100 Jahre Pro Senectute

Von der Verwendung des «Unworts» Überalterung wird dringend abgeraten

Ida Boos, Geschäftsleiterin Pro Senectute Kanton Solothurn.

Ida Boos, Geschäftsleiterin Pro Senectute Kanton Solothurn.

Die Pro Senectute Kanton Solothurn feiert ihr 100-Jahr-Jubiläum. Geschäftsleiterin Ida Boos erklärt im Interview, wie sich die Organisation gewandelt hat und welche Fragen zur Alterspolitik sie heute umtreiben.

Wenn in der Politik über demografische Entwicklungen gesprochen wird, fällt oft das Wort Überalterung. Was geht Ihnen bei diesem Begriff durch den Kopf?

Ida Boos: Ein Unwort. Ich rate dringend dazu, diesen Begriff nicht zu verwenden, er ist despektierlich gegenüber dem Alter, gegenüber betagten Personen. Eine gewisse Sorgfalt im Umgang mit der Sprache erachte ich als wichtig. Und was die Generation der betagteren Menschen betrifft, sollten wir diese nicht als Last, sondern als Ressource betrachten, die der Gesellschaft etwas bringen kann. Wir kennen bei der Pro Senectute zum Beispiel die Seniorenanstellung. Für eine bescheidene, einheitliche Entschädigung hat uns etwa ein ehemaliger Gymnasiallehrer in der Kommunikationsarbeit unterstützt, ein pensionierter Oberrichter berät unsere Sozialarbeiter in juristischen Fragen.

Als vor 100 Jahren die Stiftung für das Alter gegründet wurde, herrschte grosse Altersarmut. Heute haben wir die AHV und Ergänzungsleistungen, die berufliche Vorsorge, die über 85-Jährigen sind die wohlhabendste Altersgruppe. Ist die Pro Senectute noch zeitgemäss?

Sie hat sich natürlich gewandelt. Zur Zeit der Gründung war die Stiftung für das Alter in der Tat ein Hilfswerk, das primär Mittel an Bedürftige verteilt hat. Heute ist die Pro Senectute eine breit aufgestellte Fach- und Dienstleistungsorganisation für Seniorinnen und Senioren. Der digitale Wandel ist zum Beispiel ein wichtiges Thema für unsere Bildungsangebote: Wie schaffen wir es, dass die ältere Generation hier nicht in einen Graben fällt? Oder wir arbeiten mit der Bewertung der Altersfreundlichkeit in der Alterspolitik mit Gemeinden zusammen.

Tatsächlich stehen aber Fragen der finanziellen Existenzsicherung immer noch im Zentrum Ihrer Beratungstätigkeit. Wie manifestiert sich Altersarmut heute?

Sie ist gegen aussen meist nicht sichtbar. Es stapeln sich Mahnungen zu Hause. Gemeinden kommen auf uns zu, weil jemand die Steuern nicht bezahlt. Es reicht nicht, um die Heizkosten, die Krankenkosten-Selbstbehalte zu bezahlen oder das Futter für das Haustier zu besorgen. Hier hilft die Pro Senectute, mit Finanzhilfen kleine Lücken zu schliessen, die mit den Beiträgen der Sozialversicherungen nicht gedeckt werden können.

In welchem Umfang bewegen sich diese direkten Finanzhilfen?

Im letzten Jahr waren es 384 Fälle, das Volumen der individuellen Finanzhilfen belief sich auf etwa 400'000 Franken. Insgesamt betreuen wir in der Sozialarbeit aber jährlich rund 2500 Kunden. Die drängendste Frage in finanzieller Hinsicht ist ganz klar: Wie kann ich einen allfälligen Heimaufenthalt finanzieren? Es herrscht eine weit verbreitete Angst, wegen Pflegebedürftigkeit zu verarmen.

Wo ist da aus Sicht der Pro Senectute Handlungsbedarf?

Die Gemeinden müssten eine möglichst gute demografische Durchmischung ihrer Wohnbevölkerung anstreben. Dafür braucht es ein bezahlbares Wohnangebot. Ideal wäre es, wenn man Land für Alterswohnungen einzonen würde, die für nicht mehr als 1100 Franken zu mieten sind, das ist der EL-Richtwert für die anrechenbaren Wohnkosten. So würde auch Wohneigentum für kommende Generationen frei. Für die Attraktivität generell wichtig sind weiter ein gutes ÖV-Angebot und für die jungen Familien Plätze in der familienergänzenden Kinderbetreuung.

Sie hatten die Heime angesprochen, wie sieht es da aus?

Selbstverständlich braucht es auch ein ausreichendes Angebot in der stationären Pflege. Wir verfolgen einen ressourcenorientierten Ansatz: Was können die Familiensysteme leisten, stehen Tagesstätten zur Verfügung, was kann die Spitex übernehmen? Es gibt im Kanton Solothurn zwölf Pflegestufen. Wir sind der Meinung, dass in den ersten drei Stufen die Pflege grundsätzlich zu Hause erfolgen kann und erst bei höherer Pflegebedürftigkeit ein Heimaufenthalt ins Auge gefasst werden muss, ausser in speziellen Fällen zum Beispiel bei einer Sucht- oder Verwahrlosungsproblematik.

Das heisst, es sind zu viele Leute im Heim?

