Gastkolumne

Vom Holzschlag und einem feucht-kühlen Sommer

Bei dem schönen Wetter werden Wälder in Coronazeiten immer öfter aufgesucht.

Bei dem schönen Wetter werden Wälder in Coronazeiten immer öfter aufgesucht.

Ein Spaziergang im Wald: Eines der wenigen Vergnügen, das wir uns in diesen Wochen ausserhalb der eigenen vier Wände noch gönnen können. Tatsächlich sind sehr viele Menschen unterwegs. Manche Waldwege, gerade jene entlang des Sonnenscheins, sind stark frequentiert.

Man sieht Gesichter, die man als regelmässiger Waldgänger noch nie gesehen hat. Das ist erfreulich, vor allem auch die grosse Zahl an Familien. Bleibt zu hoffen, dass den Kindern diese Waldgänge in guter Erinnerung bleiben werden. Denn der Wald ist längst nicht mehr der grosse Spielplatz für die Kids, wie er es noch in unserer Jugend gewesen ist. Die strenge Fünftagewoche in der Schule mit Unterricht bis spätnachmittags sowie die durchgetaktete Freizeit lassen kaum mehr Raum für Abenteuerspiele im Wald, die ich als Primarschüler so geliebt habe – natürlich möglichst weit weg von den elterlichen Augen!

Meine Beobachtungen sowie Gespräche mit Förstern zeigen auf, dass sich die meisten Menschen auf ihren Waldgängen vorbildlich verhalten. Doch es gibt auch jene Waldbenützerinnen und Waldbenützer, die meinen, sich mehr Rechte herausnehmen zu dürfen als der grosse Rest ihrer Mitmenschen. Solches Geschehen ist mir leider nicht fremd. Die ihren SUV samt Hundekasten auf den Waldwegen weit hinter den Fahrverbotssignalen parkieren. Die mit dem Mountain-Bike quer durch den Wald fahren. Die ihre Hunde trotz Leinenpflicht (gilt übrigens wieder seit 1. April) frei laufen lassen. Und dann macht sich der Fifi trotz aller Beteuerungen («Nein, er jagt nie, er ist wirklich ein ganz Lieber») auf ins Dickicht. Im Grenchner Wald war ich selbst Augenzeuge, wie ein Hund mit lautem Gebell zwei hochflüchtige Rehe vor sich hergetrieben hat.

Mehr Menschen bedeutet auch mehr Beobachter, was die Bürgergemeinden und privaten Waldeigentümer mit ihrem Wald machen. Man sieht die Holzschläge, die seit rund einem Jahr fast nur einem Zweck dienen, nämlich der Sicherheit der Waldgänger. Entlang von Strassen, vielbegangenen Wegen, Vita-Parcours, Spielplätzen und anderem mehr müssen die Bäume entfernt werden, die unter Krankheiten oder unter den Folgen der trockenen Sommer zu leiden haben. Zugegeben: Es sieht nicht «schön» aus, wenn Forstarbeiten durchgeführt werden. Aber es geht zu weit, wenn Menschen mit irgendwelchen Berufen sich anmassen, zu Waldspezialisten und besseren Förstern zu werden als jene, die es wirklich gelernt und studiert haben. Es geht auch definitiv zu weit, wenn sich das Forstpersonal bei seiner Arbeit beschimpfen lassen muss. Holzschläge waren schon immer sichtbar. Die jungen Forstwarte können nichts dafür, dass ein Holzschlag, welcher früher mehrere Monate dauerte, mit der heutigen Mechanisierung in ein paar Tagen erledigt ist und entsprechend wahrgenommen wird.

Der Wald ist nie ein bleibender Zustand. Wo es heute wegen der Holzschläge «wüst» aussieht, entsteht neues Leben. Die Arbeit der Försterinnen und Förster hat Langzeitwirkung. Ihr Schaffen können dereinst nur ihre Enkel beurteilen. Aber auch erst dann, wenn die Grosskinder selber schon alt sein werden… Die vergangenen Sommer hatten zu wenig Regen. Schönes Wetter ist toll in der Freizeit. Ich mag es auch, bei Sonnenschein eine Tour zu machen mit dem Mountain-Bike. Für den Wald ist monatelanger blauer Himmel aber gar nicht förderlich. Bereits jetzt ist es auch wieder viel zu trocken. Deshalb wünsche ich mir einen feucht-kühlen Sommer. Meist gibt es verständnisloses Kopfschütteln, wenn ich dies sage. Aber ich bleibe dabei: Das Wetter ist in erster Linie nicht für das Freizeitvergnügen gemacht, für das Cabriofahren und das Grillieren, sondern für die Natur.

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