Kurioser Fall
Vor Gericht, weil er den Nachlass eines Abenteurers fand

Ein Solothurner Autor stiess bei Recherchen auf einen unentdeckten Dokumentenbestand über den Schweizer Abenteurer Felix Tschiffely. Jetzt stand der Mann vor Gericht. Die Nachlassverwalterin erhebt ebenfalls Anspruch auf die Archivalien.

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Um dieses Buch drehte sich der Streit vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt.

Um dieses Buch drehte sich der Streit vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt.

GKU

«Nehmen Sie den Spatz in der Hand, statt bloss die Taube auf dem Dach», versuchte Amtsgerichtspräsident Ueli Kölliker der Klägerin immer wieder klar zu machen. Doch die Frau zögerte. Sie wollte etwas anderes. Schon zu Beginn der Verhandlung vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt wurde klar, dass es ihr eigentlich vor allem darum ging, ein Archiv zu bekommen, das der Angeklagte besitzt.

Es war ein aussergewöhnlicher Fall, der am Montag vor dem Amtsgericht in Solothurn verhandelt wurde. Als Klägerin trat eine exzentrisch wirkende Frau auf. Sie lebt zwar in Frankreich, sprach im Gerichtssaal vor allem aber englisch, eine Dolmetscherin übersetzte.

Die Frau hatte einen Strafbefehl gegen einen Mann aus dem Bucheggberg erwirkt. Der 80-Jährige soll in seinem 670-seitigen Buch über den Schweizer Abenteurer Felix Tschiffely vorsätzlich Zitate ohne Quellenangabe sowie Bilder ohne Copyright verwendet haben. Die Klägerin gab sich als eine Art Nachlassverwalterin des Auslandschweizers Tschiffely (1895-1954) aus.

Dieser erlangte dadurch Berühmtheit, dass er in einem legendären Ritt von der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires bis nach New York die Vorzüge der einheimischen Pferderasse aufzeigte.

Seit Jahren in Kontakt

Streitpunkt waren vor Gericht aber weniger die Zitate als das Archivmaterial. Denn 2002 ist der Solothurner bei seinen Recherchen in England auf einen bisher unbekannten Bestand von Tschiffely gestossen. «Niemand hat von dem Material etwas gewusst», sagt er heute.

«Die Witwe Tschiffely hat dieses in den 1970er-Jahren an eine Frau in England weitergegeben.» Sowohl die Witwe als auch die frühere Besitzerin des Materials sind inzwischen tot. In der «Truhe», die der Bucheggberger aufspürte, fanden sich diverse Materialien, die der Angeklagte zum grossen Teil für seine Biografie verwendet hat.

Wirft man einen flüchtigen Blick ins 670 Seiten dicke Werk, sieht es eigentlich so aus, dass bei den Bildern und Fundstücken die Quellen deutlich genannt sind, Zitate werden rein gestaltungsmässig als solche ausgewiesen. Doch die Solothurner Staatsanwaltschaft sah den vorgeworfenen Tatbestand erfüllt.

Sie verurteilte den Bucheggberger per Strafbefehl wegen Urheberrechtsverletzung zu einer Busse von 300 Franken. Der Mann akzeptierte das Urteil nicht. «Dann hätte ich Copyright-Verletzungen zugegeben.» Doch das habe er nicht getan. Und so kam der Fall vor Gericht. Die per Strafbefehl verhängte Busse von 300 Franken wurde nun vor Gericht aufgehoben. Es kam zu einem Vergleich.

Für den Bucheggberger Autor kam die Klage der Nachlassverwalterin so oder so überraschend. Denn er stand über Jahre permanent mit ihr Kontakt, sie habe sogar das Manuskript gelesen und für gut befunden, sagt er auf Anfrage. «Sie hat nie etwas auszusetzen gehabt. Aber plötzlich hat sie um 180 Grad gedreht.» Sie wandte sich mit Briefen an Schweizer Medien und an Bundesrätin Sommaruga.

60 Kilogramm Material

Gerichtspräsident Kölliker zielte von Anfang an auf einen Vergleich. Die Angeklagte wollte diesem zwar zustimmen, «aber ich will, dass das Archiv zu mir zurückkehrt», sagte sie. Verteidiger Fabian Wigger: «Das hat nichts miteinander zu tun. Es kann nicht Gegenstand des Vergleichs werden.» Er sprach davon, dass man Lösungen gesucht habe.

Sein Mandant habe ihr Kopien von Materialien gegeben. «Sie hat jedoch keine Hand geboten und behauptet, alles gehöre ihr.» An einem Vergleich wurde dennoch herumgefeilt. Der Angeklagte soll die Materialien ins Museum für Auslandschweizer geben - was er ja ohnehin plant. Die Angeklagte wollte sie jedoch vorher zu sich nehmen. «60 Kilogramm Material?», fragte Kölliker.

«Es wiegt mit der Verpackung so viel», berichtigte der Angeklagte. Wigger sah keine Notwendigkeit, es zuerst ihr zu geben, sie könne es ja im Museum einsehen und dort kopieren.
Es gab etliche Diskussionen, Schrittchen vorwärts und wieder zurück.

Soll die Frau ein ausführliches Inventar sowie Kopien erhalten? Kölliker hatte bald keine Geduld mehr: «Entweder kommen wir im Vergleich vorwärts oder wir verzichten darauf und fällen ein Urteil.» Der Besitz des Archivs sei nicht Teil der Verhandlung.

Sie lenkte auf eine Einigung ein. Doch dann warf Wigger einen neuen Punkt auf. Die Frau solle es in Zukunft weltweit unterlassen, solche Anschuldigungen zu äussern, gegenüber Behörden und andern Dritten. «Ich habe keine diesbezügliche Absicht, aber ich kann es nicht versprechen», sagte die Frau.

«Da fehlt mir das Verständnis», meinte Kölliker. Sie: «Ich hasse Streit, aber so hätte ich nichts. Ausser vielleicht Zugang zum Archiv, das eigentlich mir gehört.» Verteidiger Wigger meinte, der Sinn eines Vergleichs sei, dass man die Sache ein für alle Mal regelt. Sein Mandant sei mit Anrufen von Strafverfolgungsbehörden aus Grossbritannien und Frankreich konfrontiert gewesen.

Schliesslich willigte die Nachlassverwalterin doch auf den Vergleich ein, allerdings mit Widerrufsvorbehalt. Das heisst, sie kann bis Ende Jahr ihre Einwilligung widerrufen. Nach drei Stunden verliessen die Parteien den Saal.

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