Auf Spurensuche
Von der Toilette bis in die Kanalisation: Die lange Reise unserer Fäkalien

Unsere Geschäfte werden täglich auf der Toilette verrichtet. Die ARA Emmenspitz in Zuchwil reinigt das Abwasser von 40 Berner und Solothurner Gemeinden.

Simon Wyss
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Die lange Reise unserer Fäkalien
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Im Becken findet der physikalische Reinigungsvorgang statt. Der Dreck schwimmt noch an der Oberfläche...
Danach wird das Wasser aus dem Becken ausgeschieden.
Der entwässerte Klärschlamm wird in einer Mulde gelagert. Er enthält nur noch 70 Prozent Wasser.
Die ARA Emmenspitz wird aufgerüstet. Der Ausbau soll ca. 30 Millionen Franken kosten.

Die lange Reise unserer Fäkalien

Hanspeter Bärtschi

Täglich verrichten wir unsere Geschäfte auf der Toilette. Danach drücken wir einfach einen Knopf, Wasser strömt aus dem Spülkasten und die Masse wird hinuntergeschwemmt. Vollendet ist der Stuhlgang für uns. Was aber passiert danach? Eine Spurensuche.

Als Erstes spült das Wasser unsere Fäkalien aus den Kanalisationsleitungen unserer Häuser in diejenigen der Gemeinden. Dort kommt unser Abwasser mit jenem anderer Einwohner zusammen und fliesst weiter in die Leitungen der jeweiligen Abwasserreinigungsanlagen. Unterwegs durchläuft das Dreckwasser je nach Gelände eines oder mehrere Pumpwerke.

Die ARA Emmenspitz in Zuchwil reinigt das Wasser von 40 Gemeinden aus den Bezirken Solothurn, Bucheggberg, dem Wasseramt, dem Leberberg und der bernischen Nachbarschaft. Das Kanalnetz des Zweckverbands Abwasserregion Solothurn-Emme (ZASE) umfasst gesamthaft etwa 100 Kilometer. Sechs Mitarbeiter überwachen den Betrieb der Maschinen. Zudem müssen alle fünf Tage die Grenzwerte des gesäuberten Wassers kontrolliert und abgegeben werden. Natürlich gibt es bei Gewittern viel Wasser. Manchmal muss das Personal ausrücken, wenn eine Pumpe verstopft ist. Gearbeitet wird nur im Tagesbetrieb, während der Nacht gibt es ein Piketttelefon.

Wie viel Wasser den Kläranlagen zugeführt wird, ist unterschiedlich. Bei trockenem Wetter sind die Mengen weniger gross als bei Regenfällen. Denn dann schwillt die Menge an. Schneckenpumpen befördern das Wasser hoch zu einem Stufenrechen. Es gäbe auch andere Pumpsysteme. Das Schneckensystem habe sich aber bewährt, hält Markus Juchli, Technischer Leiter des Zweckverbands Abwasserregion Solothurn-Emme, fest. «Ein Vorteil des Schneckensystems ist der geringe Energieverbrauch». 500 bis 600 Liter durchfliessen den Rechen pro Sekunde. Dieser filtert die ersten Partikel aus dem verunreinigten Wasser. Natürlich bleibt weit mehr Material darin hängen als nur Toilettenpapier. In einem Glaskasten über dem Rechen sind verschiedenste Gegenstände ausgestellt, die sich im Abwasser befanden. Darunter zum Beispiel ein Strumpf, ein Kondom, eine Zahnpastatube, Unterwäsche und eine Binde. Auch Essensresten sind keine Seltenheit. «Speiseresten gehören in den Kompost und nicht ins Abwasser», unterstreicht Juchli. Die Feststoffe seien störend. Würde man diese nicht entfernen, könnte dies zu Störungen und Verstopfungen der Reinigungsanlagen führen. Das gelte auch für Speiseöl, betont der Chemiker. Das ist der erste Teil der Abwasserreinigung.

