Oensinger Doppelmord
Vor Obergericht stand nur der Sohn – der Vater macht Ferien

Im Juli 2012 starben bei einer Schiesserei auf dem Oensinger «Bobst-Hof» zwei Personen. Die Täter, Vater und Sohn, zogen das erstinstanzliche Urteil weiter und sollten beide am Montag vor dem Obergericht erscheinen. Der Vater meldete sich aber ferien- und krankheitshalber ab.

Ornella Miller
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«Besonders skrupellos», mit «ungemeiner Gefühlskälte» hätten die Täter gehandelt, als sie am 5. Juli 2012 in Oensingen zwei Menschenleben ausgelöscht und einen weiteren Mann angeschossen haben. Diese Worte fielen auch im Berufungsverfahren vor dem Obergericht. Die vom Amtsgericht Thal-Gäu am 19. Februar 2015 Verurteilten, Vater und Sohn, hatten den Fall weitergezogen.

Der heute 28-jährige Sohn forderte, nicht wegen Mordes, sondern bloss wegen Totschlags, allenfalls wegen vorsätzlicher Tötung verurteilt zu werden, mit entsprechend reduzierter Haftdauer, also weniger als 20 Jahre. Dies weil er die Tat aus Notwehr und aus nicht egoistischen Gründen verübt habe.

Schiesserei in Oensingen fordert zwei Todesopfer
9 Bilder
Auf diesem Platz wurde geschossen
Der Tatort am Morgen danach
Eine Person wurde mit Schussverletzungen ins Spital gebracht
Das Gebiet wurde während der Nacht grossräumig abgesperrt
Das Gebiet wurde während der Nacht grossräumig abgesperrt
Die Spurensicherung nahm sogleich ihre Arbeit auf
Die Spurensicherung nahm sogleich ihre Arbeit auf
Helles Flutlicht beleuchtete den Tatort

Schiesserei in Oensingen fordert zwei Todesopfer

Hanspeter Bärtschi

Der Vater verneinte gar, überhaupt geschossen zu haben und beanspruchte einen Freispruch statt der 17 Jahre. Der nun 53-jährige Vater erschien indes gar nicht am Prozess. Verteidiger Alexander Kunz erfuhr vom Fernbleiben erst kurz vor der Verhandlung per E-Mail.

Sein Mandant hat er seit einem Monat nicht mehr gesehen, der sei im Kosovo um Ferien zu machen, obwohl zwecks Vorbereitung der Verhandlung einige weitere Treffen vorgesehen gewesen wären (Im Gegensatz zu ihm sitzt sein Sohn im vorzeitigen Strafvollzug im Gefängnis.)

Kosovarisches Arztzeugnis

Kunz legte ein von der Bildqualität her schlechtes Foto des kosovarischen Arztzeugnisses vor, das er mit der E-Mail mitgeliefert erhielt. Datiert ist das Zeugnis auf den Vortag, Herzprobleme seien die Ursache, die eine Woche behandelt werden müssten. So musste zuerst die Frage geklärt werden, ob man den Prozess überhaupt durchführen könne. Kunz stellte ein Dispensationsgesuch und hielt fest, dass er trotzdem fähig sei, seinen Mandanten zu vertreten und dass seine Befragung gar nicht vorgesehen sei. Das Gericht mit Marcel Kamber, Daniel Kiefer und Hans-Peter Marti gewährte den Dispens. Das schien einfacher, als ein unentschuldigtes Erscheinen anzunehmen. Denn es hätte später beanstandet werden können, dass man das Arztzeugnis nicht gewürdigt hätte.

Hintergrund der Taten war folgender. Zwei kosovarische Familien waren dadurch verwandt, dass die Tochter bzw. die Schwester der Täter den jüngeren der beiden getöteten Männer 3 Jahre zuvor geheiratet hat. Der andere Getötete war der Vater dieses Ehemannes. Die Frau habe sich über schlechte Behandlung des Ehegatten und seiner Familie beklagt. Einmal musste sogar die Polizei wegen häuslicher Gewalt ausrücken und konfiszierte einen Schlagstock. Die beiden Familien lebten nur zweihundert Meter voneinander entfernt. Dass die Frau ein zweites Mal schwanger war und wieder ein Kind geboren hat, erfuhren sie offenbar trotzdem erst kurz vor der Tat.

