss 14 Monate Haft, aufgeschoben zu Gunsten der ambulanten Therapie.

Der Alkohol floss reichlich – bei beiden

Die Staatsanwältin hatte auf versuchte vorsätzliche Tötung plädiert. Sie legte Berufung ein. Ebenso Karina. Die 34-Jährige zeigte gestern vor Obergericht Einsicht, hohe Selbstreflexion und fortgeschrittene Persönlichkeitsentwicklung. Sie hat gut Deutsch gelernt und sagte, dank Alkoholtherapie und Yogakurs könne sie nun besser mit Stress umgehen. Sie habe wegen Eheprobleme Alkohol konsumiert. Wegen Sprachbarrieren habe sie mit Paul nicht gut sprechen können, es sei häufig zu Missverständnissen gekommen. Sie hätte sich auch Kinder gewünscht, er nicht. Weil sie sich einsam, unverstanden und ungeliebt gefühlt habe, habe sie zum Alkohol gegriffen.

So auch vor der Tat. 3,4 Promille hatte sie intus, sodass sie sich an fast nichts erinnert. Pauls Version akzeptiere sie, weil sie ihm vertraue. Der hatte früher ausgesagt, sie sei auf ihn zugerannt mit einem auf seinen Bauch gerichteten Gegenstand in der Hand. Zunächst habe er gedacht, es sei eine Schere.
«Man darf sich nicht vom optischen Eindruck der zierlichen Person verleiten lassen», meinte Staatsanwältin Petra Grogg, sondern müsse von Fakten ausgehen. Karina sei schon früher aggressiv gewesen und wegen Körperverletzung einer Arbeitskollegin vorbestraft. Ihr seien bei der Tat «die Sicherungen durchgebrannt», sie habe Pauls Tod in Kauf genommen. Im dynamischen Geschehen hätte sie nicht steuern können, wo das Messer treffe. Auch der Kopfhieb sei qualifizierte Körperverletzung, somit könne es als Antragsdelikt nicht sistiert werden.

Grogg anerkennt die wegen der Alkoholisierung «stark verminderte Schuldfähigkeit» und auch, dass Karina nach der Tat versucht hatte, Paul zu helfen. Trotzdem fordert sie 4 Jahre Haft. Die ambulante Therapie solle parallel erfolgen, die Haft solle nicht aufgeschoben werden. Sie fordert einen zehnjährigen Landesverweis, obwohl sie sagte: «Karina ist ein Mensch, den niemand gerne heimschicken will». Doch es lägen keine Gründe vor, davon abzusehen.

Verteidiger Thomas Müller argumentierte, dass «nicht viel passiert ist». Man wisse ja nicht, ob sie das Messer in den Bauch gestochen hätte. Paul habe sich durch sein Eingreifen selber verletzt. Karina könne gar nicht gerannt sein, dafür sei zu wenig Platz. Das Messer sei vorne abgerundet. «Die Staatsanwaltschaft macht daraus die schlimmste aller Möglichkeiten.» Müller forderte einen Freispruch. Bleibende Schäden gebe es keine. Karina, die weiterhin mit Paul zusammenlebt, habe diesen weder töten noch verletzen wollen. Allenfalls liege einfache Körperverletzung vor, 150 Tagessätze à 40 Franken seien angemessen.

Karina war ab 2006 in der Schweiz als Tänzerin tätig, 2016 heiratete sie Paul und arbeitet nun zu 50 Prozent als Putzfrau. Geboren und aufgewachsen ist sie in Usbekistan, sie hatte ein Wirtschaftsstudium absolviert. Eltern und Bruder leben in Russland.

Das Obergericht gibt sein Urteil heute Donnerstag bekannt.

* Namen geändert

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