Kreisförster Jürg Misteli hat die Aufmerksamkeit auf sich. Während Regentropfen auf die Jacken und Schirme der Zuhörer perlen, erklärt Misteli am Ufer des Aeschisees, dass die Wurzeln des Schilfes wie Kartoffeln gegessen und als Mehl zum Brotbacken verwendet werden können. «Es hat einfach etwas mehr Fettgehalt als Weizenmehl.» Misteli steht vor einer von acht Informationstafeln, die seit kurzem rund um den Aeschisee platziert sind. Sein Referat war Teil der Eröffnungsfeier zur sechsten Solothurner Waldwanderung, die gestern Morgen mit rund 160 Gästen am Burgäschisee eingeweiht worden ist.

Auf 44 Kilometern Länge führt die neuste Solothurner Waldwanderung von Deitingen aus in vier Schlaufen durch fast alle Gemeinden des äusseren Wasseramtes und ins bernische Seeberg. Über 60 Informationstafeln erklären unterwegs Wissenswertes zu Wald, Landschaft, Naturschutz und Geschichte.

Grosse zeitliche Spannweite

Die zeitliche Spannweite, die die Wanderung abdeckt, ist gross. Am Anfang steht der eiszeitliche Rhonegletscher, der nicht nur zahlreiche Findlinge, sondern auch den Burgäschi- und den Inkwilersee zurückgelassen hat. Einige tausend Jahre zurück liegen die Pfahlbau-Fundstellen, die seit 2011 zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Weniger lange her ist die Burg am Aeschisee, deren Überreste noch bis ins 19. Jahrhundert zu sehen waren.

Und ganz aktuell sind die Naturschutzmassnahmen. Im Aeschimoos werden die Uferböschungen des Baches nur noch alle zwei Jahre im Winter gemäht. Seit 1977 holt eine Leitung das sauerstoffarme, nach faulen Eiern riechende Wasser am tiefsten Punkt des Sees - zwischen 25 und 30 Metern - und führt es in einem Bach vom See weg.

Aufgegleist haben das Projekt die Forstingenieure Geri Kaufmann, Thomas Burger und Richard Stocker. Mitgeholfen hat eine lokale Arbeitsgruppe, bestehend aus Landwirtschaftsvertretern, Förstern und dem Zivildienst. «Das Projekt muss in der Region verankert sein», sagt Geri Kaufmann. Als Projektleiter hat er seit dem ersten Waldwanderweg 2006 an allen sechs Waldwanderwegen mitgearbeitet.

Projekt stützt sich auf regionale Trägerschaft

Auch bei der Finanzierung stützt sich das Projekt bewusst auf eine regionale Trägerschaft. 5000 Franken kostet im Schnitt einer der Posten am Wegrand. Der Kanton steuert einen Drittel bei. Zwei Drittel der Gelder müssen bei Einwohner- und Bürgergemeinden sowie privaten Spendern eingeholt werden.

Die 44 Kilometer lange Strecke ist in vier Teilrouten zwischen 12 und 18 Kilometer eingeteilt. Eine der vier Teilstrecken ist die «Berner Schlaufe», die durch Seeberg führt. Mit sechs Hektaren ist die Berner Gemeinde der grösste Einzelbesitzer des Aeschisees. Über 50 Besitzern gehört der 20 Hektaren grosse See.

«Früher gingen Seeberger nach Gerlafingen arbeiten und zum Kneubühler in Solothurn, wenn sie gute Kleidung brauchten», sagte Seebergs Gemeindepräsident Bruno Gygax gestern an der Eröffnungsfeier. Heute sei die Gemeinde Richtung Langenthal orientiert. Umso mehr freue er sich über das gemeinsame Projekt.

Man dürfe Grenzen nicht immer ganz ernst nehmen, fügte die Solothurner Regierungsrätin Esther Gassler an. «Grenzen müssen auch ein Scharnier sein.» Gassler hat mit der Solothurner Waldwanderung bereits «Grenzerfahrung» gesammelt. Letzten Mai eröffnete sie in Mariastein die fünfte Solothurner Waldwanderung «entlang der Landesgrenze». Seit 2008 ist im Kanton jedes Jahr im Mai eine neue Waldwanderung eröffnet worden. «Ziel ist, in jedem Bezirk einen Waldwanderweg zu haben», sagte Jürg Froelicher, Vorsteher des Solothurner Amtes für Wald, Jagd und Fischerei. Für nächstes Jahr ist eine Route im Gäu angedacht, für die noch Sponsoren gesucht werden. Später soll der Leberberg hinzukommen. Waldwanderungen gibt es bereits in Mümliswil, von Holderbank nach Egerkingen, entlang der Aare im Niederamt und durch den Bucheggberg.