«Wir waren immer stärker als die CVP.» Mit «wir» meint Ernst Käser die Freisinnigen von Stüsslingen, und wenn er «immer» sagt, spricht er von der Zeit, in der er das Sagen hatte.

Käser, Jahrgang 1929, war von 1950 bis 1964 FdP- Parteipräsident und von 1964 bis 1989 Gemeindepräsident in Stüsslingen.

Das Amt als Kassier der Ortspartei wurde er erst 1999 los. Als 19-Jähriger in den Vorstand gekommen und als 70-Jähriger abgetreten: Ernst Käser war ein halbes Jahrhundert lang am Drücker.

Wahlausschuss in Aktion

Wie schaffte es die Stüsslinger FdP, so lange die Oberhand zu behalten? «Wir waren sehr gut organisiert», antwortet Käser. Zur Parteiversammlung seien manchmal 80 oder 90 Personen gekommen – in einem Dorf mit damals etwa 600 Einwohnern.

Als wichtigstes Instrument für den Erfolg bei Wahlen nennt Ernst Käser den Wahlausschuss. «Das war der erweiterte Parteivorstand, etwa 20 Leute.» Ein halbes Jahr vor den Wahlen trat der Ausschuss zusammen und legte fest, wer welche Stimmbürger «bearbeiten» musste.

«Wir mussten die ‹Eigenen›, aber auch die ‹Unsicheren› bearbeiten», so Käser.

Als «Bearbeiter» wurde bestimmt, wer die besten Beziehungen zur betreffenden Person hatte. Käser selber hatte das breiteste Beziehungsnetz: «Ich hatte sicher einen Viertel zu bearbeiten.»

Bei den als «sicher» eingestuften Parteigängern reichte es, ihnen bei Gelegenheit in Erinnerung zu rufen, keinesfalls den Wahltag zu verpassen. Bei den «Unsicheren» ging der Bearbeiter zu einem ausführlichen Gespräch ins Haus.

Dieses Gespräch hatte natürlich das Ziel, eine Stimme für die Partei zu sichern, war aber keine Einweg-Kommunikation. Käser: «Unter vier Augen bekam der Vertreter des Wahlausschusses vom Stimmbürger oft dessen wahre Gründe gegen einen bestimmten Kandidaten zu hören.

An einer Versammlung wäre das nie so offen gesagt worden.» Zudem musste der Parteivertreter stichhaltige Argumente für die Wahl liefern können.

Leichter hatte es der «Bearbeiter», wenn er auf Erfolge und Leistungen seiner Partei verweisen konnte: «Wir waren eine fortschrittliche Gemeinde und bauten früher als andere eine Mehrzweckhalle oder einen Kindergarten», sagt Käser.

Das hätten viele der FdP zugutegehalten. Auch versuchte der Parteipräsident, neue Ideen noch vor dem politischen Gegner mit eigenen Motionen an der Gemeindeversammlung aufzugreifen.

Dazu kam, dass man einem Parteigänger mit Rat oder Tat half, wenn er ein Problem hatte. Zu Recht konnte die Partei davon ausgehen, dass der betreffende Stimmbürger ihr dafür seine Stimme geben würde.

Wenn nötig wurde nachgefasst

Eine Woche vor den Wahlen traf sich der Wahlausschuss wieder. Waren alle Sympathisanten besucht worden? Und konnte mit diesen Stimmen gerechnet werden? – Hatte sich ein Stimmbürger widerstrebend gezeigt, versuchte der Ausschuss nachzufassen und in einem weiteren Gespräch die Bedenken doch noch auszuräumen.

Ganz lückenlos war das System nicht. «Es gab auch Ausschussmitglieder, die sagten, sie hätten eine Person besucht, auch wenn es nicht stimmte. Das war ein Risiko», erklärt Käser.

Zudem konnte es vorkommen, dass der «schwarze» Parteipräsident eine «gelbe» Familie besuchte. «Das bekam ich dann aber schon zu wissen», gibt er zu verstehen.

Für eine Kontrolle, ob alle «Eigenen» am Wahltag auch wirklich zur Urne gingen, hätten die Parteien in Stüsslingen keine Listen vom Wahlbüro erhalten, sagt Ernst Käser.

Allerdings: Die FdP-Vertreter im Wahlbüro waren auch im Parteivorstand. Käser bestreitet nicht, dass diese schon mal einen Hinweis gegeben hätten, wenn X oder Y noch nicht gewählt hatte.

