Volksschule
Klarheit für Eltern im Massnahmen-Dschungel: Ein Solothurner Projekt leistete dazu einen Beitrag

Generelle Schulschliessungen werden in der Schweiz nach eineinhalb Jahren Pandemie kaum mehr öffentlich diskutiert. In den vergangenen Monaten lernten Behörden und Schulen immer mehr über den Umgang mit dem Coronavirus im Alltag. Das Projekt «Sentinel Netzwerk Schulen» aus dem Kanton Solothurn leistete dazu einen Beitrag.

Rebekka Balzarini Jetzt kommentieren
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Mittlerweile werden in der ganzen Schweiz Kinder im Primarschulalter auf Covid-19 getestet. Hier eine Testaktion in Mellingen im Kanton Aargau.

Mittlerweile werden in der ganzen Schweiz Kinder im Primarschulalter auf Covid-19 getestet. Hier eine Testaktion in Mellingen im Kanton Aargau.

Britta Gut

Vieles, was noch vor rund einem Jahr Neuland war, ist mittlerweile Alltag geworden. So etwa das Vorgehen, wenn an einer Schule ein Kind positiv auf Covid-19 getestet wird. Dass ein positiver Fall an einer Schule heute zu weniger Nervosität führt, hängt damit zusammen, dass mittlerweile sehr viel mehr darüber bekannt ist, wie sich Sars-CoV-2 an einer Schule verbreiten kann. Und was getan werden muss, damit es eben nicht zu einem grossen Ausbruch kommt.

Im vergangenen Jahr war das ganz anders. Zur Erinnerung: Im Frühling waren die Schulen in der Schweiz für mehrere Wochen geschlossen, Kinder und Jugendliche lernten im Fernunterricht daheim. Welche Rolle die Jüngsten im Pandemiegeschehen spielen, war unklar. Im Kanton Solothurn wollten das Volksschulamt und der kantonsärztliche Dienst das möglichst rasch ändern und einen Weg finden, mit dem Virus im Schulalltag umzugehen und Schulschliessungen so möglichst zu verhindern.

Das Projekt Sentinel: Ein Netzwerk soll mehr Klarheit bringen

Im Oktober 2020 startete an verschiedenen Schulen im Kanton deshalb das Projekt «Sentinel Netzwerk Schulen Kanton Solothurn»: Die teilnehmenden Schulen meldeten dem kantonsärztlichen Dienst täglich, ob und mit welcher Begründung Kinder oder Lehrpersonen fehlten. So konnte der Kanton sämtliche Covid-19-Verdachtsfälle und bestätigte Covid-19-Fälle erfassen. Mitgemacht haben sechs Schulen aus sechs Bezirken des Kantons.

An den Schulen des Sentinel-Netzwerks galten die gleichen Vorgaben wie an allen anderen Schulen. Wenn ein Kind oder eine Lehrperson an einer Sentinel-Schule aber positiv auf Covid-19 getestet wurde, dann wurde an der betroffenen Schule ein sogenanntes «intensiviertes Ausbruchsmanagement» installiert. Alle Kinder der Klasse sowie die jeweilige Lehrperson konnten ein «Symptomtagebuch» führen und aufschreiben, ob sie gesund sind oder unter allfälligen Krankheitssymptomen leiden. Am 5. und am 10. Tag nach Bekanntwerden des positiven Falles konnten sich die Kinder und Lehrpersonen der betroffenen Klasse testen lassen. Die Teilnahme an der Untersuchung war freiwillig.

Ein Jahr nach Beginn des Projekts ziehen Catrina Mugglin, stellvertretende Kantonsärztin, und Andreas Walter, der Leiter des kantonalen Volksschulamtes, nun Bilanz. Klar ist: Das Projekt wird im neuen Schuljahr nicht mehr weitergeführt. Der Umgang mit dem Virus und die nationalen Leitlinien hätten sich so verändert, dass das Projekt mittlerweile nicht mehr nötig sei, erklären Walter und Mugglin. So wurden die Testkriterien für Kinder mittlerweile angepasst, für Kinder ab sechs Jahren gelten die gleichen klinischen Testkriterien wie für Erwachsene. Damit gehören auch Testungen im Rahmen von Ausbruchsuntersuchungen oder präventive repetitive Testungen an den Schulen mittlerweile zum Alltag.

