Hägendorf
«Vor Torschluss» noch retten, was an Zeugen des Urmeers zu retten ist

Bevor die geologisch bedeutsame Tongrube Fasiswald mit dem Ausbruchmaterial der dritten Belchentunnelröhre aufgefüllt wird, sorgt eine Grabung für die Sicherung des Schichten-Profils. Kanton und Astra teilen die Kosten von rund 100000 Franken.

Ueli Wild
Merken
Drucken
Teilen
 Belemniten sind Vorfahren der Tintenfische
7 Bilder
 Achim Reisdorf erklärt vor Ort das Urmeer, im Hintergrund sind, in Grau und Ocker, die Opalinuston- und Liasschichten zu erkennen.
Tongrube Fasiswald
 So genannt «orientierte Probe»
 Hinter Beat Imhof ist der Grenzbereich zwischen Opalinuston (grau) und Lias (ocker) deutlich zu erkennen.
 Kistenweise Profile, die der späteren Forschung dienen sollen.
 Fischsaurierschädel vom Hauenstein. Die Chancen für einen solchen Fund seien klein, sagt Achim Reisdorf.

Belemniten sind Vorfahren der Tintenfische

Ueli Wild

Die Geheimnisse, welche die Tongrube Fasiswald noch birgt, sollen nicht einfach zugeschüttet werden. Zwar werden die durch den Tonabbau freigelegten, andernorts kaum sichtbaren Schichten nicht mehr zugänglich sein, wenn die Grube mit dem Ausbruchmaterial der dritten Belchentunnelröhre gefüllt sein wird.

Doch eine Grabung, die noch bis Anfang Oktober dauern wird, sorgt dafür, dass die extrem fossilienreichen Liasschichten im Grenzbereich zum Opalinuston quasi in letzter Minute noch minuziös dokumentiert werden und so der wissenschaftlichen und geologisch interessierten Nachwelt erhalten bleiben.

Die vor über zehn Jahren stillgelegte Tongrube der Ziegelei Hägendorf AG dient regelmässig wissenschaftlichen Zwecken. Damit wird bald Schluss sein, weil das Bundesamt für Strassen (Astra) die Grube mit dem beim Bau der dritten Belchentunnelröhre anfallenden Ausbruchmaterial auffüllen will. Retten, was zu retten ist, heisst daher die Devise. Seit Mitte August sind Grabungen im Gang.

Der Sedimentologe Achim Reisdorf von der Universität Basel ist, zusammen mit Christian Meyer, Direktor des Naturhistorischen Museums Basel, von der wissenschaftlichen Seite her zuständig für die Arbeiten, die das geologische Atelier der Gebrüder Imhof aus Trimbach ausführt.

Wegen «Kondensation» sehr fossilienreich

Reisdorf erklärt, was die Grube aus geologischer Sicht so interessant macht: «Wir graben an der Grenze zweier verschiedener Gesteinsformationen.» Opalinuston und Lias, unter welchem Begriff verschiedene Schichten zusammengefasst werden, treffen hier, an der unterschiedlichen Färbung gut erkennbar, aufeinander.

Die Schichten liegen wegen der Jura-Faltung nicht aufeinander, sondern nebeneinander, «um etwa 55 Grad aufgestellt», wie Reisdorf anmerkt. Einzelne Schichten, die an andern Orten extrem mächtig entwickelt sind, erreichen hier nur wenige Zentimeter Dicke oder fehlen ganz. Diese «Kondensation» ist laut Reisdorf der Grund dafür, dass man hier extrem viele Fossilien findet – versteinerte Organismen, die aus einem Urmeer stammen. «Versetzen Sie sich zurück um 180 Mio. Jahre – und über Ihnen plätschert eine Wassersäule von 30 bis 40 Metern Höhe, so tief muss man sich dieses Meer hier vorstellen.»

