Der Kult um die Katakombenheiligen nahm im 17. Jahrhundert grössere Dimensionen an. Zwar gab es die Verehrung von Reliquien in der katholischen Kirche schon lange. Aber anstatt der bisherigen kleinen Knochensplitter beschafften sich die Klöster und Pfarreien nun ganze Skelette. In den Katakomben, den unterirdischen Begräbnisstätten von Rom, hatte man die sterblichen Überreste von unzähligen frühchristlichen Menschen gefunden. Damals war man ganz einfach überzeugt, sie alle hätten um des Glaubens willen das Martyrium erlitten und seien folglich Heilige. Schweizergardisten oder gut betuchte Rom-Pilger brachten dann solche Gerippe in die katholische Eidgenossenschaft, wo man die Gebeine wieder zusammensetzte, in prächtige Stoffe kleidete und in einem Glassarg, meist im Seitenaltar, aufstellte. Insgesamt wurden im Kanton Solothurn elf solche «heiligen» Leiber aus der Ewigen Stadt verehrt.

Die Katakombenheiligen sind inzwischen fast alle verschwunden. Nach dem Konzil stellte man den Heiligen Theodor in Olten oder Clara und Candidus aus dem Kloster Namen Jesu samt ihren Glassärgen in einem Estrich ab, oder mauerte ihre Reliquien, wie diejenige des heiligen Felix in Erlinsbach, in den Altarblock ein. Der heilige Anastasius der Franziskanerkirche in Solothurn gelangte nach der Aufhebung des Klosters gar in die Innerschweiz. Der einzige Katakombenheilige im Kanton Solothurn, der sich noch an seinem ursprünglichen Ort befindet, ist der heilige Placidus in der Klosterkirche in Mariastein.

Die Katakombenheiligen waren typisch für das Barockzeitalter. Ihre Körperlichkeit und ihre reiche Ausstattung passten hervorragend zur sinnes-freudigen, überschwänglichen Schaufrömmigkeit des Barock. Instand gesetzt und schön hergerichtet wurden die Gebeine der Heiligen in aller Regel von Klosterfrauen. Sie waren geübt im Herstellen von sogenannten «Klosterarbeiten», kunstvollen Stickereien und Zierrat aus Schmucksteinen oder Pailletten.

Das Wissen um die Anatomie, aber auch wie man die Skelettteile richtig zusammensetzt und in der gewünschten Lage fixiert, mussten sich die Schwestern erst aneignen. Deshalb existiert heute noch im Archiv des Solothurner Klosters Namen Jesu eine detaillierte schriftliche Anleitung. Aus dem 18. Jahrhundert gibt es ebenfalls eine Rechnung mit allen Zutaten und Bestandteilen, um einen Katakombenheiligen einzufassen. Dies erlaubt einen Blick zurück in die damalige Werkstatt der Nonnen.

Der Schädel und die einzelnen Knochen des Heiligen wurden mit feinem Gaze-Stoff und Silberfäden umwunden. Als Grundgerüst diente das Rückgrat. Die Rückenwirbel wurden «nach der Ordnung wie ein Rosenkrantz» mit Wachs aneinandergeklebt und in eine schmale hölzerne Rinne eingebettet. Diese Holzrinne schraubte man einerseits an die Rückwand des Sarkophags, andererseits fixierte man die Hüftknochen und Rippen daran.

Eine historische Skizze aus einer Gebrauchsanleitung zur Restaurierung von Katakombenheiligen, wie sie im Kloster Namen Jesu verwendet wurde.

Eine historische Skizze aus einer Gebrauchsanleitung zur Restaurierung von Katakombenheiligen, wie sie im Kloster Namen Jesu verwendet wurde.

Anschliessend befestigte man die Bein- und Armknochen mit Draht an dieses Gestell. Die Füsse mit ihren vielen Knöchelchen erforderten besonderes Geschick. Es heisst: «Die füess sambt den Zächen werden auf ein dinnes brätlein von holz wie auf schuechsohlen mit khleinen drath gehefftet, dise aber [d.h. wiederum] an die schinbain».

Da diese Skelette selten unversehrt waren, mussten Knochenstücke verstärkt und verleimt werden. Falls einzelne Glieder beschädigt waren, verstärkte man die hohlen Knochen mit einem Holzstift und leimte sie zusammen: «Wann ein glid durch die marter oder das alterthumb zerbrochen, so hilffet man mit eingeschobenen höltzlein, da hiemit ein theil an den anderen geleimet wird».

Für den Fall, dass ganze Teile fehlten, liess man sie durch einen Holzschnitzer kopieren. Da man aber die frommen Kirchgänger nicht einfach ein Holzstück verehren lassen wollte, sammelte man allfällige Knochensplitter des Heiligen und klebte sie auf die Kopien: «Ist ein glid nit vorhanden, so lasst man es von einem bildhauer machen; damit aber das theil seine verehrung verdiene, bestreicht man es mit leym, und weilen diser noch warm, streüet man die von denen heüllige gebainen herabfallende aschen darauf».

Der heilige Placidus in der Klosterkirche Mariastein. Der einzige Katakombenheilige, den es im Kanton Solothurn noch zu bestaunen gibt.Foto: Patrik Lüthy

Der heilige Placidus in der Klosterkirche Mariastein. Der einzige Katakombenheilige, den es im Kanton Solothurn noch zu bestaunen gibt.Foto: Patrik Lüthy

Der so hergerichtete Heilige erhielt einen feuervergoldeten Heiligenschein und einen mit weissen Schmucksteinen besetzten Lorbeerkranz. Als Zeichen seines Martyriums wurden ihm ein Palmzweig aus grün bemaltem Silber und ein Schwert mit feuervergoldetem Griff beigegeben. Candidus ruhte beispielsweise auf einem roten, goldverbrämten Polster und war als römischer Legionär gekleidet.

Die Schwestern des Klosters Namen Jesu vergaben noch andere Arbeiten ausser Haus. Auch der Degenschmied erhielt Aufträge von den Klosterfrauen. So fertigte er für 25 Gulden nicht nur das Schwert des Katakombenheiligen an, sondern auch die Attribute wie Palmzweig und den Heiligenschein aus Metall. Etwas speziell ist, dass er einen weiteren Gulden und 5 Batzen verdiente für «das berügli», den Kopfschmuck. Insgesamt betrugen die Kosten für das Fassen und Ausstatten des heiligen Körpers über 200 Gulden. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass die Kapuzinerinnen das Geld dafür aus ihrem privaten Vermögen spendeten, obwohl sie doch eigentlich über keinen eigenen Besitz verfügen durften.

Dieser Text basiert auf einem Buch, das bald im Knapp Verlag Olten erscheint: Urs Amacher: Heilige Körper. Die elf Katakombenheiligen des Kantons Solothurn.