Amtsgericht
Vom Drogendealer zum App-Entwickler: Knast passt ihm nicht in die Karriereplanung

Eine Haftstrafe wäre das Ende seiner neuen Firma, befürchtete der frühere Drogendealer vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt.

Fabio Vonarburg
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Der Drogendealer wurde selbst abhängig. (Symbolbild)

Der Drogendealer wurde selbst abhängig. (Symbolbild)

KEYSTONE/MARTIN RUETSCHI

«Ich mache es kurz und knackig», versprach der 26-Jährige, als die Richter ihn um ein letztes Statement baten. Sein «kurz und knackig» glich letztlich eher einem weiteren Plädoyer als einem Schlusssatz. Mehrmals wähnte sich der Zuhörer am Ende, als der Beschuldigte Luft holte und doch noch etwas zu sagen hatte. «Es war ein Fehler. Kein kleiner und kein kurzer», gestand er und appellierte an die drei Richter des Amtsgerichts Bucheggberg-Wasseramt: «Wenn ich jetzt in den Knast muss, wären die letzten zwei Jahre für nichts. Ich würde alle meine Kunden verlieren.» Er habe jetzt ein neues Leben. Sein Altes wolle er hinter sich lassen. Es vergessen.

In seinem alten Leben war er ein Drogendealer. Sechs Jahre lang handelte er mit Marihuana, Kokain und Amphetamin. Er führte den Stoff teils auch aus Barcelona und Rotterdam ein oder stellte ihn selber her. Rund 12 Personen aus dem Raum Solothurn zählte er zu seinen Stammkunden. Vom Dealen lebte er gut – bis er immer mehr zu seinem besten Kunden wurde.

Vom Drogendealer zum CEO

In seinem neuen Leben sei er clean («Ich habe viele Leute mit meinen Drogen kaputt gemacht»), habe er endlich wieder eine Freundin («Echt schön, dass das Menschliche, die Liebe wieder da ist») und stehe auf eigenen Beinen («Es ist besser, dass ich nichts mehr vom RAV bekomme. Ich will mir ein Firmenimperium aufbauen»).

Im Sommer 2016 hat er ein Unternehmen gegründet. Seither heisse es: «Chrampfe, chrampfe, chrampfe». Der Jungunternehmer programmiert unter anderem Apps auf Kundenwunsch. Gerichtspräsident Ueli Kölliker: «Können Sie das?» – «Warum nicht?», stellte der Beschuldigte die Gegenfrage. «Ich bin sehr interessiert, bringe mir alles selber bei.»

Auf das wiederholte Nachhaken durch den Gerichtspräsidenten zeigte sich: Der Jungunternehmer weiss nicht, wie viel Umsatz sein Unternehmen macht («Ich habe es nicht so mit den Zahlen. Darum kümmert sich ein Mitarbeiter») und zahlt sich selber nur einen kleinen Lohn aus – maximal 1500 Franken im Monat («Ich brauche nicht viel zum Leben. Viel wichtiger ist, dass das Unternehmen läuft»).

Ist seine Firma ein Luftschloss?

«Ich frage mich, ob die Firma längerfristig Bestand haben wird», sagte Staatsanwältin Mélanie Wasem, «oder ob dies eines seiner Luftschlösser ist, wo er drin wohnt.» Der Beschuldigte habe heute erzählt, dass er ein Firmenimperium aufbauen wolle. «Mit einer Firma, die ihren Sitz bei seinen Eltern hat», sagte sie mit einem sarkastischen Tonfall.

Ihre Meinung: Eine Haftstrafe würde sein Unternehmen nicht schwer torpedieren. Und so forderte sie 54 Monate unbedingt. Ein Strafmass, das sie unter anderem mit der hohen Rückfallgefahr begründete.

«Auf gut Deutsch – Sie sind mit 800 Gramm Kokain kein kleiner Fisch.» In diesen Worten erklärte Gerichtspräsident Kölliker dem Beschuldigten das noch nicht rechtskräftige Urteil – eine unbedingte Freiheitsstrafe von 34 Monaten. Doch das Gericht möchte dem Jungunternehmer einen Ausweg offen lassen. Die Freiheitsstrafe wird aufgeschoben, falls er sich in eine ambulante Behandlung begibt. «Ihr Drogenproblem muss behandelt werden. Und da bislang bei Ihnen dazu keine grosse Bereitschaft zu spüren war, bieten wir einen Anreiz.»

Zudem muss der Jungunternehmer eine Strafe von 20 Tagessätzen an 30 Franken zahlen. Die Kosten für seinen Pflichtverteidiger übernimmt vorerst der Staat, der den Betrag aber zurückfordern kann, sobald sich seine wirtschaftliche Situation verbessert hat. «Das wird ja sicher schnell gehen, wenn Ihr Unternehmen gut läuft», sagte Kölliker abschliessend, worauf
26-Jährige erwiderte: «Ab dem nächsten Jahr.»