Persönliche Einschätzung

Das von Ernst Käser beschriebene System beruhte darauf, dass der Vorstand der Ortspartei so gut wie alle Einwohner des Dorfes kannte und politisch einschätzen konnte. Das illustriert Käser mit einer Anekdote aus dem Jahr 1961.

Damals kam es zu einer Kampfwahl um die Forstkommission. Am gleichen Tag fanden Wahlen in die Kirchgemeinderäte statt.

Als er das Resultat der Katholiken erfuhr und die Wahlbeteiligung der Reformierten kannte, sagte Käser dem gegnerischen Parteipräsidenten noch vor der Auszählung der Kommissionswahl: «Mir hei putzt.»

Die Erklärung: «Bei den Reformierten hatten 29 Personen die Stimme abgegeben. Ich wusste, die stimmen alle freisinnig.»

Diese Politkultur zerfiel später, und die Freisinnigen büssten auch in Stüsslingen ihre Vormachtstellung ein. «Diese Zeiten sind vorbei, das wäre heute nicht mehr möglich», weiss Ernst Käser.

«Die Leute waren damals noch nicht so belesen wie heute, sie brauchten Beratung.» Und: «Die Art, wie wir das machten, brauchte Zeit, viel Zeit. Diese Zeit hätte ich heute nicht mehr.»

Bis Ende der 1960er-Jahre lag die Wahlbeteiligung der stimmberechtigten Männer im Kanton Solothurn in aller Regel zwischen 80 und 90 Prozent. Solothurn galt als einer der am stärksten politisierten Kantone der Schweiz, und das Stimmvolk teilte sich fast restlos auf die Freisinnigen (FdP), die Katholisch-Konservativen (Solothurner Volkspartei, heute CVP) und die Sozialdemokraten (SP) auf. Ein Faktor für die aus heutiger Sicht unerreichbar scheinenden Werte bei der Wahlbeteiligung war die intensive Kontrolle der Ortsparteien über die Wahlteilnahme der ihnen zugerechneten Wähler. Wie das funktionierte, weiss Ernst Bruder (Balsthal), Jahrgang 1929, von 1965 bis 1994 Oberamtmann der Amtei Thal-Gäu und damit Aufsichtsperson über rund 60 Einwohner-, Bürger- und Kirchgemeinden und deren Wahlbüros. «Das Wahllokal war oft im Schulhaus, dort hatten die Parteien ihre Vertreter», erinnert sich Bruder. «Am Wahlsonntag um 11.30 oder 12 Uhr liessen sie sich vom Wahlbüro die Liste der Stimmbürger geben, die schon abgestimmt hatten. Damals waren die Wahllokale am Sonntag bis 14 Uhr geöffnet. Bis zu diesem Zeitpunkt gingen die Parteivertreter nun bei ‹ihren› Nichtwählern vorbei und forderten sie auf, ihre Stimme noch abzugeben.» Das sei nicht nur bei den Wahlen, sondern auch bei den oft heftig umkämpften Abstimmungen so gemacht worden. «Vor allem nach dem Krieg, in den 1950er- und 60er-Jahren, war das im Schwang», erinnert sich der langjährige Vorsteher des Oberamts in Balsthal. Alle Parteien – in Thal und Gäu waren dies vor allem die «Gelben» (Freisinnigen) und die «Schwarzen» (heute CVP) – hätten sich auf diese Weise um die möglichst vollständige Ausschöpfung ihres Stimmenpotenzials bemüht. «Ab den 1970er-Jahren funktionierte das nicht mehr», sagt Ernst Bruder. «Die Parteien haben sich nicht mehr hart darum bemüht, diese Praxis hat sich dann ganz verloren.» Das hing wohl auch mit dem Frauenstimmrecht zusammen, das erstmals bei den eidgenössischen Wahlen von 1971 und den kantonalen und Gemeindewahlen von 1973 ausgeübt werden konnte. Auf dem Oberamt wurden bei den eidgenössischen und kantonalen Wahlen die Stimmen aus allen Gemeinden der Amtei zusammengezählt. Der Oberamtmann war Anlaufstelle in Zweifelsfällen und bei Streitigkeiten, wenn die Wahlbüros ein Problem nicht selbst zu lösen vermochten. Spontan kommen Ernst Bruder Jahrzehnte zurückliegende Vorfälle in Niederbuchsiten, wo FDP und CVP miteinander im «Krieg» lagen, in Neuendorf, Wolfwil oder Matzendorf in den Sinn. «Da musste ich den Wahlbüros ab und zu einen Hinweis geben», sagt Bruder heute schmunzelnd – und untertreibt damit vermutlich seine Rolle. Er ist stolz darauf, dass er als Freisinniger auch von «schwarzer» Seite um Rat angegangen und als unparteiischer Vermittler akzeptiert worden sei. Er habe es als seine Aufgabe erachtet, gute Verbindungen in die Gemeinden zu erhalten, und das sei ihm auch gelungen, bilanziert der 86-Jährige. (cva)