Rechtsgrundlage Fossilienverordnung

Die Grabung in der Tongrube Fasiswald hat Mitte August begonnen und soll rund sieben Wochen dauern. Durchgeführt wird sie im Auftrag des kantonalen Bau- und Justizdepartements. Gemäss der kantonalen Fossilienverordnung stehen alle Fossilien und Mineralien von wissenschaftlichem Wert, die im Fels oder Boden enthalten sind, unter Schutz und gehören dem Kanton. Die gesamten Kosten belaufen sich nach Angaben von Yvonne Kaufmann, technisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin, Abteilung Boden im Amt für Umwelt (AFU), auf zirka 100 000 Franken. Der Kanton und das Bundesamt für Strassen (Astra) kommen je hälftig dafür auf. (uw)

Ammoniten lebten darin, Belemniten, landläufig Donnerkeile oder Teufelsfinger genannt, Meeresschnecken und hufeisengrosse Austern. Ganze Schichten mariner Schwämme trifft man, wie man sie bisher aus der betreffenden Zeit nur aus Norditalien und aus Südwestdeutschland kannte. Hin und wieder stösst man auch auf Wirbeltiere. Reisdorf weist auf zwei Knochen hin, die von einem Ichthyosaurier, einem Fischsaurier, stammen dürften.Doch Achim Reisdorf, der 1999 auf dem Hauenstein das heutige Prunkstück des Naturmuseums Olten, einen versteinerten Fischsaurierschädel samt einem Stück des Brustkorbs, fand, sagt, die Chancen für einen sensationellen Fund wie diesen seien klein.

Das Spezielle beim Ichthyosaurier vom Hauenstein sei, dass er senkrecht im Sediment eingebettet war.. «Der ist mit seiner Schnauze voran in den Meeresboden reingeschrammt.» Das sei typisch für eine bestimmte Fischsaurier-Art. Tote «Normalo-Ichthyosauier» dagegen seien «einigermassen eben» auf den Meeresboden gesunken und dann vollständig zerfallen.

Dokumentation im Vordergrund

Zweck der Grabung sei es schon, Fossilien und Sedimentproben herauszuholen, räumt Reisdorf ein. «Aber es geht vor allem darum, das Ganze wissenschaftlich genauestens zu dokumentieren. Wir wollen nicht nur wissen, wo Ammonit A und Ammonit B vorkommen, sondern exakt, wo und wie sie eingebettet sind.» Daher wurde ein Netz gespannt mit Planquadraten von 1 Quadratmeter Grösse. Jede Schicht wird einzeln abgebaut und dokumentiert. Der Fotograf Fritz Abt lichtet das Grabungsnetz immer von der genau gleichen Position aus ab. Zudem fotografiert er jedes Planquadrat einzeln – überlappend und in jeder Schicht. Mit Hilfe einer speziellen Software will das Naturhistorische Museum Basel später ein 3D-Modell der Schichtenabfolge entwickeln.

Yvonne Kaufmann von der Abteilung Boden im kantonalen Amt für Umwelt (AFU) ergänzt: «Wir entnehmen auch ein ganzes Profil. Das lagern wir ein, damit es für zukünftige wissenschaftliche Untersuchungen noch zugänglich ist.» Das Material wird in Kisten verpackt und, wenn es das – bei Regen rutschige – Gelände zulässt, einmal pro Woche nach Oensingen gefahren. Im dortigen Feuerwehrmagazin wurde nach Kaufmanns Angaben ein Raum gemietet, wo die Kisten eingelagert werden können. Im Anschluss an die Grabungen wird, zusammen mit der Universität Basel abgeklärt, wie das Material weiter ausgewertet werden kann. Schöne Stücke sollen im Naturmuseum Olten ausgestellt werden. Laut Beat Imhof wird das Fundgut in Exceltabellen inventarisiert, die mit der Datenbank des Naturmuseums Olten verknüpft sind. Die Objekte würden auch mithilfe des Geologenkompasses eingemessen, so Achim Reisdorf. «Wir entnehmen sogenannt ‹orientierte Proben›, damit man später die Lage genau rekonstruieren kann.»-