Das würde ich nicht pauschal so sagen. Aber es wäre gut, wenn der Kanton und die Gemeinden eine Steuerung übernehmen würden. Kritische Situationen sind immer Spitalaustritte, da heisst es oft raus aus dem Spital und rein ins Heim ohne die erwähnte vertiefte Ressourcenabklärung.

Was verstehen Sie unter Steuerung?

Basel-Stadt hat so ein Modell eingerichtet. Dort gibt es ein Amt für Alterspflege. Keine Person kann in ein Altersheim eintreten, ohne dass sie von diesem Amt abgeklärt wurde. Wir sind bei Pro Senectute der Meinung, dass man im Kanton Solothurn eine Art abgespeckte Variante eines solchen Steuerungsmodells einrichten könnte. Es gäbe dann eine Stelle, die bei Fällen in den ersten drei Pflegestufen verpflichtend eine Abklärung vornehmen würde: Gibt es Angehörige, die eine Person unterstützen können, Nachbarschaftshilfen, Spitex etc. oder ist tatsächlich ein stationärer Heimaufenthalt angezeigt? Wenn ein Heimeintritt nur schon ein Jahr hinausgezögert werden kann, ist es ein Gewinn für alle.

Mutet das nicht etwas sehr dirigistisch an?

Man kann das so betrachten, einverstanden. Aber es würde helfen, dass mehr Leute länger zu Hause leben können. Das war schon immer ein grosses Ziel von Pro Senectute, und es wird angesichts der demografischen Entwicklung noch wichtiger. Kanton und Gemeinden ziehen da in der Alterspolitik mit uns durchaus am gleichen Strick.

Vom Kanton haben Sie ja auch einen Leistungsauftrag, die Koordinationsstelle Alter zu führen. Was beinhaltet dieser Auftrag?

Er ist satt gefüllt mit einer Menge von Projekten. Wir führen zum Beispiel eine Homepage für die Koordinationsstelle, bewerten die Altersfreundlichkeit von Gemeinden, haben eine weitere Plattform «Infosenior», wo man sich über eine Vielzahl von Angeboten für Senioren orientieren, führen den Netzwerkplan Alter und so weiter.

Sie haben wiederholt die Bewertung der Altersfreundlichkeit von Gemeinden erwähnt. Wie funktionert das?

Es ist ein Angebot, die Gemeinden in der Altersarbeit mit einer Fachberatung zu unterstützen. Es gibt eine Checkliste: Sind den Behörden die alterspolitischen Grundlagen bekannt, hat sie eigene Leitsätze definiert, gibt es eigens für Senioren organisierte Anlässe etc. Dann werden auch Befragungen bei den Seniorinnen und Senioren selber durchgeführt: Was schätzen Sie an ihrer Gemeinde, was könnte verbessert werden, gibt es Bushaltestellen mit Sitzgelegenheit, sind Wege und Plätze ausreichend beleuchtet und so weiter. Es gibt einen Bericht zuhanden des Gemeinderates, der aufzeigt, wie altersfreundlich die Seniorinnen und Senioren ihre Gemeinde erleben und wo Handlungsbedarf besteht.

Wie viele Gemeinden haben Sie bereits auf ihre Altersfreundlichkeit hin durchleuchtet?

Diese Bewertungen machen wir erst seit vier Jahren, bis jetzt wurden zwölf Gemeinden bewertet. Zurzeit bearbeiten wir die Altersfreundlichkeit mit Meltingen, Biberist, Matzendorf, Aedermannsdorf, Herbetswil und Kienberg. Es geht immer um ein Paket: Wir erstellen eine Angebotsübersicht, in Form einer Broschüre «Älter werden in der Gemeinde». Die Broschüre verschicken wird mit den Fragebogen zur Altersfreundlichkeit und einer Einladung zu einer Inputveranstaltung im eigenen Dorf. Dort sprechen wir etwa Fragen zu Finanzen und Gesundheit an. Auch ein Vertreter der Kantonspolizei ist jeweils dabei, der über Sicherheit im Alter referiert.

Sie sind seit über 30 Jahren für Pro Senectute tätig. Wie hat sich die Tätigkeit in dieser Zeit gewandelt?

Als ich zu Pro Senectute kam, waren wir immer noch ein Hilfswerk. Heute sind wir eine moderne Nonprofit-Organisation, die zusätzlich zur kostenlosen Altersberatung auch Dienstleistungen verkauft. Was aber interessant ist: Die Anliegen der Seniorinnen und Senioren sind die gleichen geblieben. Wichtig sind Themen wie Finanzen, Einsamkeit, Gesundheit. Die Themen haben sich nicht gewandelt, das Publikum aber schon. Es ist viel anspruchsvoller geworden. Wir sitzen in der Beratung gestandenen, intelligenten und selbstbewussten Menschen gegenüber, das fordert und freut uns als Organisation.

Neben Sozialberatungen bieten Sie eine breite Palette von Freizeitangeboten von Tanz- und Sprachkursen über Gymnastik bis Qigong an. «Verkommt» man da nicht etwas zum Ferienclub?

Es ist schon ein bisschen ein Spagat, den wir zwischen dem Verkauf von Dienstleistungen und der Beratung machen müssen, die als Kernangebot bleibt. Wichtig ist, dass wir uns auf Dienstleistungen konzentrieren, welche die älteren Menschen wirklich brauchen. Neu gibt es dafür ein Resonanzboard mit Mitgliedern des Pro-Senectute-Patronatskomitees.

Autor

Urs Moser

Urs Moser

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