Warum will der Kanton Solothurn explizit die Wirtschaftsbeziehungen mit China fördern?

Karl Brander: Den Grundstein dafür legte vor über 20 Jahren die Fachhochschule Nordwestschweiz mit ihrem Engagement in China, dem Aufbau der Schulableger und dem Bildungsaustausch von Wirtschaftsstudenten. Der Standortkanton Solothurn will nun diese Beziehungen intensivieren – und diese direkt mit chinesischen Ansiedlungen im Solothurnischen und Markteintritten von hiesigen Firmen in China konkretisieren.

Die Beziehungen zwischen der Schweiz und China sind auf Bundesebene institutionalisiert und es gibt Freihandelsabkommen zwischen den beiden Ländern. Braucht es da noch kantonale Massnahmen?

Die Anlaufstelle ist bescheiden gehalten. Ich kümmere mich neben meiner Tätigkeit als «Ansiedler» bei der Wirtschaftsförderung mit einem Pensum von 20 Prozent darum. Aber Solothurn kann mit diesem Instrument gegen innen wie aussen ein Zeichen setzen. Gegenüber China zeigen wir, dass wir die Zusammenarbeit ernst nehmen, gegenüber Solothurner Firmen können wir aufzeigen, dass China durchaus Marktchancen bietet.

Nimmt die Anlaufstelle eine Vermittlerrolle ein?

Absolut. Wir wollen Kontakte zwischen Solothurn und China vermitteln. Zudem wollen wir Kompetenz aufbauen, gegenüber den Chinesen, aber auch gegenüber Solothurner Firmen.

Was kann die Anlaufstelle konkret einer Solothurner Firma bieten?

Nehmen wir das Beispiel Markteintritt in China. Wir klären mit der interessierten Solothurner Firma ab, um welches Geschäftsfeld, um welche Produkte und Volumen es gehen soll und wie rasch der Eintritt erfolgen soll. Danach nehmen wir Kontakt auf mit verschiedenen Organisationen wie Swiss Business Hub, Switzerland Global Enterprise, das von der FHNW in Harbin aufgebaute Swiss Research Center China oder mit Konsulenten in China. Wir können aufzeigen, in welchen Regionen Potenzial besteht. Solche Kontakte bauen sich schrittweise auf. Ziel ist es, für den Interessenten die beste Region und die beste Form der Zusammenarbeit zu finden.

Seit Herbst 2015 läuft die Anlaufstelle als Projekt, jetzt hat der Regierungsrat beschlossen, die Stelle definitiv zu aktivieren. Bedingung war, dass die Anlaufstelle gewisse Erfolge aufweisen kann. Wie sieht es da aus?

Es haben sich bislang rund 50 Firmen bei der Anlaufstelle gemeldet. Je zur Hälfte chinesische Firmen, die sich für den Standort Solothurn interessieren, und Solothurner Unternehmen, die in China Fuss fassen wollen. Bei den Chinesen steht die Suche und Etablierung von Joint Ventures im Technologiebereich im Vordergrund. Seltener ist das Interesse, Solothurner Firmen zu übernehmen. Es gab teilweise vertiefte Kontakte und wir haben beide Seiten zusammengebracht. Diese aktive Vermittlerrolle kann durchaus als Erfolg bezeichnet werden.

Spruchreife Projekte können Sie aber keine vorweisen?

Nein. Dazu ist es zu früh. Sowohl das Geschäft mit Markteintritten wie Ansiedlungen ist ein sehr langfristiges Geschäft.

Auf der Homepage der Anlaufstelle sind Beispiele aufgeführt wie die Übernahme der Eterna durch Chinesen oder Produktionsaufbauten von Ypsomed oder Stryker in China. Aber das hat doch keinen Zusammenhang mit der Anlaufstelle?

Da haben Sie recht. Wir wollen damit gegenüber China aufzeigen, dass es chinesische Investoren gibt, die in eine Firma im Kanton Solothurn investiert haben oder dass Firmen mit Ablegern im Kanton Solothurn auch in China investieren. Wir können damit untersteichen, dass wir kompetent sind, was die Anliegen der Chinesen und umgekehrt betrifft. Die Anlaufstelle hat auch eine Türöffner-Funktion.

Zudem ist auf der Homepage auch die von Chinesen in Schönenwerd gegründete DDW Swiss AG als Erfolg aufgeführt. Dort soll sogenanntes Leichtwasser für den asiatischen Markt produziert werden. Läuft da etwas?

Das ist schwierig. Wir haben den chinesischen Investoren den Weg in den Kanton Solothurn geöffnet. Aber die operative Geschäftsentwicklung ist Sache der Chinesen. Ich gehe davon aus, dass die Firmeninhaber gewillt sind, hier eine Produktion aufzubauen.
Realisierte Projekte gibt es also noch keine. Ist das Ganze nicht bloss ein Papiertiger?
Nein, das sehe ich überhaupt nicht so. Wie gesagt, übt die Anlaufstelle eine Vermittlerrolle aus. Es ist schon ein Erfolg, wenn Solothurner und Chinesen initial miteinander sprechen. Man nimmt uns wahr in China, aber auch andere kantonalen Wirtschaftsförderungsstellen sind auf uns aufmerksam geworden.

Sie waren bereits mehrere Male in China auf «Geschäftsreise». Wie beurteilen Sie generell die Chancen für Solothurner Unternehmen auf dem chinesischen Markt?

Ein Markteintritt ist sehr schwierig und viel anspruchsvoller geworden. Auch in China muss ein Produkt heute ein Alleinstellungsmerkmal haben. Es genügt nicht mehr, Standard-Produkte auf den chinesischen Markt zu werfen. Ein Nachdenken über den Markteintritt ist trotzdem immer gut. Viele potenzielle Exporteure haben aber zu hohe Erwartungen. Die Rechnung – bei 1,4 Milliarden Chinesen und einem Marktanteil von 0,5 Prozent wird das Geschäft von selbst laufen – geht nicht auf. Auch China ist trotz seiner geografischen Grösse sehr kleinräumig strukturiert. Deshalb gibt es nicht einen Absatzmarkt China.

Ist es deshalb entscheidend, für einen erfolgreichen Markteintritt einen zuverlässigen Partner vor Ort in China zu finden?

Das ist das A und O. Und deshalb gestaltet sich der Aufbau neuer Absatzmärkte sehr langwierig. Es ist wichtig, die richtige Person in China zu finden. Das Land ist so gross und so unterschiedlich. Deshalb ist es entscheidend, für sich und die Produkte die richtige Provinz herauszukristallisieren. Dazu braucht es zuverlässige und vertrauenswürdige «Helfer» in China. Man darf nicht gleich in Euphorie verfallen, wenn man an einer Messe fünf Visitenkarten von potenziellen chinesischen Kunden erhalten hat.

Und haben umgekehrt die Chinesen Interesse am Standort Solothurn?

Ja, einfach auf die chinesische Art. Es kann rasch wechseln zwischen Tatendrang und Rückzug. Es gilt, die Wahrnehmung des Kantons Solothurn in China hochzuhalten.

Hand aufs Herz: Können Sie in fünf Jahren über realisierte Projekte, initiiert von der Anlaufstelle, berichten?

Davon bin ich überzeugt. Wir bringen die Partner zusammen und anschliessend müssen diese ihre Pläne alleine vorantreiben, denn die eigentliche Entwicklung des Geschäftsmodells im Einzelfall ist nicht unsere Aufgabe. Unser Engagement, insbesondere die Aufbauarbeit der Fachhochschule, werden positiv wirken. Wir dürfen aber nicht in Euphorie verfallen, aber auch keine Angst vor China haben.