Von Etziken in den siebten Himmel
«Ich fuhr das Rennen meines Lebens»: Rollstuhlfahrer Heinz Frei nach dem Gewinn seiner 35. Paralympics-Medaille

Dieser Mann versetzt die Welt immer wieder und immer noch in Verzückung: Rollstuhlfahrer Heinz Frei, wohnhaft in Oberbipp, ursprünglich aus Etziken. An den Paralympics in Tokyo holt sich Frei Silber im Strassenrennen – mit 63 Jahren.

Christoph Krummenacher
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Heinz Frei während des Strassenrennens in Fuji.

Heinz Frei während des Strassenrennens in Fuji.

Keystone

Die 10. Sommer-Paralympics sollten die letzten sein, die Rollstuhlfahrer Heinz Frei in seiner langen Karriere bestreitet. Trotz seiner 63 Jahre hatte er sich regulär für die Olympischen Spiele für Sportler mit Körperbehinderung qualifiziert. Bereits am Dienstag sorgte der Etziker, der mittlerweile in Oberbipp wohnt, für ein Ausrufezeichen: Im Zeitfahren holt er sich mit dem 7. Rang ein Diplom.

Doch Heinz Frei hat Grösseres vor. Im Strassenrennen schiesst der «Oldtimer» nach 2:35:34 Stunden über die Ziellinie – nur eine Sekunde hinter dem Sieger, dem 23 Jahre jüngeren Russen Ruslan Kusnetsow. Die Silbermedaille ist die 35. Olympiamedaille für Frei. Es war sein letztes Einzelrennen. Heinz Frei hat zum Schluss seiner Karriere noch mal eindrücklich bewiesen, welch ein Ausnahmesportler er ist.

Heinz Frei nach dem Silbermedaillen-Gewinn im Strassenrennen an den Paralympics in Tokyo.

SRF

Heinz Frei ist im Ziel-Interview überwältigt

Bei der Zielankunft in Fuji regnet es, doch das Gesicht von Heinz Frei ist nicht nur deswegen feucht. «Es sind mehr die Tränen als der Regen», so Frei. «Ich glaube, ich habe das Rennen meines Lebens gefahren», sagt er im SRF-Interview kurz nach Silber-Sieg. «Ich kann fast nicht sprechen, so überwältigt bin ich im Moment.»

Heinz Frei feiert mit Roger Getzmann, Chef der Schweizer Paralympics-Mission, seine Silbermedaille an den Sommer-Paralympics 2020 in Tokyo.

Heinz Frei feiert mit Roger Getzmann, Chef der Schweizer Paralympics-Mission, seine Silbermedaille an den Sommer-Paralympics 2020 in Tokyo.

Keystone

«Ich meine, der Kopf wollte das schon, aber eigentlich ist es nicht normal, dass der Körper dies leisten kann.» Er habe wohl alles in die Waagschale geworfen, was überhaupt noch in seinem Körper gesteckt habe, so der ausgepumpte Frei nach dem Rennen.

«Ich habe keinen Bonus, wenn ich am Start bin», so der 63-Jährige. «Es ist nur die Leistung, die mich ans Ziel bringt. Heute war das härteste Rennen meiner Karriere, es war das emotionalste.» Und: «Diese Silbermedaille glänzt mehr als Gold.»

Glücklich im Ziel: Heinz Frei nach dem Rennen.

Glücklich im Ziel: Heinz Frei nach dem Rennen.

Keystone

Er habe viele Briefe und Whatsapp-Nachrichten erhalten, die ihn ermuntert hätten, er schaffe das. «Aber ich habe eigentlich gedacht: Nein, alter Mann, das geht nicht mehr.»

In Rio 2016 blieb Heinz Frei ohne Medaille – 23 Hundertstel fehlten damals im Zeitfahren. So könne er nicht aufhören, habe er damals gedacht. «Das hat mich angetrieben, mindestens nochmals nach Tokyo zu gehen. Und jetzt habe ich das wie zurückerhalten. Das ist nur noch cool.»

Heinz Frei holt sich die Silbermedaille an den Paralympics in Tokyo.

SRF

Schlusspunkt einer einzigartigen Karriere

Heinz Frei wird am 28. Januar 1958 in Solothurn geboren. Ein Unfall fesselt den gelernten Vermessungszeichner als 20-Jähriger an den Rollstuhl. Bei der Streckenbesichtigung für einen Berglauf auf dem Seelisberg rutschte er im nassen Gras aus, stürzte eine Schlucht hinunter und blieb ohne Gefühle in den Beinen liegen. «Ich war voller Sehnsüchte, Träume und Tatendrang. Es war unglaublich brutal», so Frei gegenüber dem ETH-Magazin.

Doch damit beginnt eine Bilderbuchkarriere. «Wäre ich nach dem Unfall zu lange im Selbstmitleid verharrt, wäre ich heute nicht da, wo ich bin.» 1984, mit 26 Jahren, nimmt Frei erstmals an Paralympischen Spielen teil. Mit einem selbst gebauten Rennrollstuhl gewinnt er den ersten je ausgetragenen Paralympics-Marathon.

«Die wohl erfolgreichsten Rollstuhlsportler aller Zeiten», lautete die Bildlegende dieses Bildes von Sidney 2000. Franz Nietlispach und Heinz Frei holten an den Paralympics in Sydney zusammen sechs Medaillen für die Schweiz. Nietlispach gewann eine Goldene und zwei Silberne und Heinz Frei kam auf eine Goldene und zwei Bronzene.

«Die wohl erfolgreichsten Rollstuhlsportler aller Zeiten», lautete die Bildlegende dieses Bildes von Sidney 2000. Franz Nietlispach und Heinz Frei holten an den Paralympics in Sydney zusammen sechs Medaillen für die Schweiz. Nietlispach gewann eine Goldene und zwei Silberne und Heinz Frei kam auf eine Goldene und zwei Bronzene.

Keystone

In den folgenden fast 40 Jahren häuft er jede Menge Edelmetall an internationalen Wettbewerben an. Allein bei den Paralympics holt er 15-mal Gold. Und das in drei unterschiedlichen Disziplinen: Langlaufschlitten, Rennrollstuhl und Handbike. Dazu kommen neun Silber- und elf Bronze-Medaillen. 14-mal holt er sich den Weltmeistertitel.

Seit über 20 Jahren beissen sich Rollstuhlfahrer aus aller Welt zudem an Freis Marathon-Weltrekord die Zähne aus. 1999 stellt er im japanischen Oita mit 1:20:14 Stunden die Bestzeit im Rennstuhl-Marathon auf. Heinz Frei gewinnt in seiner Karriere insgesamt unglaubliche 112 Marathons. Der Schlüssel für seine Erfolge ist aber nicht sein Körper, sondern der Kopf: «Ich bin ein glückliches Kind, demütig und dankbar.»

Heinz Frei 2019 im Interview bei jumpTV.

Youtube/jumpTelevision

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