Lehre
Vorurteil Stifti: «Berufsbildung ist in den Augen vieler keine Bildung»

Christine Davatz ist eine Kämpferin für genügend Stifte und gegen falsches Sozialprestige. Sie plädiert dafür, dass mehr Jugendliche eine gute Lehre machen statt einfach ans Gymnasium zu gehen.

Lucien Fluri
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Die Schweizer Fachfrau für Berufsbildung: Christine Davatz, Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbandes, lebt in Messen.

Die Schweizer Fachfrau für Berufsbildung: Christine Davatz, Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbandes, lebt in Messen.

Hanspeter Bärtschi

Christine Davatz kämpft mit einem Gegner, der schwer zu fassen ist. Aber er hat sich hartnäckig in vielen Schweizer Köpfen eingenistet.

Energiegeladen sitzt die zierliche Frau aus Messen trotz Ferien bereits um acht Uhr morgens (die Zeit hat sie vorgeschlagen) in der Redaktion beim Kaffee (schwarz mit Zucker). «Das Thema ist mir zu wichtig», sagt sie, die beim Gewerbeverband seit 27 Jahren für das Bildungs- und Lehrlings-Dossier verantwortlich ist. Wenige Leute in der Schweiz haben in diesem Gebiet mehr Erfahrung.

Ihre Hände wirbeln nur so durch die Luft. Es sprudelt aus Christine Davatz heraus, als ob sie sich erst gerade gestern fürs Thema begeistert hätte. Doch Reden und Überzeugen, das ist die einzige Möglichkeit, die Christine Davatz in ihrem Kampf hat. «Lehrlingsmangel» heisst das Thema, das den Gewerbeverband in diesen Tagen beschäftigt, wenn schweizweit Tausende Schulabgänger ins Arbeitsleben einsteigen. «Wir brauchen zwingend mehr Fachleute. Der demografische Rückgang ist spürbar», sagt Davatz. Bis 2017 wird die Zahl der Schulabgänger weiter zurückgehen.

Gute Karriereaussichten

Hauptgegner ist ein falsches Sozialprestige, das in vielen Köpfen verhaftet ist. Der Run aufs Gymnasium ist ungebrochen. «Berufsbildung ist in den Augen vieler keine Bildung», sagt Davatz. «Noch immer gilt: Wer gebildet sein will, geht lange zur Schule. Und wer es nicht im Kopf hat, der macht eine Lehre.» Jetzt wird Davatz energischer: Dabei müsse doch der Automatiker, der nebenbei noch die Berufsmatur macht, mindestens so viele Ansprüche wie ein Gymnasiast erfüllen. «Wir müssen den Eltern und Lehrerpersonen zeigen, dass wir anspruchsvolle, intelligente Ausbildungen mit äusserst guten Karriereaussichten bieten.» Und sie betont: «Die Verbindung von Praxis und theoretischem Wissen ist die Schweizer Stärke. Das schafft Innovationen.»

«Stimmt das wirklich?», fragt später der Fotograf, der Davatz mit der Kaffeetasse fotografiert. Ja, es stimmt: Die zierliche Frau, die so viel lacht, ist tatsächlich Hauptmann der Schweizer Armee. 1998, als ihr Sohn gerade auf die Welt gekommen war, machte sie den Stabslehrgang. Alleine mit 120 Männern. «Frau Davatz, meine Herren», hiess es. Als sie einrückte, lagen Blumen auf ihrem Pult. Doch Privilegien will Davatz nicht. «Ich empfehle jeder Frau den Dienst. Da lernt man auch, dass man sich mal ducken muss.» Auch im Gewerbeverband war die Juristin, die im Schwarzbubenland aufgewachsen ist, die erste Frau. Als ihre Tochter auf die Welt kam, hatte Davatz weitergearbeitet. Ein Kindermädchen war zu Hause, die Eltern halfen. Und die Familie hat kurzerhand mit anderen Eltern eine Spielgruppe gegründet.

In Witterswil ist Davatz aufgewachsen, hat das Solothurner Anwalts- und Notariatspatent gemacht, und wollte deshalb den Kanton nicht verlassen, als sie 1986 in Bern beim Gewerbeverband begann. Alt Regierungsrat Christian Wanner, der politische Strippenzieher aus Messen, hat die Parteikollegin Davatz Ende der 1980er-Jahre aus dem Schwarzbubenland ins Bucheggberger Dorf geholt. Inzwischen wohnen auch ihre Eltern und Schwiegereltern dort, ihr Sohn arbeitet im Dorf, die Familie ist im Turnverein. «1990 in Messen geheiratet, 1991 das Haus bezogen, 1992 die Tochter.» Sie lacht. «Das ist Planung.» Christine Davatz, Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbandes, Mutter und Hauptmann a.D. der Schweizer Armee, lacht offenbar gerne und ansteckend.

Hat es das FDP-Mitglied nie gereizt, in die Solothurner Politik einzusteigen? 1985 habe sie im Schwarzbubenland als Kantonsrätin kandidiert. Heute kann sie sich eine Politkarriere im Kanton weniger vorstellen, ist sie doch mit ihrem Job national stark engagiert.

Zwei Bewerbungen, zwei Zusagen

Und dann die Frage aller Fragen, die Christine Davatz immer hört. Die Frage, bei der man wissen will, wie ernst es der studierten Juristin mit der Berufsbildung ist: «Frau Davatz, was machen Ihre Kinder?» Gelassen kann Davatz an der Kaffeetasse nippen. Die Tochter ist Konstrukteurin mit Berufsmatur und studiert heute an der Fachhochschule. «Zwei Bewerbungen, zwei Angebote.» Der Sohn lernt Schreiner in Messen.

«Für den Lehrer war klar, dass unsere Tochter aufs Gymnasium geht. Sie hatte gute Noten», sagt Davatz. Die Familie ging trotzdem zu einer Berufsberatung. «Ich predige ja immer: Man muss Eignung und Neigung in jedem Fall abklären.» Das Resultat war eine Lehre. Heute studiert die Tochter an der Fachhochschule. «Die Berufswahlvorbereitung ab der 7. und 8. Klasse muss viel besser werden, auch an den Gymnasien», sagt Davatz. «Eigentlich sollte jedes Kind, egal, ob schulisch stark oder nicht, Neigungen und Eignungen abklären. Dann hätten wir viel weniger Lehrabbrüche und weniger Kinder am Gymnasium.» Schüler, die vor allem ans Gymnasium gehen, weil sie unsicher sind, was sie wollen, seien für das Gewerbe oft schon verloren: «Mit 19 sind sie schon fast erwachsen, und schon fast zu alt. Eine Lehre und die Unterordnung wird dann als Abstieg empfunden.»

100 Mio. für Berufsbildung

Christine Davatz will jetzt 100 Millionen Franken vom Bund. «Mindestens», sagt die Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Damit soll die höhere Berufsbildung gestärkt werden. «Wenn ein Handwerker die Meisterprüfung machen will, muss er das praktisch selbst bezahlen. Ein Arzt zahlt für sein Studium fast nichts, und verdient danach mehr», sagt sie und schiebt nach: «Vielleicht verdient er heute noch mehr.» Denn Fachkräfte sind gefragt. «Wenn ich Karriere machen und Leute führen möchte, würde ich in den Verkauf gehen», sagt Davatz. «Mit 25 hat man im Detailhandel die Möglichkeit, 100 Leute zu führen. Das sind Berufsaussichten!»