Danach schwemmt das Wasser durch den sogenannten Sandfang. Dabei wird es auf zwei Wasserstrassen aufgeteilt. Von unten wird Druckluft eingeblasen, damit nur Sand und die Steine auf den Boden sinken und aus dem Wasser separiert werden können. Dies nennt man den physikalischen Klärungsvorgang. Der Sand, der aus dem Dreckwasser gefiltert wurde, wird in einer Mulde gelagert und danach abtransportiert. Danach folgt die sogenannte Vorklärung. Das Wasser wird weiterbefördert in zwei kreisrunde Becken. Beide fassen je 2740 Kubikmeter Wasser. Die festen Verunreinigungen sinken zu Boden oder schwimmen auf der Oberfläche und können via Schnecken ausgetragen werden. Schätzungsweise können mit der Vorklärstufe rund 30 Prozent der organischen Stoffe entfernt werden. Durch das Einblasen von Druckluft sinken die schweren Schmutzstoffe auf den Boden. Die physikalische Klärungsstufe ist nun vollumfänglich durchlaufen.

Zum jetzigen Zeitpunkt enthält die immer noch trübe Flüssigkeit keine Feststoffe mehr. Dass das Abwasser bereits einige Reinigungsvorgänge durchlaufen hat, erkennt man auch am Geruch: Es stinkt weniger als noch beim Rechen.

Als Nächstes folgt die zweite, die biologische Klärstufe. Dem mechanisch gereinigten Wasser wird nun Klärschlamm beigemischt. Eine ziemlich dicke, braune, unappetitliche Brühe entsteht. Im Klärschlamm befinden sich kleine Bakterien und Lebewesen, die den Dreck aus dem Wasser fressen und sich dabei vermehren. Es entsteht zusätzlicher Klärschlamm. Damit Lebewesen genügend Sauerstoff haben, wird auch bei diesem Verfahren Druckluft hineingeblasen. Dieser Teil des Vorgangs beansprucht am meisten Energie.

In einem anderen, kreisrunden Becken erfolgt als Nächstes die chemische Klärstufe. Der Abwasser-Klärschlammmasse wird dabei ein Phosphatfällmittel beigemischt, um das Phosphat aus dem Wasser zu fällen. Im Nachklärbecken wird der Klärschlamm vom nun gereinigten Wasser getrennt. Im Nachklärungsverfahren wird ein Teil des ausgeschiedenen Klärschlamms in die Biologie zurückgeführt. Den Rest verbrennt die benachbarte Kebag. Früher hat man den Klärschlamm in die Landwirtschaft zurückgeführt. Dies wurde aber 2005 verboten, da sich Schwermetall in der braunen Masse befand. Der Schlamm wird anschliessend entwässert. Nach diesem Verfahren enthält der nur noch 70 Prozent Wasser und kann verbrannt werden. Das gereinigte Abwasser fliesst anschliessend in die Aare. Man könnte es trinken, meint Juchli. Er selber würde es aber nicht tun. «Das ist auch immer eine Frage der Psychologie», erklärt er. «Man stirbt aber nicht daran.» Zu 95 Prozent ist das Wasser nun gereinigt. Fest steht aber, dass es nie mehr so sauber sein wird wie zuvor, als es zu Hause aus dem Wasserhahn floss.

Künftig soll dem ganzen Prozess noch ein vierter Teilschritt hinzugefügt werden. Wie dieser funktionieren wird, ist noch nicht klar. Mehrere Varianten stehen zur Diskussion. Bei einem Verfahren würde dem Abwasser Aktivkohle beigemischt. «Aktivkohle hat die Eigenschaft, dass sie Mikroverunreinigungen an sich bindet», erklärt Juchli. Die Kohle würde danach abgefiltert und entsorgt. Die zweite Variante sieht die Beimischung von Ozon vor, das die Mikroverunreinigungen umwandelt. Kläranlagen im Raum Zürich und in Lausanne unternehmen bereits Versuche. Sicher ist, dass die Abwasserreinigung teurer wird.

Auch zur Phosphorrückgewinnung hat Juchli ein Projekt im Köcher. Eine allfällige Auflage des Bundes dürfte ab 2016 in Kraft treten und innerhalb von fünf Jahren umgesetzt werden. Vor der Verbrennung des Klärschlamms ist es schwierig, den Phosphor zu trennen. Nach der Verbrennung ist es einfacher, Phosphor aus der Asche zu filtern. Im neuen Verfahren müsste man den Klärschlamm separat verbrennen. Bisher wird er einfach mit dem Abfall verbrannt. Der geplante neue Ofen wird laut Schätzungen von Juchli zirka 30 Millionen Franken kosten.