Am Tag, an dem Roland Kaufmann in Solothurn seine Geschichte erzählt, erhält im Staatsarchiv Solothurn der Historiker Stefan Frech exakt seinen 100. Fall, alleine in diesem Jahr, auf den Tisch. Frech hilft Betroffenen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen wie beispielsweise Verdingkindern oder administrativ Versorgten, wenn sie mehr über ihre eigene Geschichte erfahren möchten. Er versucht, die Akten zu finden, die noch erhalten sind. Für viele Betroffene ist dies nicht nur wichtig, weil sie mehr über ihre Vergangenheit erfahren: Erst die Akten liefern die notwendigen Dokumente, die zeigen, wer als Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen Anspruch auf eine Entschädigung vom Bund hat.

Einfach ist die Suche längst nicht immer, denn zuerst einmal muss Frech herausfinden, wo es überhaupt noch Akten über Betroffene gibt. Der Historiker kontaktiert Heime sowie Einwohner- und Bürgergemeinden. Diese waren meist für die Fremdplatzierungen verantwortlich. Mal kommt aus den Gemeinden rasch eine Antwort, mal wartet Frech Monate, mal gibt es gar keine Akten mehr. Oft seien in den Gemeinden die Vormundschaftsakten nicht mehr vorhanden, aber noch die Protokolle der Vormundschaftsbehörden, so Frech. «Es war überraschend, wie viele Gemeinden überhaupt noch über Unterlagen verfügen.»

Auch im Staatsarchiv selbst lagern viele Akten, die bei der Suche weiterhelfen, etwa Dossiers des Armenwesens oder der Jugendanwaltschaft sowie die Akten der Oberämter, die die Pflegekinderaufsicht innehatten. «In den letzten Jahren hat das Staatsarchiv grosse Anstrengungen unternommen, um die Bestände besser zu erschliessen», so Frech. Heute sind rund 40'000 Namen in Listen erfasst. «In 90 Prozent der Anfragen finden wir etwas.» Nicht zuletzt liegt es an der sorgfältigen, langfristig ausgerichteten Arbeit der Archivare, dass Betroffenen heute noch zu ihrem Recht verholfen werden kann.

Seit 2013 haben sich beim Staatsarchiv 263 Betroffene fürsorgerischer Zwangsmassnahmen gemeldet; in anderen Kantonen wie etwa Bern waren es viel mehr. «Es geht den allermeisten darum, umfassend über ihre Vergangenheit dokumentiert zu sein», so Frech. «Die Betroffenen sind sehr dankbar», weiss er aus zahlreichen Gesprächen. Frech hatte Fälle, in denen Verdingkinder die Namen ihrer Eltern zuvor nicht gekannt hatten oder erst durch die Akten von Geschwistern erfuhren. Frech hat aber auch Betroffene erlebt, die mit Aussagen konfrontiert wurden, die nicht einfach zu verarbeiten sind; etwa wenn in den Akten steht, dass ihre Mutter sie gar nicht wollte. «Das tut weh», sagt Frech. Er ergänzt aber, dass man von den Akten – sie geben meist nur die Sicht der Behörden wieder – keine vollständige oder objektive Wahrheit erwarten dürfe. Die Inhalte seien stark von den damaligen Moralvorstellungen geprägt.

Bevor die Dossiers für die Betroffenen kopiert werden, arbeitet sie Frech durch. Manchmal müssen Passagen geschwärzt werden. Denn über Drittpersonen und deren Schicksal dürfen nicht in jedem Fall Informationen weitergegeben werden.

«Enge soziale Kontrolle»

Aufgearbeitet ist die Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen im Kanton Solothurn nicht, aber Frech hat nach der Sichtung Dutzender Dossiers einen Einblick erhalten. Er las von Jugendlichen, die nach einem geringfügigen Diebstahl auf unbestimmte Zeit in Erziehungsheime gesteckt wurden, von Erwachsenen, die in der Anstalt «Schachen» in Deitingen versorgt wurden, und er las von Kindern, die bei Bauern als billige Arbeitskräfte platziert und sexuell missbraucht wurden.

Als Gründe für Fremdplatzierungen begegneten Frech immer wieder Armut und Scheidungen. Damit verbunden waren rigorose moralische Vorstellungen und Rollenbilder, wogegen sich schliesslich die 68er-Bewegung auflehnte. «Es gab auch in der Stadt eine enge soziale Kontrolle», so Frech. Verheirateten Frauen wurde schnell Unfähigkeit vorgeworfen, wenn sie ihre Rolle als Ehefrau, Mutter und Hausfrau nicht entsprechend der gesellschaftlichen Norm wahrnahmen. Unter besonderer Beobachtung standen auch junge, unverheiratete Frauen, wenn sie einen Freund hatten oder gar ein Kind bekamen. «Sie wurden als liederlich bezeichnet und stigmatisiert. Im Zweifelsfall wurde ihnen das Kind weggenommen.»

Gleichzeitig warnt der Historiker, vorschnell über die damaligen Behörden zu urteilen. «Es gab zahlreiche Fälle, da würde man die Kinder zu ihrem eigenen Schutz auch heute noch aus den Familien nehmen», erzählt er von Fällen sexuellen Missbrauchs, häuslicher Gewalt oder Alkoholismus. «Eine andere Frage ist, ob die Kinder dann gut behandelt wurden», so der Historiker. «Die Pflegekinderaufsicht war rudimentär.» Aufgefallen ist Frech, dass finanzielle Fragen für die Gemeinden oft zentral waren. «Kinder aus armen Familien wurden fremdplatziert, um die Sozialhilfekosten zu minimieren.» Die teils sehr kleinen Gemeinden waren gesetzlich verpflichtet, ihre armen Bürger finanziell zu unterstützen.

Wenn die Gemeinden Kinder fremdplatzieren mussten, dann griffen sie nicht zuletzt auch auf die Hilfe von Institutionen wie dem Seraphischen Liebeswerk zurück. Letztere hatten ein Netzwerk, beteiligten sich finanziell und konnten Kinder an Einrichtungen in der ganzen Schweiz oder zur Adoption vermitteln. Gerade das Seraphische Liebeswerk in Solothurn nahm dabei eine führende Rolle in der katholischen Schweiz ein; ein Kapitel, das noch nicht aufgearbeitet ist.