Auf einen Kaffee mit...
Vom Schreiner zum Psychologen: Peter Hofmann begleitet Menschen nach Burnout zurück ins Berufsleben

Auf einen Kaffee mit . . . Peter Hofmann. Er ist Geschäftsführer der Stiftung WQ, welche Menschen aus der Holzbranche nach Unfällen oder Burnout wieder in die Arbeitswelt eingliedert

Lara Enggist
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Peter Hofmann (59) fasziniert, wie sich seine Schüler in einem Jahr entwickeln.

Peter Hofmann (59) fasziniert, wie sich seine Schüler in einem Jahr entwickeln.

Hanspeter Bärtschi

Peter Hofmann sitzt in seinem Büro der «Stiftung WQ Solothurn». Seit 24 Jahren ist er Geschäftsführer, Schulleiter und Dozent und begleitet Menschen bei ihrem Wiedereinstieg ins Berufsleben. «Am meisten fasziniert mich bei meiner Arbeit, dass ich Menschen während einer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen kann», sagt Hofmann. Dass die Institution auf die individuellen Lebensgeschichten und Bedürfnisse der Schüler eingeht, ist aus seiner Sicht einer der Gründe, warum das Konzept der Stiftung funktioniert.

25 Jahre «Stiftung WQ» nach dem Motto: «Vom Fall zum Macher»

Mit der Vision, Schreiner nach einem Unfall oder einer Krankheit wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern, gründete der Schreinermeisterverband Solothurn 1993 die «Stiftung Schreinerschule». Peter Hofmann kam 1994 zur Stiftung und hatte die Aufgabe, ein Wiedereinführungskonzept zu erarbeiten. Heute finanziert die Invalidenversicherung (IV) die Umschulung der IV-Bezüger, welche nach der Schule nicht mehr auf Versicherungsgelder angewiesen sind. So werden Handwerker aus der Holzbranche zu Informatikern, Sachbearbeitern oder Projektleitern ausgebildet.

Die Schule bietet inzwischen 50 Personen Weiterbildungsplätze an. Die Vollzeitausbildung dauert eineinhalb Jahre. Darauf folgen einige Monate begleitete Betriebspraktiken. Über 80 Prozent lassen sich aufgrund einer Krankheit umschulen – hauptsächlich Verschleisserscheinungen, welche laut Hofmann in handwerklichen Berufen oft schon nach 10 bis 15 Berufsjahren eintreten können.

Ein Unfall, die Abnutzung der Gelenke oder ein Burnout: es sind unterschiedliche Gründe, warum Menschen ihren Beruf in der Holzbranche nicht mehr ausüben können. Die Folgen sind aber für viele dieselben. Sie fallen aus dem Arbeitsmarkt, sind plötzlich auf Gelder der Invalidenversicherung angewiesen, verlieren dabei oft ihr soziales Umfeld und nicht selten ihren Lebensmut. «Für viele fällt eine Welt zusammen, wenn der Arzt sagt, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben können.» Der Stiftung gehe es nicht nur um eine Umschulung. «Wir versuchen, soziale Aspekte einzubeziehen, und zwischen Ämtern, Sozialversicherungen und den Arbeitnehmern zu vermitteln», sagt Hofmann.

Wenn Einsicht nicht ausreicht

Auch wenn die Wiedereinführungsquote nach der Ausbildung bei 90 Prozent liegt, alle Lebensumstände «wieder hinbiegen» kann auch die Stiftung nicht. Auf die Frage, was in seinen 24 Jahren bei der Stiftung die grössten Herausforderungen waren, wird sein Gesichtsausdruck nachdenklich. «Wenn Suchtproblematiken ins Spiel kommen.» Strahlte Peter Hofmann vor wenigen Sekunden noch die Zuversicht aus, dass nichts unmöglich ist, scheint er bei diesem Thema innerlich an eine Mauer zu stossen.

«Wenn ich miterleben muss, wie Menschen an einem bestimmten Punkt die Kontrolle über sich selbst verlieren – das ist auch für mich nicht einfach.» Meist seien das sehr motivierte Menschen, welche sich um die Konsequenzen eines Rückfalls bewusst sind. Man baue über Monate etwas auf, «diese Leute machen oft gute Fortschritte und erreichen ihre Ziele». Und dann – im entscheidenden Moment – seien sie ihrer Sucht machtlos ausgeliefert. «Und alles ist wieder kaputt», sagt er und blickt aus dem Fenster. Er sei ein Realist und habe in all den Jahren Erfahrungen im Umgang mit Menschen gesammelt. «Aber das alles reicht manchmal einfach nicht aus, um Menschen in solchen Situationen zu unterstützen.»

Der psychologische Aspekt werde bei seiner Arbeit immer wichtiger. Einerseits hat Hofmann zufolge die Anzahl der Menschen mit Burnout an der Schule zugenommen. Anderseits beobachte er, dass heute oft psychische Probleme als Randerscheinung parallel zu Unfällen und Krankheiten auftreten. «Ein gesellschaftliches Problem, das sich eins zu eins auf unsere Schule auswirkt. Mehr Menschen brauchen mehr Unterstützung.» Diese Entwicklung hat den gelernten Möbelschreiner, Innenausbauzeichner und Innenarchitekten vor einigen Jahren dazu bewogen, ein Nachdiplom in angewandter Psychologie zu absolvieren.

Vom Produkt zum Mensch

Doch wie kommt ein Handwerker überhaupt auf die Idee, ein Wiederqualifizierungskonzept für eine Stiftung zu erarbeiten? Nach den Ausbildungsjahren sei er als Designer bei der Beleuchtungsfirma «Optelma AG» in Attiswil tätig gewesen. «Nach 10 Jahren war ich ausgebrannt und ich hatte die Leidenschaft für Massenartikel verloren», erinnert er sich. Als er das Inserat des Stiftungsrates entdeckte, welcher zwar eine Vision, aber noch kein konkretes Konzept hatte, meldete er sich bei der Stiftung.

«Ich habe mir sofort gedacht: Da habe ich wieder neue Gestaltungsmöglichkeiten.» Obwohl es um Menschen gehe und nicht um Produkte, sei die Struktur eines Entwicklungsprozesses erstaunlich ähnlich. Nach einem halben Jahr bei der Stiftung habe er schliesslich mit zwei Schülern begonnen, welche er noch eigenständig unterrichtet und betreut habe. Inzwischen bietet die Schule Platz für 50 Personen.

Peter Hofmann hat noch ein ganz bestimmtes Ziel, welches er vor der Pensionierung 2024 erreichen will: «Das Modell unserer Stiftung soll sich auf andere Branchen ausbreiten.» Mindestens beraten und mitwirken wolle er dabei, bevor er sich zur Ruhe setzt. Hat man nach all den Jahren überhaupt noch die Energie dafür, noch einmal eine Schule auf die Beine zu stellen? Das Konzept sei ja bereits erarbeitet, man müsse es «nur» noch anpassen. «Und solange mich meine Arbeit bewegt und ich etwas bewegen kann, so lange mache ich das hier.»