Alt Oberamtmann Ernst Bruder erinnert sich

Bis Ende der 1960er-Jahre lag die Wahlbeteiligung der stimmberechtigten Männer im Kanton Solothurn in aller Regel zwischen 80 und 90 Prozent. Solothurn galt als einer der am stärksten politisierten Kantone der Schweiz, und das Stimmvolk teilte sich fast restlos auf die Freisinnigen (FdP), die Katholisch-Konservativen (Solothurner Volkspartei, heute CVP) und die Sozialdemokraten (SP) auf. Ein Faktor für die aus heutiger Sicht unerreichbar scheinenden Werte bei der Wahlbeteiligung war die intensive Kontrolle der Ortsparteien über die Wahlteilnahme der ihnen zugerechneten Wähler. Wie das funktionierte, weiss Ernst Bruder (Balsthal), Jahrgang 1929, von 1965 bis 1994 Oberamtmann der Amtei Thal-Gäu und damit Aufsichtsperson über rund 60 Einwohner-, Bürger- und Kirchgemeinden und deren Wahlbüros. «Das Wahllokal war oft im Schulhaus, dort hatten die Parteien ihre Vertreter», erinnert sich Bruder. «Am Wahlsonntag um 11.30 oder 12 Uhr liessen sie sich vom Wahlbüro die Liste der Stimmbürger geben, die schon abgestimmt hatten. Damals waren die Wahllokale am Sonntag bis 14 Uhr geöffnet. Bis zu diesem Zeitpunkt gingen die Parteivertreter nun bei ‹ihren› Nichtwählern vorbei und forderten sie auf, ihre Stimme noch abzugeben.» Das sei nicht nur bei den Wahlen, sondern auch bei den oft heftig umkämpften Abstimmungen so gemacht worden. «Vor allem nach dem Krieg, in den 1950er- und 60er-Jahren, war das im Schwang», erinnert sich der langjährige Vorsteher des Oberamts in Balsthal. Alle Parteien – in Thal und Gäu waren dies vor allem die «Gelben» (Freisinnigen) und die «Schwarzen» (heute CVP) – hätten sich auf diese Weise um die möglichst vollständige Ausschöpfung ihres Stimmenpotenzials bemüht. «Ab den 1970er-Jahren funktionierte das nicht mehr», sagt Ernst Bruder. «Die Parteien haben sich nicht mehr hart darum bemüht, diese Praxis hat sich dann ganz verloren.» Das hing wohl auch mit dem Frauenstimmrecht zusammen, das erstmals bei den eidgenössischen Wahlen von 1971 und den kantonalen und Gemeindewahlen von 1973 ausgeübt werden konnte. Auf dem Oberamt wurden bei den eidgenössischen und kantonalen Wahlen die Stimmen aus allen Gemeinden der Amtei zusammengezählt. Der Oberamtmann war Anlaufstelle in Zweifelsfällen und bei Streitigkeiten, wenn die Wahlbüros ein Problem nicht selbst zu lösen vermochten. Spontan kommen Ernst Bruder Jahrzehnte zurückliegende Vorfälle in Niederbuchsiten, wo FDP und CVP miteinander im «Krieg» lagen, in Neuendorf, Wolfwil oder Matzendorf in den Sinn. «Da musste ich den Wahlbüros ab und zu einen Hinweis geben», sagt Bruder heute schmunzelnd – und untertreibt damit vermutlich seine Rolle. Er ist stolz darauf, dass er als Freisinniger auch von «schwarzer» Seite um Rat angegangen und als unparteiischer Vermittler akzeptiert worden sei. Er habe es als seine Aufgabe erachtet, gute Verbindungen in die Gemeinden zu erhalten, und das sei ihm auch gelungen, bilanziert der 86-Jährige. (cva)