Am späten Abend zog ein Gewitter am Himmel auf, Regen folgte, die Täter fuhren mit zwei Waffen mitsamt Munition im Gepäck zur Opferfamilie, wo sich auch die Tochter befand. Das Sturmgewehr 90 hätte der Sohn der Schweizer Armee schon zurückgegeben haben sollen (er ist eingebürgert und hat nur noch die Schweizer Staatsbürgerschaft), da er selber zum Zivildienst gewechselt hatte. Die Pistole SIG P225 stammte aus illegaler Herkunft. Auf dem Vorplatz des Bauernhauses kam es zum heftigen Streit um die Tochter. Der Schwiegervater drängte seinen Sohn zurück ins Haus.

Der verurteilte Sohn habe gedacht, dass er sich bewaffnen ginge und begab sich zu seinem Mercedes, um das Sturmgewehr zu holen. Der Schwiegervater verfolgte ihn, wurde dann aber von ihm zu Boden geprügelt. Nun rannten der Schwiegersohn und ein zufällig anwesender Dritter auf den Platz. Der Sohn schoss mit dem gefassten Sturmgewehr, traf den Drittbeteiligten und verletzte ihn nicht lebensgefährlich. Der Schwiegersohn versteckte sich. Der Sohn gab seine mitgeführte Pistole seinem Vater. Dieser schoss auf den Schwiegervater. Auch der Sohn schoss mit dem Sturmgewehr auf ihn. Der Schwiegervater verstarb. Nun kam der Schwiegersohn an die Reihe. Der Pistolenschuss des Vaters verfehlte ihn, aber der Sohn traf ihn im Rücken.

«Einmalige Entgleisung»

Es ging am Prozess um die Frage, ob auch der Vater geschossen hat – obwohl der Sohn alle Schuld auf sich lud – und darum, ob die Tötungen irgendwie entschuldbar sind. Der Verteidiger des Sohnes, Roland Winiger versuchte es als «einmalige Entgleisung» darzustellen. Er meinte: «Sie haben nicht geplant, jemanden umzubringen.» Sein Mandant sei «in grosser Sorge um seine Schwester» gewesen. Er habe durch seine Tätigkeit bei einer Sicherheitsfirma drei Tage lang kaum geschlafen, durch Anabolikaeinnahme habe er erhöhte Testoteronwerte gehabt und dadurch «erhöhte Aggressivität» gezeigt und sei «explodiert». Er warf das als strafmildernd ein. Ebenso, dass in der kosovarischen Kultur Gewalt normal sei: «Erhöhte Gewaltbereitschaft ist in seiner Umgebung nichts Ungewöhnliches.»

Eine besondere Skrupellosigkeit entfalle, auch wenn viele Schüsse abgegeben wurden. Zudem seien manche bloss Warnschüsse gewesen. Staatsanwalt Martin Schneider hingegen sah keine tatsächliche Bedrohungslage für die Frau. «Die Voraussetzungen für Notwehr sind nicht gegeben. Er musste höchstens mit einer handgreiflichen Auseinandersetzung rechnen.»

Die Opfer seien «regelrecht durchlöchert» worden. Auch Marc Aebi, Anwalt einiger der Hinterbliebenen, sprach von einer «äusserst brutalen Exekution», die Opfer seien «massakriert» worden. Der Täter trug während der Verhandlung Fussfesseln. Er beschrieb sich als «ruhig und ausgeglichen» und bereute die Tat. Ob bestimmte Werte aus seiner Kultur mitbestimmend gewesen seien, wollte das Gericht wissen. «Wir sind mit Werten aus dem Kosovo aufgewachsen, wo Familienzusammenhalt wichtig ist», meinte er. «Ich wollte meiner Schwester helfen und dachte nicht an die Konsequenzen.»

Heute würde er anders handeln. Der genaue Tathergang, der nicht so einfach zu rekonstruieren ist, nahm einigen Raum ein. An der ruhig verlaufenden Verhandlung wohnten zahlreiche Besucher bei, vor allem seitens der Opferfamilie. Alle mussten die besonderen Sicherheitsschranken passieren, ein aussergewöhnliches Ereignis im Amtshaus. Man ging umgeben von Polizeikräften durch den Metalldetektor-Torrahmen und lief im Parterre am friedlichen Weihnachtsbaum vorbei. In manchem Hinterkopf wohl die Wörter «Blutrache» und «Selbstjustiz». Der Urteilsspruch erfolgt am Freitag.