Andreas Walter, Vorsteher des Solothurner Volksschulamts, spricht an einer Medienkonferenz.

Andreas Walter, Vorsteher des Solothurner Volksschulamts, spricht an einer Medienkonferenz.

Hanspeter Bärtschi

Austausch zwischen Schulen, Behörden und Eltern wurde gefördert

Gelohnt hat sich der Einsatz laut Catrina Mugglin trotzdem: «Die Zusammenarbeit zwischen den Schulen, dem Volksschulamt und dem kantonsärztlichen Dienst war wichtig und hat auch Dank des Netzwerks gut funktioniert», erinnert sie sich an den vergangenen Herbst. «Gerade während der zweiten Welle hat uns das sehr geholfen.» Ausserdem habe das Projekt auch seinen ursprünglichen Zweck erfüllt. Man habe asymptomatische Fälle entdeckt und so weitere Ansteckungen verhindert. Das etablierte Netzwerk könnte nun in angepasster Form mit weiteren Fragestellungen weiterentwickelt werden. Konkrete Pläne dafür gebe es aber noch nicht.

Der Kanton Solothurn habe mit dem Projekt auch eine Vorreiterrolle übernommen, ergänzt Andreas Walter. «Wir haben im Kanton Solothurn bereits an den Schulen getestet, als andere Kantone dieses Thema noch nicht einmal angesprochen haben.» Ein wichtiges Element für Schulen, Lehrpersonen und Eltern sei ausserdem das Schema für den Umgang mit Kindern mit Erkältungssymptomen gewesen, welches sich auch auf die Erkenntnisse aus dem Solothurner Projekt abstützten konnte.

Das Schema hilft Eltern und Lehrpersonen dabei zu entscheiden, ob ein Kind daheim bleiben, in die Schule gehen oder gar einen Test machen soll. Mittlerweile hilft das Schema den Erziehungsberechtigten und Betreuungspersonen auch in anderen Kantonen bei dieser Entscheidung. «So konnten wir einen kleinen Beitrag dazu leisten, die herausfordernde Situation zu bewältigen», erklärt der Leiter des Volksschulamtes.

Die Erkenntnisse aus dem Projekt wurden ausserdem dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) vorgestellt und sollen auch der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden. Ein entsprechender Artikel wurde gemeinsam mit der Universität Bern verfasst und wird in den nächsten Wochen im Rahmen des Peer-Reviews von Expertinnen und Experten geprüft.

Lüften ist im Schulalltag Pflicht

Weil sich Kinder unter 12 Jahren nach wie vor noch nicht mit einer Impfung schützen können und auch ein grosser Teil der erwachsenen Bevölkerung nach wie vor ungeimpft ist, will der Kanton in einem neuen Projekt mehr darüber erfahren, wie es um die Luftqualität in den Schulzimmern im Kanton bestellt ist. In mehreren Schulen werden deshalb verschiedene Messungen durchgeführt, die Daten zur Luftqualität im Schulzimmer sammeln.

Voraussichtlich Ende Jahr sollen erste Resultate der Untersuchung bekannt werden, so Andreas Walter. Die Daten sollen als Grundlage dafür dienen, an den Schulen nachhaltige Lösungen für eine gute Luftqualität zu entwickeln. Klar ist laut dem Leiter des Volksschulamtes, dass Lüften in den kommenden Wochen eine wichtige Rolle spielen wird, um für saubere Luft im Schulzimmer zu sorgen.

Voreilige Massnahmen wie die Anschaffung von teuren Geräten zur Überwachung der Luftqualität brauche es im Kanton aber nicht unbedingt: «Es braucht keine Hauruck-Übung und es bringt nichts, aus Aktivismus heraus schnelle Massnahmen umzusetzen», warnt er. Wichtig sei viel mehr, die unterschiedlichen Schulzimmer im Kanton individuell zu prüfen und dann gezielt Massnahmen für eine verbesserte Luftqualität zu treffen. «Diese grundsätzliche Herangehensweise ist nicht nur wegen der aktuellen Pandemie wichtig, sondern auch wegen saisonalen Infektionskrankheiten wie der Grippe», erklärt Walter weiter. Ausserdem reiche es im aktuellen Fall nicht aus, nur auf die Luftqualität im Schulzimmer zu achten. Auch andere Massnahmen blieben, solange Kinder sich nicht impfen lassen können.

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