Amtsgericht
Von einem Banker, der sich hocharbeitete und tief fiel

Der Filialleiter einer Bank bereicherte sich jahrelang an Kundengeldern. Das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt verurteilte ihn zu 20 Monaten Gefängnis bedingt, bei einer Probezeit von vier Jahren.

Christof Ramser
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Insgesamt 156000 Franken Kundengelder steckte sich der Chef einer Bankfiliale in das eigene Portemonnaie. Archiv

Insgesamt 156000 Franken Kundengelder steckte sich der Chef einer Bankfiliale in das eigene Portemonnaie. Archiv

Oliver Menge

Am Ende hatte er alles gestanden. Dass er, der unbescholtene Filialleiter einer Bank in der Region, sich an Geldern von Kunden bedient hatte. Dass er das Vertrauen von Sparern und von seinem Arbeitgeber massiv missbraucht hatte. Dass er in Kauf genommen hatte, dass ein Arbeitskollege ins Visier der Strafverfolger gerät. Der hagere Mann, der am Mittwoch im Saal des Amtsgerichts Bucheggberg-Wasseramt sass, sagte wenig. Aber er gestand.

Angefangen hatte es 2009, zwei Tage vor Silvester. Bankfilialleiter Samuel B.* war zwischen Weihnacht und Neujahr im Büro. Hier war ihm alles vertraut, hier hatte er die Lehre gemacht, hier war er, der Ehemann und vierfache Familienvater mit tadellosem Leumund, zum Filialleiter aufgestiegen. Es war ein Dienstag, und B. wartete, bis sein Kollege, ein Kundenberater, das Büro verlassen hatte.

Er ging in die Kundenzone und wählte sich in das Terminal ein. Er rief das Konto von Hanna S.* auf. Sie hatte ihr Erspartes der Bank anvertraut, sie kannte B. persönlich. Er erleichterte das Konto an diesem Tag um 15 000 Franken. Den Bezug tätigte er im Namen des Kundenberaters. Die Noten steckte er ein, auf dem ausgedruckten Zahlungsbeleg fälschte er die Unterschrift seiner Kundin. B. ging zurück ins Gemeinschaftsbüro.

Kein Einzelfall

«Es ist umso schlimmer, wenn man als berufsmässiger Vermögensverwalter in die Konten der Kunden eingreift», sagte Staatsanwalt Domenic Fässler vor Gericht. Er beantragte eine Freiheitsstrafe von 20 Monaten bedingt bei einer Probezeit von vier Jahren wegen qualifizierter Veruntreuung und Urkundenfälschung. Dass sich ein Vermögensverwalter an Kundenkonten vergreift, ist kein Einzelfall: Das Bundesgericht behandelte entsprechende Fälle im Sinne der qualifizierten Veruntreuung – und nicht wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. «Die Strafe ist deshalb im oberen Bereich», sagte Fässler.

Es blieb nicht bei dem einen Mal. Acht Mal vergriff sich B. am Konto der Kundin S. und steckte 87 000 Franken in seine Taschen. Auch andere Kunden wurden nicht verschont. Bis im Januar 2014 bezog er 12 Mal illegal Geld. Immer im Namen des Kollegen, jedes Mal fälschte er die Unterschriften. Insgesamt bereicherte er sich mit 156 000 Franken. Das Geld verwendete er laut Anklage für sich und seine Familie und um Schulden abzuzahlen. «Er hatte zwar einen ordentlichen Lohn», sagte Verteidiger Reto Gasser. «Aber es gab familiären Druck, er hatte vier Kinder und eine Frau.» Staatsanwalt Fässler mochte darauf nicht einsteigen: «Der Angeklagte hatte einen Bruttolohn von 9000 Franken, einen 13. Monatslohn, dazu Boni. Er war nicht in Not. Es gibt keinen plausiblen Grund, warum er anfing, sich derart zu bedienen.» Das wirke strafverschärfend.

Kurzer Prozess

Schliesslich kam der Arbeitgeber B. auf die Schliche. Die Beweislast der zwölffachen Veruntreuung war erdrückend. Trotzdem kam der Banker nicht sofort zur Vernunft, sondern gab seine kriminelle Machenschaft vorerst nur in jenem Fall zu, von dem der Arbeitgeber explizit wusste. Erst später gestand er alles. «Weil er sich in der ersten Einvernahme so konsequent geweigert hat, die Wahrheit zu sagen, kann die Staatsanwaltschaft die Hand für den Beschuldigten nicht ins Feuer legen», sagt Fässler. «Hätte man ihn nicht überführt, hätte er wohl weitergemacht.»

Weil B. seine Verfehlung schliesslich doch zugab, kam es zum abgekürzten Verfahren: Einer Art Vereinbarung zwischen der Staatsanwaltschaft und dem geständigen Angeklagten, bei dem hinter verschlossener Tür die Anklageschrift ausgehandelt wird. Es gibt kein Beweisverfahren.

Die Folge ist ein kurzer Gerichtsprozess. Amtsgerichtspräsident Ueli Kölliker fällte sein Urteil denn auch im Sinne der Anklage: 20 Monate Gefängnis bedingt, bei einer Probezeit von vier Jahren. Die Strafe sei relativ hoch, aber aufgrund der kriminellen Energie und der missbrauchten Vertrauensverhältnisse angemessen. «Es soll Ihnen eine Lehre sein», sagte Kölliker. Er wünschte B. «alles Gute im Leben».

Heute ist er arbeitslos

Heute ist B. arbeitslos, lebt von seiner Frau getrennt. Er nimmt Medikamente, geht einmal in der Woche zur Psychiaterin. Zu 50 Prozent ist er arbeitsfähig und hält bei einer Praxisfirma für Stellensuchende sein kaufmännisches Wissen à jour. Die Schadenssumme hat er beglichen – sein ehemaliger Arbeitgeber gewährte ihm eine Hypothek. Ob er jemals wieder als Treuhänder arbeiten wird? B. schwieg dazu. «Mein Mandant wird sich nie mehr an fremdem Geld bedienen», sagte sein Verteidiger.

Namen von der Redaktion geändert